Gedenken ohne Hass

Die meisten Deutschen kennen das, im Ausland als Nazis angesprochen zu werden. Bei mir passierte es in Frankreich, Anfang der Siebziger. In England gehört German Bashing zur Folklore, selbst Schweizer und Italiener schwingen bisweilen die Nazikeule.

Wie die große Mehrheit der Deutschen lehne ich den Nazionalsozialismus ab und verurteile den Zweiten Weltkrieg. Aber bei allen Bekenntnissen, dieses Kapitel niemals zu vergessen: Manchmal wünsche ich mir schon, ich würde etwas seltener daran erinnert. Vor allem aus dem Ausland. 

Viele Deutsche blicken in diesen Tagen mit Erstaunen auf Russland. „Die können es auch nicht lassen, berauschen sich an Siegesparaden.“ So oder ähnlich knurrt manch deutscher Beobachter, wenn er die Bilder von den Feiern zum „Tag des Sieges“ am 9. Mai sieht. Aber wer glaubt, die Erinnerung sei nur von oben verordnet, der irrt. Und eines schwingt bestimmt nicht mit bei der Festtagsfreude: Hass gegen die Deutschen. 

Wer sich länger in Russland aufhält, wird zwei Dinge bemerken: Das Gedenken an den Zweiten Weltkrieg und seine Opfer ist noch sehr lebendig, und zwar nicht nur auf staatlicher Ebene, auch in den Familien. Und die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit wird nicht dazu missbraucht, die Bundesrepublik anzufeinden. Im Gegenteil, man versichert Deutschen stets: „Du kannst nichts dafür ...“

In Deutschland jedoch ist wenig Verständnis für den ehemaligen Kriegsgegner zu spüren. Man erinnert an Vergewaltigungen durch Rotarmisten, die deutsche Teilung und feiert lieber die Amerikaner als die „einzigen wahren Sieger“. 

In Russland erzählt man die Geschichte dieser Tragödie anders als im Westen. Es geht mir nicht darum, ob diese Sichtweise richtiger ist als die uns vertraute. Was uns nicht schaden könnte, wären mehr Wissen und Einfühlungsvermögen. Was trug die 
Sowjetunion zum Sieg über Hitlerdeutschland bei? Was mussten Russen und andere Sowjetvölker ertragen? Warum ist ihnen das Gedenken so wichtig? Sich damit auseinanderzusetzen, ist ergiebiger, als sich die x-te Hollywood-Kriegsklamotte reinzuziehen – mit vielen doofen deutschen Knallchargen.

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