Über die Schmerzgrenze, unter die Gürtellinie

Garik Martirosjan, Moderator des Comedy Clubs. Foto: Pressebild

Garik Martirosjan, Moderator des Comedy Clubs. Foto: Pressebild

In Russland ist das Lachen eine Möglichkeit, soziale Unsinnigkeiten an die Oberfläche zu bringen - und inzwischen hilft es sogar bei Integration und Individualisierungsprozessen.

Worüber lacht das heutige Russland

Der Anfang des Jahrtausends war die Zeit einer bis dahin noch nie dagewesenen Institutionalisierung des Humors. Im russischen Fernsehen tauchten die ersten, in den USA eingekauften Sitcoms auf. Schon bald darauf begann man seine eigenen Sendungen zu produzieren. 2005 startete auf dem Fernsehkanal TNT der Comedy Club, der Radiosender Humor FM  geht in den Ether. 2006 dann beginnt die Ära der Comedy-Sendung Nascha Russia. Zwei Jahres später begeistert der Internet-Songschreiber Pjotr Nalitsch die Netzgemeinde mit seinem Video-Clip, dem Parodie-Song Gitar (Gitarre) und der Klub der Frohsinnigen und Findigen wurde endgültig zur gesamtrussischen Kaderschmiede für das Fernsehen, in dem er Drehbuchautoren, Programmredakteure, Moderatoren und die eigentlichen Stars hervorbrachte.

Die folgende Entwicklung verlief vollkommen gesetzmäßig: Unter den Bedingungen einer zunehmenden Stabilität in der Gesellschaft nahm die Vielfältigkeit der Unterhaltung zu, folglich auch auf dem Gebiet des Humors. Die russische Gesellschaft hatte im letzten Jahrzehnt weit weniger unter Alltagsproblemen zu leiden  und  es gab mehr Anlass zur Freude als in den Neunzigerjahren. Dieser „Durchbruch“ des Humors in den Nullerjahren ist ein Symptom der sozialen Umwälzungen, eine Widerspiegelung der Entwicklungstendenzen, die das Leben in Russland in der Gegenwart bestimmen.

Witzlose Politik

 

In den Neunzigern war der Humor bis aufs Äußerste politisiert, als ob alles Lustige im Land ausschließlich in der Politik passieren würde. Der Ton wurde nun durch die  im Jahre 1994 beim Fernsehkanal NTW ins Programm aufgenommene Sendereihe Kukly (Puppen), dem Pendant zu Hurra Deutschland, bestimmt.

Das Programm trieb seine Possen mit populären Filmen und Büchern, historischen Ereignissen und  Persönlichkeiten, die von Latexpuppen verkörpert wurden, und denen vor allem die russischen Spitzenpolitiker als Vorbild dienten. Die Sendungen waren zeitnah und verarbeiteten die aktuellen politischen Tagesgeschehnisse und -konflikte. 

Die Einschaltquoten des Programms betrugen bis zu 22 % und in der Tagespresse wurden nicht nur die richtigen Politiker diskutiert, sondern auch deren Gummi-Doubel. Damit wurde der Kanon der Parodie geprägt: Jelzin sprach sehr gedehnt und mitnichten hochsprachlich, Schrinowskij dagegen schnell und abgehackt. 1999 dann tritt der politische Humor in eine neue Epoche.

Unpersönliche Politik

An die Stelle des urwüchsigen und  tollpatschigen Jelzins trat ein Mann ohne besondere Ecken und Kanten: Weder in seiner Sprache, noch in seinem Aussehen oder seinem Verhalten ist Wladimir Putin ausgesprochen charakteristisch oder wiedererkennbar. Maxim Galkin, der populäre Fernsehmoderator und  Parodist, meint diesbezüglich: „Der Abgang Jelzins war für viele Autoren ein Tiefschlag“. Er selbst wurde gerade dadurch berühmt, dass er diese Nische für sich gefunden hat: Im Herbst 1999 trat er mit starrem Blick ans Mikrofon und sprach gepresst, den Hals nervös streckend, fast schüchtern und farblos die einzigen Worte, die mit Putin assoziiert werden: „Guten… ähm… Abend“. So wurde Galkin über Nacht zum Star.

