Junge Mütter fordern ihr gutes Recht

Juni 2011: EGIDA-Aktivistinnen demonstrieren für mehr Kindergeld. Foto: Pressebild

Juni 2011: EGIDA-Aktivistinnen demonstrieren für mehr Kindergeld. Foto: Pressebild

Die Arbeitsrechtsberatung EGIDA vertritt Frauen vor Gericht, denen während und nach der Schwangerschaft gekündigt wurde - und bringt ihnen so Zivilcourage bei.

Das EGIDA-Büro liegt versteckt, in einem Hinterhof von Sankt Petersburg. Die 28-jährige Elena Pleschko betreut darin seit 2005 eine Hotline für Menschen, denen plötzlich gekündigt wurde. „Die meisten kennen ihre Rechte als Arbeitnehmer überhaupt nicht“, sagt die Juristin. Deshalb sei es so wichtig, dass es eine verlässliche Anlaufstelle gebe. 


Seit 2008 gilt der Schwerpunkt ihrer Arbeit schwangeren Frauen und jungen Müttern. Laut Gesetz steht Frauen ein Mutterschutz von 70 Tagen vor und nach der Geburt zu 
bei Auszahlung des vollen Gehalts. Danach bekommen sie weitere 15 Monate 40 Prozent ihres Gehalts. 


Dass sich Arbeitgeber zunehmend zieren, den Mutterschutz und gleichzeitig eine neue Arbeitskraft zu finanzieren, hat mit der Wirtschaftskrise zu tun, aber auch damit, dass die soziale Verantwortung in russischen Unternehmen spürbar abnimmt.


Ein Drittel der Mütter in Sankt Petersburg ist nicht verheiratet, viele sind alleinerziehend. Das Elterngeld sichere für solche Frauen die Existenz, so Pleschko. Und EGIDA setze sich vor Gericht dafür ein, dass es auch ausbezahlt werde. Im letzten Jahr gab es 16 Rechtsfälle, 13 davon hat die Organisation gewonnen.


Irina Rumanzowa ist eine der Mütter, die zu ihrem Recht gekommen sind,

auf EGIDA ist sie durch eine Fernsehreportage gestoßen. Sie war eine von 21 Frauen einer Nähfabrik, die von einem Tag auf den anderen auf die Straße gesetzt wurden, ohne Gespräch, ohne Alternativen, ohne Abfindung. Ihr Kind Marina war damals gerade einmal zehn Monate alt. „Bis heute hat das Unternehmen nichts an seiner Vorgehensweise geändert“, sagt Rumanzowa, „sie quetschen Frauen aus und werfen sie dann einfach weg.“ 

Nachdem sie sich von dem Schock erholt hatte, dass es in Russland Firmen gibt, die den gesetzlich vorgeschriebenen Mutterschutz so grob missachten, zog sie mithilfe von EGIDA vor Gericht. Sie klagte um 40 000 Rubel, umgerechnet 1000 Euro, und gründete nach Beendigung des Prozesses einen Verein – um auf Frauen in ihrer Situation aufmerksam zu machen und auf ein weiteres Problem: die Vorfinanzierung des Elterngeldes durch den Arbeitgeber. 


Denn in der Regel zahlt ein Sozialfonds den Arbeitgebern ihre Ausgaben für den Mutterschutz zurück, aber nur unter großem bürokratischen Aufwand. Diese Prozedur verstärkt die Tendenz bei Unternehmen, Frauen während oder nach der Schwangerschaft zu kündigen. „Wir müssen das Verfahren erleichtern, und wir müssen dagegen ankämpfen, dass Geschäftsleute glauben, sie könnten alles mit uns machen. Wir wollen zeigen, dass wir im Recht sind und Anspruch auf diese Zahlungen haben“, sagt Irina Rumanzowa. Ihre Stimme wirkt entschlossen und selbstbewusst.


Pauline Tillmann arbeitet als freie Journalistin in Sankt Petersburg.

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