Meine Tjoscha und ich

Bild: Dmitry Divin

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Deutscher heiratet Russin: Wie man ihr Herz gewinnt und dabei die grenzenlose Liebe der Schwiegermutter erntet.

Über die „Tjoscha“, wie die Mutter der Ehefrau in Russland heißt, gibt es eine Unmenge von Anekdoten. Die eine, die ich mir merken kann und die sich pars pro toto geradezu anbietet, geht so:

Die Tjoscha kommt zum Schwiegersohn zu Besuch.

Schwiegersohn: Oh, die Mama ist gekommen. Bleiben Sie lange?

Tjoscha: Na ja, so lange, bis ihr mich satt habt.

Schwiegersohn: Also nicht mal einen Tee wollen Sie?

Ergo: Das Verhältnis Schwiegersohn/Schwiegermutter ist zentral im russischen Familienkosmos. Und gilt als höchst kompliziert, denn die Schwiegermutter will ihm die Mutter ersetzen. Idealerweise – und auch weit verbreitet - wird die Tjoscha dementsprechend nach einer kurzen Eingewöhnungsphase vom Schwiegersohn als „Mama“ angesprochen. In Deutschland gilt das als ausgesprochen antiquiert.

Überhaupt spielt der Familienzusammenhalt in Russland eine weitaus wichtigere Rolle als in Deutschland. Er wurde noch wichtiger in den 90er-Jahren, als das Land auseinanderfiel und als einzige funktionierende Institution die Familie übrig blieb. In Russland gilt „Blut ist dicker“, und mögen sich die Familienmitglieder auch noch so unterscheiden – äußerlich, innerlich, politisch oder sonstwie. Wer also eine Russin oder einen Russen heiratet, muss darauf gefasst sein, felsenfest in ihre Familie integriert zu werden. Die Deutschen mögen das als beengend empfinden, aber keine Panik: Als Lohn dafür gibt es – so man das Placet der Tjoscha erhält - grenzenlose Zuneigung, Borschtsch und Buletten auf Lebenszeit. Denn die Liebe der Tjoscha geht durch den Magen.

Zwar gibt es auch die eine oder andere Deutsche, die sich einen russischen Mann sucht. Aber meist ist es doch andersherum: Deutsche Männer stehen auf russische Frauen. 2010 lag Russland zusammen mit der Ukraine und Weißrussland als Brautexporteur für Deutsche auf dem ersten Platz.

Russische Frauen werden von den meisten deutschen Männern als „weiblicher“ empfunden. Gegen Emanzipation haben Russinnen im Prinzip nichts, aber dass sie auch ihr Äußeres betreffen soll, wird nicht akzeptiert. Sie schminken sich mehr, tänzeln auf atemberaubend hohen Stöckelschuhen durchs Leben und genießen es, wenn ein Mann ihnen in den Mantel hilft, die Tür öffnet oder einen Strauß Rosen schenkt. Russische Frauen geben mit Vergnügen einen Teil ihrer Selbstständigkeit auf, damit Mann sich als Kavalier der alten Schule fühlen kann: Oft haben sie keinen Führerschein, empfinden es aber als äußerst angenehm, wenn Mann sie chauffiert. Allerdings habe ich deutsche Bekannte, die solche „Spielchen“ in den Wahnsinn treiben. „Thomas, ich hab meinen Schirm vergessen, holst du ihn mir?“, sagt sie auf der Straße. „Hol ihn dir doch selber“, sollte man wohl bäffen, aber nein – das ist ja das Spiel. Ähnliches gilt fürs Rucksack-, Koffer- und Taschentragen.

Aber Vorsicht! Der Schock kann groß sein, erlebt man jene Grazien in den eigenen vier Wänden. Denn Teil des „Spiels“ ist auch der Unterschied zwischen dem „Draußen“ und „Drinnen“: Nach dem Übertreten der Türschwelle werfen sie Pelze, Stöckelschuhe, manche gar Perücken von sich, und stürzen sich mit Trainingsanzügen, Schürzen und Schlappen in die Hausarbeit. Womit wir beim wohl wichtigsten Unterschied wären.

Der Rollenverteilung: Ja, sie ist in Russland ziemlich traditionell. Die Frau kocht, putzt und kümmert sich um die Kinder, der Mann ist fürs Grobe zuständig: Autokauf und -reparatur, Wohnung renovieren, arbeiten, Kriege führen. Zwar gibt es in den Großstädten junge Leute, die das anders handhaben – aber besonders den Männern fällt es schwer, sich von der Rolle zu trennen, die sie von der eigenen Mutter anerzogen bekommen haben. Und sollte er sich mal in der Rollenverteilung derart verheddern, dass er einfach nicht mehr weiterweiß, dann geht er eben zur Tjoscha. Kaum über der Türschwelle wird er dort hören: „Setz dich, hier hast du einen Borschtsch und Buletten.“