Diese aufgesetzte Zurückhaltung wurde auch von anderen Parodisten aufgegriffen. Putin wurde bei den Comedians allmählich immer selbstsicherer und brutaler. Aber das Leben dieser, wie es scheint, sehr treffenden Darstellung des neuen Präsidenten erwies sich als sehr kurz. Dieser Höhepunkt der Fernsehparodie auf Putin ging vorbei und das Programm Kukly verschwand 2002 vom Bildschirm, nachdem die führenden Köpfe des Fernsehkanals NTW im Rahmen des Verkaufs der Anstalt an den Konzern Gasprom – also quasi der Verstaatlichung – ausgetauscht worden waren. Und  die Ursache dafür liegt nicht nur in der (Selbst-)Zensur...

„Zu Beginn des Jahrtausends hatten von der Politik alle den Kanal voll“, meint Maxim Kononenko, Erfinder der Webseite Vladimir.vladimirovich.ru, auf der er in spashafter Form den Alltag Wladimir Putins beschreibt. „Die Menschen waren mit dem Konsumieren beschäftigt – zum Glück gab es dafür ausreichend viele Möglichkeiten. Außerdem verschwand in den Nullerjahren die Innenpolitik etwas aus dem öffentlichen Blickfeld, und die politischen Clowns und Polterer der Neunziger verschwanden von der Bildfläche. An ihre Stelle traten blasse Menschen in blassen Anzügen. Und um über diese, hinter den Kulissen geführte, Politik seine Scherze machen zu können, musste man sich in der Materie schon sehr gut auskennen“, erinnert sich Kononenko.

Eigentlich ist dieser „Vladimir Vladimirovich™“ Kononenko  kein strenger Politiker sondern eher ein Betrachter, der immer wieder von irgendwelchen Oppositionspolitikern oder ausländischen Staatsführern belästigt wird. Gelegentliche Zwischenfälle im Lande werden meist damit begründet, dass einer der „Abgeordneten-Androiden“, quer schlägt. Wobei alle Helden einander liebevoll mit Bratello (Bruderherz) anreden“.

Bei näherer Betrachtung stellt man fest, dass mit Kononenkos Webseite ein neuer  politischer Humor entstanden ist — nicht aktuell politisch, sondern eher dem Alltag des Otto-Normal-Verbrauchers entsprechend. Die Politik hat sich vollständig in eine Privatangelegenheit der einfachen Leute verwandelt. Und  im gesamtgesellschaftlichen Humor ist anstelle der Politik im ganzen nur noch der Politiker übrig geblieben — als einen Mensch, der dem Publikum gleicht, das über ihn lacht, mit genau den gleichen Schwächen, Freuden und Sorgen.

„Wir haben damals keine Witze zu politischen Themen gemacht, obwohl man sagen konnte, was man wollte“, erinnert sich Semjon Slepakow, Drehbuchautor und  Produzent der populärsten russischen ScetchCom Nascha Russia (Unser Russland).  „Aber für uns war das nicht interessant — uns ging es um andere Themen, die dem Zuschauer näher am Herzen lagen“.

Gegen Mitte des vergangenen Jahrzehnts trat im Massenhumor anstelle der Politik endgültig das Privatleben der Menschen.

Fünfjahrplan des Fäkalhumors

Mit dem Vordringen der Alltagsthematik verlor der Humor seine Schärfe und sank unter die Gürtellinie – im wahrsten Sinne des Wortes: Von Witzen über Genitalien gingen die Comedians zu Gags über Fäkalien über. Vom kultursoziologischen Standpunkt aus betrachtet war dies ein Rückschritt, vom gesellschaftlichen ein Fortschritt: Auf dem Bildschirm wurde nun ein ganzer Teil der früher verbotenen Themen zugelassen.

Dank dieser Grobheiten und Verstöße gegen überholte Tabus wurde die russische Fernsehshow Comedy Club, in etwa mit dem Humor der RTL Samstag Nacht vergleichbar, zum erfolgreichsten Fernsehprojekt des Jahrzehnts, das den allgemeinen Untergang des Massengeschmacks im Bereich des öffentlichen Humors als Emanzipation des Publikums ansah.

