Lebensrettung in Sibirien

Der deutsche Regisseur Ralf Huettner („Mondscheintarif“, „Vincent will Meer“) hat einen neuen Film in Russland gedreht. Seine Komödie „Ausgerechnet Sibirien“ handelt von einer ungewöhnlichen Reise in die russische Provinz und einer seltsame Liebe zwischen dem pedantischen Deutschen Matthias Bleuel (Joachim Król) und der schorischen Sängerin Sajana (Yulya Men). Ralf Huettner klärte Tatjana Marschanskich von Russland HEUTE auf, was Deutsche in Sibirien erwartet, wieso die Lebensmittel dort besser schmecken als im Westen und wie sich die Leute gegenüber Angetrunkenen verhalten.

Warum wollten Sie den Film „Ausgerechnet Sibirien“ machen? 

 

Die Geschichte über einen Deutschen, der sich im Ausland selbst findet, war für mich persönlich sehr interessant und spannend. Zum anderen fasziniert mich Russland. Vor den Dreharbeiten war ich noch nie dort und kannte das Land nur vom Hörensagen. Das sind doch zwei wichtige Gründe.

 

Was hat Sie in Russland überrascht?

 

Ehrlich? Wie die Russen mit Betrunkenen umgehen! Das ist etwas Alltägliches. Sie kümmern sich verständnisvoll um jemanden, der angeknockt ist. Wenn bei uns in Deutschland jemand betrunken ist, dann schmeißt man ihn raus und ruft  „Hau ab!“ hinterher. In Russland ist das anders. Die Leute sorgen sich um einen Angetrunkenen: „Geht es dir gut?“ oder „Kannst du noch stehen?“ Einmal habe ich gesehen, wie fünf Russen einen Besoffenen geradezu liebevoll aus der Kneipe gehievt haben...

Auch das Essen hat mich positiv überrascht. Die haben echt gute Tomaten und Gurken. Und noch nie habe ich Hühnersuppe und Schweinefleisch mit so einem Geschmack gegessen. Alles vom Feinsten! In Russland habe ich überhaupt erst geschnallt, wie viele Lebensmittel bei uns im Westen industriell hergestellt werden. Sie sind nach EU-Standards geformt und genormt. Die Tomaten in Deutschland schmecken doch nie nach Tomaten und die Gurken nie nach Gurken.

Wieso heißt der Film „Ausgerechnet Sibirien“?

Überall in der Welt ist es schön. Aber Matthias Bleuel wird ausgerechnet nach Sibirien geschickt. Dort gibt es nur Schnee, nichts außer Schnee und Kälte. Dort ist nichts los, es ist das Ende der Welt. Das sind die Vorstellungen, mit denen der Hauptdarsteller nach Sibirien fährt. Er kommt an und findet ein Straflager! Auf so etwas wartet er. Das Bild Sibiriens ist in Deutschland sehr negativ belastet. Und ich wollte im Film zeigen, dass das so nicht stimmt, dass es dort im Sommer auch warm ist, richtig warn... Als wir in Sibirien gedreht haben, herrschten 35 Grad, wie in Indonesien.  

 

Aber wieso hat sich das Leben des Filmhelden ausgerechnet in Sibirien verändert?

 

In Deutschland ist Matthias fest in seiner Rolle, in seinem Alltagsleben gefangen. Er arbeitet viel, fährt jeden Tag mit dem Auto immer dieselbe Strecke nach Hause... Er lernt keine neuen Menschen kennen. Er meint genau zu wissen, was gut und was schlecht ist. Matthias ist nicht mehr neugierig auf das Leben. Und dann ist er plötzlich in Sibirien! Er hört Sajanas Kopfgesang und verliebt sich auf der Stelle. Dort bekommt er endlich wieder Neugier auf die Zukunft! Das ist sehr ungewöhnlich für ihn. Ab diesem Moment wendet sich sein Leben, jetzt ist für ihn alles offen, alles ist möglich.  


 

Deutscher Trailer. Regie: Ralf Huettner. 

