"Der Markt fragt nicht nach deinem Geschlecht"

Interview mit Natalja Kasperskaja, Mitgründerin des berühmten Softwareunternehmens Kaspersky Lab.
Natalja Kasperskaja. Foto: Pressebild

 Frau muss wissen, wo ihre Talente liegen. Natalja Kasperskaja (46) ist zwar studierte Maschinenbauerin und Mathematikerin, entdeckte allerdings früh ihr Händchen fürs Management. Gemeinsam mit ihrem damaligen Ehemann Jewgenij Kaspersky gründete sie Mitte der 90er-Jahre das Unternehmen Kaspersky Lab, heute eines der weltweit führenden Softwareunternehmen für Anti-Viren-Programme. Kasperskaja ist Vorsitzende des Verwaltungsrats und Generaldirektorin des Tochterunternehmens InfoWatch, das sich auf Datensicherheit in 
Unternehmen spezialisiert hat. Seit 15 Jahren mischt sie nun die männerdominierte Businesselite Russlands auf. Sie gehört zu den einflussreichsten und vermögendsten Frauen des Landes.

Frau Kasperskaja, das Unternehmen Kaspersky Lab hat im letzten Jahr einen Erlös von 617 Millionen Dollar verbucht. Glauben Sie, die Firma stünde dort, wo sie heute steht, hätte es Natalja Kasperskaja nicht gegeben?


Irgendetwas in der Art gäbe es bestimmt. Ich will Ihnen ein Beispiel

nennen. Zeitgleich mit Jewgenij und mir startete ein anderes russisches Softwareunternehmen, Dr. Web, der Gründer war Igor Daniloff. Theoretisch könnten die beiden Firmen etwa gleich dastehen. Aber der Erlös von Kaspersky Lab ist etwa 30-mal höher. Igor hat es allein versucht. Das war sein Problem.


Das heißt, ihm fehlte eine Frau wie Sie an seiner Seite?


Bei Jewgenij und mir passte es damals einfach perfekt zusammen. Es gab eine Person für das Technische: Jewgenij war absolut verrückt, wenn es um die Qualität der Software ging. Ich kümmerte mich um den kommerziellen Teil, um den Verkauf, das 
Marketing, die Promotion.


Würden Sie sagen, Sie haben Kaspersky Lab gegründet?


Ich würde sagen, mein Mann entwickelte eine Software, und ich habe die Firma registriert, die Papiere vorbereitet und ihm geholfen, das Produkt zu verkaufen.


Ist es in der von Männern dominierten Softwarebranche eher von Vorteil oder von Nachteil, eine Frau zu sein?


Ein Vorteil fällt mir sofort ein. Ich nehme ziemlich oft an Versammlungen

teil. Dort sind immer wahnsinnig viele Männer, alle in dunkelblauen Anzügen, alle sehen irgendwie gleich aus. Ich kann mich an die meisten nicht erinnern. Aber sie erinnern sich immer an mich, weil ich die einzige Frau bin. Sie kommen auf mich zu und sagen: „Hallo Natalja, wir haben uns dann und dort getroffen.“ Ich sage: „Schön Sie zu sehen.“ Aber meistens habe ich keinen blassen Schimmer, wer das ist.


Was bewundern Sie vor allem an Geschäftsmännern?


Nicht nur eine Eigenschaft. Ein erfolgreicher Geschäftsmann vereinigt vier Fähigkeiten. Er baut Netzwerke auf, er hat Interesse am Geldverdienen, er ist risikofreudig, also ein wenig abenteuerlustig, und er kann ein erfolgreiches Team formen.


Und welche dieser Charaktereigenschaften haben Sie?


Natürlich verspüre ich einen gewissen Hunger auf das Risiko, solange es abschätzbar ist. Ich fahre Abfahrtsski und Snowboard. Mit dem Snowboarden habe ich erst vor drei Jahren begonnen, die Skier waren keine Herausforderung mehr. Ich lerne gern neue Leute kennen, kommuniziere ausgiebig mit ihnen, und wir haben hier bei InfoWatch ein großartiges Team. Was war das Letzte? Ach ja, das Geld. Natürlich, ich liebe Geld.


Treffen Sie Entscheidungen eher aus dem Bauch heraus oder nach gründlicher Analyse?


Ich versuche immer, die Situation zu analysieren. Allerdings ist der Markt für Informationssicherheit sehr jung - es gibt fast keine Analysen für die Regionen, in denen wir arbeiten.


Also sind Sie notgedrungen auf Ihr Bauchgefühl angewiesen?


Nein. Man kann Entscheidungen aufgrund von Emotionen treffen, aber nur bis zu einem gewissen Grad. Gefühle spielen eine Rolle beim Design eines Buches. Solche Dinge mache ich übrigens sehr ungern. Es ist eine Frage des Geschmacks, und Geschmack sollte bei Entscheidungen keinen Einfluss haben. Bei allen anderen Dingen sollte man so gut wie möglich analysieren, diskutieren, Schritt für Schritt vorgehen.


Führen Frauen ein Unternehmen anders als Männer?


Da gibt es bestimmt ein paar Unterschiede. Frauen sind vielleicht weniger pragmatisch und emotionaler. Aber noch einmal: Auf der obersten Ebene zählen nur die Gesetze des Business. Das Geschlecht spielt dann keine Rolle mehr. Der Markt fragt nicht: Bist du ein Mann oder eine Frau? Es kommt darauf an, voranzugehen, schneller als alle anderen. Du musst stark sein, das ist alles.


Das klingt nach einem Spiel.


Das ist es natürlich. Gerade jetzt investiere ich in fünf verschiedene Unternehmen im IT-Bereich. Ich mag es, Märkte zu analysieren, neue Märkte zu erobern, das Geschäft zu führen.


InfoWatch ist in Russland Marktführer. Wie geht es weiter?


InfoWatch hat in Russland einen Marktanteil von 60 Prozent, wir könnten 70 Prozent erreichen, aber die Investitionen würden sich nicht lohnen. Hier sind wir wie in einem kleinen Teich. Ich möchte raus in den Ozean. Wir hatten einen guten Einstieg in die arabischen Märkte, wir fangen in Indien an, in Deutschland haben wir eine Tochterfirma gegründet. Mit InfoWatch Marktführer in einem einzigen Land zu sein, das klingt für mich nicht mal ansatzweise nach einer Herausforderung.

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