Allerdings  hatten die russischen Zuschauer von dieser Inflation der Frivolitäten bald schon genug und Anfang 2011 änderte der Comedy Club sein Image: Die hemmungslosen und zotigen Gags sind nun verschwunden und die Show wird von Garik Martirosjan, dem manierlichsten aller Moderatoren geführt. „Toiletten-Humor“ ist ein Ausdruck von Stabilität in der Gesellschaft. In Amerika und  Europa leben die Menschen bereits seit Jahrzehnten nach diesem Schema, und sie lechzten – ganz im Gegenteil – nach Trash und Hardcore. Deshalb gibt es dort auch in den Comedy-Shows häufig einen solch grenzwertigen Humor“, erklärt Slepakow.

Lachen über die Reichen

 

Doch seine Popularität hat der Comedy Club bei weitem nicht  nur dem Fäkalhumor zu verdanken. Das Programm hat sich von den veralteten Teleshows der Neunziger dadurch abgesetzt, dass in einem kleinen Zuschauerraum keine anonyme Masse sitzt, sondern allerlei russische Celebritys, die die Zielscheibe der – recht schlüpfrigen und spöttischen Gags — bilden. Das Lachen der Spießbürger ist nunmehr eine Methode, Reichtum und Glamour zu erwerben und es an das normale Leben „anzupassen“: Anstelle der Neuen Russen der Neunzigerjahre trat die Selbstironie der Nullerjahre.

„Der russische Humor des vergangenen Jahrzehnts“, glaubt Garik Martirosjan, „basiert auf den gleichen Prinzipien wie der Humor der Neunzigerjahre, allerdings gibt es dabei ein kleines „Aber“: In der Neunzigerjahren waren diese Prinzipien und Trends  immer mit einem Ausrufezeichen versehen: Hurra! Uns geht es besser!  Hurra! Wir haben endlich Werbung! Hurra! Wir machen unsern Urlaub überall in der Welt! Hurra! Bei uns gibt es Sex! (Hatte doch Mitte der Achtzigerjahre bei einer Fernseh-Live-Diskussion zwischen der Sowjetunion und den USA eine russische Erzkommunistin öffentlich behauptet „Bei uns im Land gibt es keinen Sex!“)“.

Der Humor der Nullerjahre hat diesen Grundsätze beibehalten, aber die enthaltenen Emotionen haben sich transformiert. Statt Euphorie ist jetzt ein kritischer Ansatz angesagt: „Der Reichtum einiger Bürger des Landes hat abstoßende Formen angenommen. Die Werbung geht den Leuten auf den Keks, die Fernsehshows sind in der Regel nur ein Abklatsch und  kopieren einander. Wir können jetzt überall in der Welt Urlaub machen, aber wenn wir uns entspannen, ist die ganze Welt angespannt“, erklärt Martirosjan. Deshalb ist an die Stelle des Glamours ganz schnell die öffentliche  Selbstgeißelung gerückt – man legte die Glitzerkostüme wieder ab und wurde zum normalen Menschen.  

 

Musikalische Internet-Persiflage

Gleichzeitig mit der Demaskierung des Reichtums und der Verbreitung des Internets haben neue Comedian den Humor im Web für sich entdeckt. Die musikalischen Stars der Nullerjahre, die dem Internet entstammen, sind wohl auch die Anführer des modernen russischen Humors.

Der erste dieser Stars war 2007 Pjotr Nalitsch mit seinem Videoclip Gitar: In einem zerbeulten Schrottwagen der Marke Lada sitzend singt ein „Kerl von der Straße“ in gebrochenen Englisch Jump to my Yaguar. Nalitsch arbeitet im Genre poetisch-musikalische Parodie, das mindestens genauso alt und komplex ist wie das lyrische Lied: Musikalische Scherze haben bereits Bach und Mozart komponiert. Nalitsch seinerseits parodiert den Lebensstil des „Dorfmachos“ oft mit der musikalischen Struktur der Neapolitanischen Romanze – so begeistert er sowohl die nicht all zu anspruchsvollen Menschen, als auch die Musikästheten.

