Alle lieben die Datscha

Viele Russen haben eine Wohnung in der Stadt und eine Datscha etwa 20-40 km entfernt. Foto: Lori/Legion Media

Viele Russen haben eine Wohnung in der Stadt und eine Datscha etwa 20-40 km entfernt. Foto: Lori/Legion Media

Die Maifeiertage am Monatsanfang läuten in Russland den Beginn der Datschensaison ein. Was hat es mit dieser fast schon klischeehaften russischen Tradition auf sich?

Traditionelle kleine Holzhäuschen oder deren moderne Pendants in gehobener Ausstattung aus Stein bieten den Bewohnern versmogter Städte ein Refugium im ländlichen Ambiente, das mit sauberer Luft, Outdoormöglichkeiten und der Aussicht auf Schaschlick-Abende lockt. Hobbybauern fangen an, ihre Beete umzugraben. Es ist Datscha-Zeit.    

Auch im postsowjetischen Russland lebt die Tradition der Sommerfrische auf dem Lande fort. Marktforschungen haben ergeben, dass nur 4 Prozent der Russen auf ein Haus außerhalb der Stadt verzichten wollen, auch wenn manch einer sich seine Datscha für die Hochsaison nur mietet.

Von der Zarengabe zum sowjetischen Symbol

Die ersten Datschen waren Gaben von Fürsten oder Zaren an ihre treuen Vasallen. Das Wort bedeutete ursprünglich „eine vom Fürsten vergebene Schenkung eines Stückes Land“ und ist vom russischen Verb „dat“ („geben“) abgeleitet. In der Zeit nach der Revolution, als die Eigentumsverhältnisse an Grund und Boden noch nicht geregelt waren, nahmen Stadtbewohner brachliegende Parzellen in Besitz und erschlossen sie als Zweitwohnsitz. Hier suchten sie nicht nur Erholung von der Enge der städtischen Kommunalwohnungen, sondern nutzten auch die Möglichkeit, eigenes Obst und Gemüse anzubauen.

Bis in die 1990er Jahre war der Zuschnitt der Datschen einheitlich geregelt: 600 m2 Land, das mit einem Sommerbungalow bebaut werden dürfte. Die Nutzungsformen der Datscha sind heute vielfältiger geworden. Was einst den Städtern einen Rückzugsort von schlechter Luft und Sommerhitze bot, wird immer mehr zur Allwetter-Residenz, die gelegentlich sogar ganzjährig bezogen wird.

Georgij Dsagurow, Direktor der Immobilienagentur Penny Lane Real Estate, unterscheidet zwei Typen von Datschenmietern: 40 Prozent sind Langzeit-Residenten, die eine Datscha für ein Jahr oder länger mieten, 60 Prozent sind saisonale Nutzer, die bis zu fünf Monate - meist von Mai bis September - ein Sommerhaus beziehen. Dabei hat sich die Nachfrage seit dem Ende der Sowjetzeit nicht sonderlich geändert. Die meist gefragten und teuersten Standorte liegen nach wie vor im Westen Moskaus – weit weg von den sibirischen Sümpfen.   

Die Mieter moderner Anwesen der Luxusklasse, die selten für kurze Dauer vermietet werden, sind meist sehr wählerisch. In der Regel suchen sie ein Objekt nicht weiter als 20 km von Moskau entfernt.

Kostensplitting

Ein neuer Trend ist das gemeinschaftliche Mieten eines großen Hauses im Freundeskreis. Vor ein paar Jahren noch nutzten nur Familien dieses Modell, entsprechend wurden nur sie von Grundstückseigentümern als kollektive Mieter geduldet. Dsagurow äußerte gegenüber The Moscow News seine Zweifel, dass Eigentümer eines Hauses mit gepflegter Innenausstattung gewillt wären, ihr Objekt einem Haufen potentieller Partylöwen zu überlassen. Es gibt allerdings Leute, die nach genau dieser Möglichkeit suchen.   

Anton, ein 28-jähriger Rechtsanwalt, ist durch Kostensplitting an ein großzügiges Landhaus in einem repräsentativen Dorf gekommen, dessen Namen er nicht nennen möchte.

„Natürlich sind Datscheneigentümer nicht scharf auf eine Gruppe junger Leute“, sagt er. „Ich habe denen gesagt, dass ich ein Haus mit meiner Frau mieten will, wir aber beide große Familien hätten, die uns natürlich besuchen würden. Jetzt mieten wir im Kreis von sieben Freunden eine riesige Datscha mit Swimmingpool, Banja und allem was man braucht, für 200.000 Rubel im Monat (5,100 Euro). Jeder hat sein eigenes Zimmer und zahlt monatlich nur 28.500 Rubel (700 Euro)!”

Westeuropäer gerne gesehen

Datscheneigentümer haben oft Bedenken gegenüber Mietinteressenten aus den ehemaligen Sowjetrepubliken und versehen ihre Anzeigen mit dem Zusatz „Nur Russen”. Diese Einschränkung betrifft Ausländer aus dem Westen jedoch nicht. Im Gegenteil. Westeuropäer zählen zu den begehrtesten Mietern, weil sie im Ruf stehen, besonders zuverlässig zu sein, erklärt Dsagurow.

Penny Lane berichtet, dass über 40 Prozent der Immobilienobjekte der Spitzenklasse an Ausländer vermietet werden, die in Moskau arbeiten.

„Ausländer sind hier sehr beliebt, die Leute vertrauen ihnen und bieten ihnen die attraktivsten Mietoptionen”, sagt er. „Im Unterschied zu unseren Landsleuten halten sie sich sehr genau an den Mietvertrag und sorgen dafür, nicht gegen die Absprachen zu verstoßen.“

Dieser Artkel erschien zuerst bei The Moscow News.

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