Du lächelst, ich suche nach dem Sinn des Lebens

Der eine lächelt, der andere nicht: Siemens-Transportation-Group-Präsident Hans Schabert und Chef der Russischen Eisenbahn Boris Jakunin unterzeichnen Abkommen. Foto: Kommersant

Der eine lächelt, der andere nicht: Siemens-Transportation-Group-Präsident Hans Schabert und Chef der Russischen Eisenbahn Boris Jakunin unterzeichnen Abkommen. Foto: Kommersant

Wenn Russen und Deutsche verhandeln, sorgt etwa ein Drittel der Gesten für Missverständnisse. Das belegen neue Untersuchungen aus Woronesch und Halle.

Der größte Unterschied bei der interkulturellen Kommunikation liegt in der Mimik, besonders in der Art zu lächeln. Russen wird oft nachgesagt, sie lächelten selten. „Weil dem russischen Lächeln schlicht und einfach eine wichtige Funktion fehlt, die es bei praktisch allen Völkern der Welt besitzt – die Funktion, Höflichkeit zu demonstrieren“, erklärt Iossif Sternin, Professor an der Universität Woronesch. Der Hauptzweck des Lächelns bestehe darin, dem Menschen, dem es gilt, persönliche Sympathie kundzutun. Ein russisches Lächeln kann nur aufrichtig sein.

Russland denkt weiblich

Sternin hat ein Modell zur Beschreibung von nationalem kommunikativen Verhalten entwickelt. Während in der deutschen Mentalität Komponenten wie Individualismus, Unabhängigkeits- und Dominanzbestrebungen überwiegen, ist die russische geprägt von persönlichen Beziehungen, dem Wunsch nach Kollektivität, Zusammenarbeit und Austausch, Attribute, die gemeinhin eher dem weiblichen Prinzip zugeordnet werden. Beispielsweise treten Russen im Gespräch dicht an den Partner heran und scheuen auch vor einer Berührung nicht zurück: „Die russische Kultur ist eine Kontaktkultur, die deutsche hingegen setzt auf Distanz. Russen rücken bei einer Unterhaltung 30 bis 40 Zentimeter näher an ihr Gegenüber als Deutsche. Sie suchen bewusst die nonverbale Kommunikation und zögern nicht, den Gesprächspartner anzutippen oder ihm die Hand auf die Schulter zu legen“, so Sternin.

„Für Russen ist diese Art des Austauschs ein sehr wichtiger Teil ihrer Kultur“, sagt Hellmut Eckert von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, der gemeinsam mit Sternin die deutsche und russische Mentalität konfrontativ untersucht. Die Erkenntnisse der Sprachwissenschaftler basieren auf Beobachtungen, Umfragen und Fragebogen.

Eckert demonstriert den Unterschied an einem Beispiel: Wird ein Russe eingeladen, hängt seine Bewertung der Gastfreundschaft unmittelbar davon ab, wie interessant und lebendig sich die Unterhaltung mit dem Gastgeber gestaltet. In Deutschland stehen Äußerlichkeiten wie die Einrichtung und die Qualität der Bewirtung an erster Stelle.

Beide Wissenschaftler merken an, dass Russen und Deutsche sogar den eigentlichen kommunikativen Austausch unterschiedlich verstehen: Deutsche führen selbst eine freundschaftliche Unterhaltung weitgehend als Gesellschaftsgespräch und sparen Themen aus. Tabuthemen wie Krankheit, Einkommen oder Details aus der Privatsphäre gibt es für Russen nicht. Sie sehen keinen Sinn im Smalltalk und können ohne Weiteres bei der ersten Begegnung nach Gehalt, Privatleben oder gar dem Sinn des Lebens fragen.

Das Private ist geschäftlich

Im Arbeitsalltag trennen Deutsche säuberlich ihre Kontakte nach privat und geschäftlich. Russen halten Arbeit und Privatleben kaum auseinander. „Dort erweisen sich Privatbeziehungen im Geschäftsleben oft als besonders effizient“, erläutert Sternin.

Ein weiterer Unterschied besteht in der Einstellung zu Rechtsprechung und Gesetz. Während Deutschen das Gesetz über alles geht, ist den Russen eher der Chef das Maß aller Dinge, der jedwede Direktive nach seiner Manier „hinbiegen“ kann. Werden in einem deutschen Team selbst Mitarbeiter der mittleren Ebene in die Entscheidungsfindung einbezogen, orientieren sich Russen an den Vorgaben von oben. Deshalb vermissen deutsche Chefs bei ihren russischen Mitarbeitern Eigen
initiative, während Deutsche über das autoritäre Gehabe russischer Vorgesetzter klagen. „Den russischen Vorgesetzten wiederum befremdet es, wenn die Mitarbeiter nicht genug Respekt vor seiner Stellung zeigen und zu eigenständig sind“, verdeutlicht Sternin. 

Sogar die Zeit vergeht anders 

Bei den Deutschen ist die Zeit monochrom und linear ausgerichtet. Jede Sache hat ihren Ort und ihre Stunde. Russen nehmen die Zeit polychrom wahr, deshalb können sie leicht von einer Aufgabe zur nächsten springen oder mehrere Dinge gleichzeitig erledigen. Andererseits kommen Russen häufig zu spät. Ihre Sprache bietet viele Möglichkeiten, genaue Zeitbestimmungen zu relativieren.

„Die Russen besitzen eine ausgeprägte Kommunikationskultur, doch wir sollten ein wenig von der Alltagskultur der Deutschen lernen“, resümiert Sternin. Sein Kollege meint, die Deutschen täten gut daran, sich etwas abzuschauen von der Warmherzigkeit der Russen, ihrer Gastfreundschaft und Aufrichtigkeit. Den Russen rät er, die Ernsthaftigkeit im Umgang mit der Zeit und dem Gesetz zu übernehmen.


Das laufende Forschungsprojekt ist noch nicht veröffentlicht. Frühere Untersuchungen sind hier zu finden: H. Eckert; I. A. Sternin (Hrsg.): „Kontrastive Beschreibung der russischen und deutschen Sprache“. 
Halle, 1996. 138 S.

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