In einer gewöhnlichen Epoche könnten die meisten Melodien Nalitschs als ganz normale Lieder aufgefasst werden. Aber er hat ein Gespür für den Zeitgeist: Wo Pop-Musiker dem Zuhörer nichts grundsätzlich Neues mehr anbieten können, ist der „neue“ Humor wie in frische Schläuche abgefüllter alter Wein. Gerade einmal zwei Jahre später vertrat der bis dahin unbekannte Nalitsch Russland beim Eurovision Song Contest.

Integration durch Humor

 

Der zunehmende Wohlstand im vergangenen Jahrzehnt führte in russischen Großstädten zu einem Zustrom von Migranten. Das Lohnniveau dort stieg um ein Vielfaches im Vergleich zu den Einnahmen der Bevölkerung im Kaukasus und in Mittelasien an, so dass die Zahl der Arbeitsmigranten Größenordnungen annahm, was sich natürlich unmittelbar auch im Humor widerspiegelte. Im Herbst 2006 ging die Fernsehshow Nascha Russia an den Start, eine Lizenz von Little Britain. Helden und Idole der Show sind die beiden Figuren Rawschan und Dschamschut.

 

Die beiden tadschikischen Fremdarbeiter Rawschan und Dschamschut,
Helden aus der Comedy-serie „Nascha Russia“, treiben den russischen
Bauleiter in jeder Folge aufs Neue in den Wahnsinn. Foto: Pressebild

 


Die beiden sind Gastarbajter (ein Begriff, der aus Deutschen übernommen wurde, auch wenn er dort seit Jahren nicht mehr political correctist), die ständig irgendwelche Renovierungsarbeiten in den vornehmen Wohnungen der wohlhabenden Russen durchführen – ein selbstironischer Verweis auf den Renovierungshype in Russland Anfang der Neunzigerjahre, als die Leute begannen ihre Sowjetwohnungen auf westlichen Standard zu trimmen – ein Prozess, der bis heute anhält.

Die Running Gags basieren auf ein und demselben Prinzip: Zwei nicht all zu gescheite Billigarbeiter haben ihre Probleme mit der russischen Realität, da sie die Sprache kaum beherrschen und nicht verstehen, was ihnen ihr russischer Bauführer sagt. Sie packen ihre Frühstücksstullen auf einem teuren Flügel aus oder bemalen den LCD-Fernseher, als ihnen aufgetragen wird, das Zimmer zu streichen. Der kulturelle Kanon des grobschlächtigen russischen Bauführers stößt auf den kulturellen Kanon  zweier Migranten aus Mittelasien. Dieser Gegensatz produziert Lacher am laufenden Band.

Und mit einem Male sind  Rawschan und  Dschamschut nicht nur unter den Russen populär, sondern auch unter den Arbeitsmigranten, die sie darstellen: Deren Community  in Russland hat bis zum heutigen Tag keinen eigenen Sprecher. Die Show Nascha Russia ist faktisch das einzige öffentliche Medium, in dem die nationalen Minderheiten eine zwar nur komödiantische, aber immerhin eigene Stimme haben.

Dieses Lachen bringt die Russen denen näher, die still und unbemerkt auf deren Baustellen arbeiten: Nascha Russia ist die wichtigste Quelle, aus der die Bevölkerung ihre Vorstellung über das Leben der Gastarbeiter schöpft, wobei Rawschan und  Dschamschut absolut positive, sympathische und sogar rührende Figuren sind.

In diesem Sinne sind die Gags über Gastarbeiter, in denen jene eher positiv, als negativ dargestellt werden, möglicherweise ein erster Schritt, diese Migranten von ihrem Schattendasein zu befreien und  sie in die heutige russische Gesellschaft aufzunehmen. Denn in zehn Jahren wird die Generation der Kinder dieser Straßenkehrer und Bauarbeiter heranwachsen, die, während ihre Väter das Geld verdient haben, in russische Schulen gegangen sind und aus denen eigene Comedians hervorgehen werden — so wie aus den Migranten in Deutschland.

Russische Stand-up-Comedy

 

Allerdings lässt die Popularität von Nascha Russia bereits wieder nach, und nun sind es die Individualisten, die „Einzelkämpfer“-Comedians, die angesagt sind.