Gibt es viele von der Sorte des Mathias‘  in Deutschland?

 

Bestimmt viele. Leute wie Matthias haben ihren Traum und möchten auch etwas in ihrem Leben verändern. Aber sie schaffen es ewig nicht und träumen weiter. Für Matthias ist es ein großes Geschenk, was mit ihm in Sibirien passiert. Dass er Sajana getroffen hat, dass er Mut hatte, sie anzusprechen und kennenzulernen. In Matthias fortgeschrittenem Alter ist das ein gewaltiger Schritt. Ich denke, ein bisschen mehr Mut würde uns allen gut tun. Vor allem dabei sich selbst zu sagen: „Ich tue jetzt etwas, was ich sonst nie gemacht habe und ändere damit mein Leben“. 

 

Warum haben Sie eine Komödie und kein Drama gedreht?

 

Für diese ganzen esoterischen Sachen, die im Film gezeigt werden, ist eine Komödie das beste Genre. Damit zeige ich, dass nicht alles ganz ernst gemeint ist. Der Film macht sich auch über Klischees, die man von Russen und Deutschen hat, lustig. Da ist ein typisch deutscher Mann, der akkurat und komisch ist und vor allem Frauen nicht versteht. Das Einzige, was er hat, ist seine Arbeit, die - ehrlich gesagt - auch noch ziemlich trostlos ist. Wenn man daraus ein Drama machen würde, dann würden sich viele wiedererkennen und bekämen Depressionen! 

 

Können Sie Sibirien als Reiseziel weiterempfehlen?

 

Wer extreme Situationen erleben will, sollte unbedingt hinfahren. Man darf nicht erwarten, dass es in Sibirien überall Hotels mit gediegenen Restaurants und großen Wellnessbereichen gibt. Wer das braucht, sollte lieber woanders hinfliegen. Wir haben im Sommer in Murmansk gedreht. Dort ist die Sonne nie untergegangen! Wenn man um zwei Uhr nachts auf die Hotelterrasse geht, sitzen dort Menschen und feiern, aber draußen ist es hell. Wenn man schlafen will, trinkt man ein Glas Wodka mit und geht danach ins Bett. Mich selbst hat das Erlebnis, dass die Sonne nie untergeht, sehr verändert. Aber alles hat eine Kehrseite. Im Winter geht die Sonne in Murmansk leider überhaupt nicht auf. Neun Monate liegt über Sibirien Schnee, und es bleiben nur drei Monate, in denen russische Frauen kurze Röcke tragen und sich rausputzen können. Und dann müssen sie sich wieder einpacken. Aber in diesen drei Monaten geht die Post ab!

 

Hatten Sie Probleme mit dem russischen Team?

 

Wir hatten ein Sprachproblem. Jedes Wort musste überbesetzt werden. Ohne Hilfe der Dolmetscher wäre ich wie Matthias am Anfang seine Reise komplett verloren gewesen. Auch ohne die russischen LKW-Fahrer. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Deutscher diese Laster fahren kann. Die Straßen sind derart schlecht! Es gibt es überall gigantische Löcher, und außer unseren russischen LKW-Fahrern wusste keiner, wie man da durchkommt. Bei solchen und anderen normalen und ungewöhnlichen Sachen, ist man dringend auf Hilfe der Einheimischen angewiesen.  

 

Können Sie sich vorstellen, einen weiteren Film über oder in Russland zu drehen?

Aber natürlich! Welches Thema ich für den Film wählen würde, dass weiß ich noch nicht. Erst einmal muss ich sehen, ob „Ausgerechnet Sibirien“ in Deutschland erfolgreich anläuft oder nicht. 

 

Was halten Sie vom russischen Film?

 

Die Filme der letzten Jahre kenne ich ziemlich schlecht. Früher gab es Andrei Tarkowskij, Sergeij Eisenstein... Aber von den neuen Sachen sieht man in Deutschland leider fast nichts! Vielleicht, weil die Deutschen ziemlich stark auf Hollywood fixiert sind. Selbst der deutsche Film hat es schwer.

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