Erfüllte Sehnsucht

Die Peredwischniki-Ausstellung mit Werken der russischen „Wandermaler“ löst eine kleine Völkerwanderung nach Chemnitz aus. Die Ausstellung soll nicht die einzige Aktivität der Chemnitzer Kunstsammlungen im Hinblick auf russische Kunst bleiben.

Video-Präsentation der Ausstellung

„Eindrucksvoll, unter die Haut gehend“, schreibt die Schweizerin Gertrud Burkhard-Bräm kurz und begeistert ins Gästebuch der Ausstellung „Die Peredwischniki – Maler des russischen Realismus“ in den Kunstsammlungen Chemnitz. „Eine traumhafte, die Seele zutiefst berührende Ausstellung. Vielen Dank“, schwärmt Gudrun Ullrich.

Die bildgewaltige Schau mit Werken von Künstlerinnen und Künstlern der „Gesellschaft zur Veranstaltung von künstlerischen Wanderausstellungen“ hat eine kleine Völkerwanderung nach Chemnitz ausgelöst. Repin, Lewitan, Kramskoi – Bilder, die meist nur von Reproduktionen bekannt waren, ansonsten zu den Touristenattraktionen in Moskau und St. Petersburg gehören, sind in Deutschland im Original zu sehen - in dieser Fülle einmalig. Manchmal muss man an der Kasse nach Eintrittskarten anstehen, der Bedarf nach Führungen durch die Ausstellung ist enorm und kann nicht immer befriedigt werden, wie einige Gäste kritisch anmerken. Viele kommen mehrmals. Wie Karl-Steffen Köllner und seine Frau Hannelore. Sie finden „diese Art zu malen generell sehr gut“. Bewundernd stehen sie vor Ilja Repins „Die Saporoscher Kosaken schreiben dem türkischen Sultan einen Brief“. „Ketzerisch könnte man sagen, hier sieht man noch, was die Künstler ausdrücken wollen“, meint lächelnd Hannelore Köllner. Ihr Mann schätzt besonders den „Detailreichtum, wie diese Bilder durchkomponiert sind bis in die einzelnen Figuren“. Und er lobt die Themenvielfalt der Peredwischniki, ihre Darstellung der unteren Schichten des russischen Volkes.

Doreen Papperitz und Peter Lobert aus Dresden sind eigentlich zu einer Konzertprobe nach Chemnitz gekommen, aber extra etwas früher losgefahren, um sich die Peredwischniki-Ausstellung anschauen zu können. Der Konzertsänger Peter Lobert kennt den Text, der zu Repins Kosaken-Bild gehört: „Er ist Teil einer Sinfonie und hängt bei mir als Grafik an der Wand“. Die Malerei selbst beeindruckt sie gar nicht so sehr. „Das ist so eine Art Historienmalerei, weniger als Bild denn als Form interessant“, sagt Doreen Papperitz, „es wirkt wie die älteste Form der Fotografie.“ Aber eben auch „sehr russisch, sehr authentisch“.

Diese Authentizität, die sich in den Bildern des vorrevolutionären Russland spiegelt, des Landes der Ungleichzeitigkeiten, eines Landes an der Schwelle zu einer bürgerlichen Demokratie, die durch Oktoberrevolution und die Verbrechen des Stalinismus auf lange Sicht zunichte gemacht wurde, ist sicher eine der Ursachen für die Anziehungskraft des klassischen russischen Realismus.

Die Ausstellung in Chemnitz hat für die Generaldirektorin der Kunstsammlungen Ingrid Mössinger eine längere Vorgeschichte. Vor etwa 20 Jahren begegnete sie Installationen von Ilja Kabakow, in denen er sich auf fiktive russische realistische Maler des 19. Jahrhunderts bezieht. Und, sagt sie: „In der westdeutschen Kunstgeschichte taucht das Russland des 19. Jahrhunderts nicht auf. Der Realismus war aber eine gesamteuropäische Bewegung, an der russische Maler einen erheblichen Anteil hatten, und sie sind eine Bereicherung der Kunstgeschichte." Während die russische realistische Malerei im Westen kaum bekannt sei, war das in Ostdeutschland anders. Allerdings seien viele Bilder nur in Abbildungen bekannt gewesen. „Mit der Präsentation der Originale kann man eine große Sehnsucht erfüllen“, ist Ingrid Mössinger sicher. Als sie von der gut besuchten Peredwischniki-Ausstellung in Stockholm hörte, kam ihr die Idee, diese Bilder nach Chemnitz zu holen. Zur Freude von Besucherinnen und Besuchern aus ganz Deutschland: „Viele konnten gar nicht glauben, dass die Originale hier hängen“, freut sich Ingrid Mössinger mit und gesteht, dass Maler wie der etwas impressionistische Archip Kuindschi durchaus auch für sie zu den Entdeckungen der Ausstellung gehören. Aber dies sei insgesamt eine „hinreißende Malerei“, schwärmt sie. Ingrid Mössinger betont auch den kulturpolitischen Aspekt der Ausstellung: „Durch die Kunst ergibt sich zwangsläufig eine Annäherung. Die Kunst hat etwas Übergreifendes, Grenzüberschreitendes.“ Sie sei „für beide Seiten ein schöner Anlass, sich zu treffen“. Von diesen Begegnungen zeugen viele russischsprachige Eintragungen im Gästebuch, denen man die Rührung anmerkt, dass hier Bilder zu sehen sind, die viele vorher nur aus Büchern kannten. „Die Leute kommen in Scharen und sind des Lobes voll“, freut sich Mössinger.

Die Peredwischniki-Ausstellung soll nicht die einzige Aktivität der Chemnitzer Kunstsammlungen im Hinblick auf russische Kunst bleiben. In Sommer dieses Jahres wird die russische Künstlerin Teya Kelekhsaewa „Artist in Residence“ in Chemnitz sein. „Damit sind wir eine glänzende Vorhut für die russisch-deutschen Kulturbeziehungen“, sagt Ingrid Mössinger. Und die Deutschen werden nach dem Blick in die russische Kunstgeschichte auch etwas über die Situation gegenwärtiger russischer Kunst und russischer Künstler erfahren.

DIE PEREDWISCHNIKI - Maler des russischen Realismus. 26. Februar 2012 bis zum 28. Mai 2012, mehr Informationen hier

Der Autor ist Mitarbeiter der Freien Presse in Chemnitz.

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