„Das Problem ist, dass du in Russland immer zur Teamarbeit erzogen worden bist“, sagt Kulikow. „Du kommst zum KWN, wenn du 14 – 15 Jahre alt bist, und dein Team beginnt, dich zu formen. Dir wird gesagt, welche Gags etwas taugen und welche nicht. Du kannst deine eigenen Gags nicht ausprobieren, weil deine Kameraden dir erklären: ,Wir kennen diese Halle, wir kennen das Publikum – glaub uns, das kommt hier nicht an!`“

Kulikow gehört bereits zur neuen Generation der Comedians. Er tritt als Solist in Klubs auf. Er scherzt über sein Privatleben – über sein kompliziertes Verhältnis zu seinem Vater, darüber, wie er zu Silvester zusammen mit seiner Freundin deren Asthmaanfall übersteht. Die Zuschauer lachen.

„Das meiste von dem, was ich bei meinen Stand-up-Auftritten  erzähle, ist Ergebnis meiner eigenen Dummheit. Ich warte jedoch nicht darauf, bis jemand mich darauf aufmerksam macht, sondern sage selbst: „Ha, ha! Schaut her, ich habe eine Dummheit begangen!” — und  verdiene damit mein Geld.“

Nikolaj Kulikow. Foto: Facebook


Kulikows Stärke liegt in seiner Ehrlichkeit. Die russische Stand-up-Comedy, die in den letzten Jahren aufgekommen ist, stellt keinen Abklatsch westlicher Formate dar, sondern ist eine vollkommen neuartige Erscheinung. Sie ist weniger ein Genre, als ein Fertigungsrezept für Humor, den alle verstehen, der aber von einer konkreten Person stammt und nicht von einer Institution. Und dieser in den letzten Jahren in Russland aufgekommene und auf Autoren bezogene Ansatz ist ein positiver Trend. In allen Bereichen, nicht nur im Humor. Im Humor ist er einfach nur leichter zu spüren.

Das Phänomen KWN

Das Fernsehformat KWN (Klub wesjolych i nachodtschiwych, zu Deutsch Klub der Frohsinnigen und Findigen) basiert auf Mannschaften aus acht bis zehn Personen, die auf der Bühne agieren und dabei verschiedene Figuren und Persönlichkeitstypen darstellen. Die Gags denken die Teammitglieder sich gemeinsam aus, meist mithilfe von Brainstormings. Das Format wurde mit Aufkommen des Fernsehen in der Sowjetunion Ende der Fünfzigerjahre entwickelt und  erlangte eine gigantische Popularität. Im ganzen Land kam es zu einer KWN-Bewegung. Angeregt durch die Fernseh-Spielshow wurden nun eigene KWNs in Schulen, Universitäten und  Betrieben gegründet.

Die Qualifikationsturniere des KWN wurden in Hochschulen im ganzen Land durchgeführt, ins Fernsehen kamen nur die besten Mannschaften. Mit Beginn der Stagnationszeit unter Breschnew, Anfang der Siebzigerjahre, wurde das Format aus dem Programm genommen, aber die kleinen Klubs überall im Land blieben zum größten Teil bestehen. Mit der Wiederbelebung des Formats während der Perestroika erwachte der Humor in der Öffentlichkeit wieder zu neuer Kraft. Wenn man es genau bedenkt, so sind die Klubs der Frohsinnigen und Findigen in Russland eine „Kaderschmiede“ für Nachwuchs-Comedians, statt nur einer Castingshow für Eintagsfliegen des Showbiz – auch wenn ihre Bedeutung in letzter Zeit nachgelassen hat.

„Den meisten Menschen fällt es leichter, über alles Mögliche zu sprechen, statt über sich selbst“, kommentiert den Charakter des russischen Bühnenhumors der Moskauer Stand-up-Comedian Nikolaj Kulikow. „Während der Sowjetära und später in den Neunzigern haben wir den Leuten aus dem KWN zugesehen, die auf der Bühne standen, aber nicht über sich selbst gesprochen haben. Sie kamen auf die Bühne mit einem Zettel in der Hand und erzählten von der Tante Sonja dieses und jenes oder von den Russen im allgemeinen. Aber über sich selbst erzählten sie nichts“. 

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