Notwendige Gespräche

Martin Hoffmann. Foto: www.drlv.de

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Über Völkerverständigung kann man viel sagen. Staaten schließen darüber Verträge ab wie die Russische Föderation und die Bundesrepublik Deutschland über die Kriegsgräberfürsorge. Der Vertrag sei, so steht es darin, „der konkrete Ausdruck der Verständigung und der Versöhnung zwischen den Völkern Russlands und dem deutschen Volk.“

Solche Dokumente freilich bleiben Papier, wenn es nicht Menschen gibt, die sie mit Leben 
erfüllen. In diesem Fall sind es Reinhard Führer, Präsident des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge und Nikolaj Owtscharow, Bürgermeister der Stadt Kursk. Die beiden erhielten soeben in Berlin den Dr. Friedrich Joseph Haass-Preis des Deutsch-Russischen Forums – eine Auszeichnung, die vor ihnen schon viele andere bekommen haben, die sich im deutsch-russischen Austausch für Menschenrechte, Völkerverständigung und Friedenswillen eingesetzt haben.


Reinhard Führer und seine Organisation arbeiten mittlerweile in 45 Staaten für würdige Kriegsgräber, es ist eine Versöhnung über den Gräbern und damit eine Arbeit für den Frieden. Das war auch dem Kursker Bürgermeister Nikolaj Owtscharow klar, als er 2004 von den Bemühungen des Volksbundes erfuhr, im Kursker Gebiet für die dort gefallenen Soldaten einen Sammelfriedhof zu errichten. Owtscharow war damals Vizegouverneur der Region, und er verstand, um was es ging: Es ging darum, die Gebeine von 33 000 Wehrmachtssoldaten, 
die im Laufe einer der gewaltigsten Schlachten des Zweiten Weltkriegs – der Kursker Panzerschlacht – gefallen waren, würdig zu bestatten. 2009 konnte dieser Friedhof eingeweiht werden, gemeinsam mit 300 Angehörigen der gefallenen deutschen Soldaten, die dort ihre letzte Ruhe gefunden haben.


Geschichten wie diese sind es, die die menschliche Seite des Dialogs zwischen Deutschland und Russland stark machen. Menschen wie Reinhard Führer und Nikolaj Owtscharow beweisen, dass nichts geschieht, wenn es niemanden gibt, der es macht.


Solche Menschen wird man auch für andere Themen brauchen, etwa für den Dialog über Menschenrechte, der mit Russland noch der Ausprägung bedarf. Die Qualität von Menschenrechten findet ihre Erprobung im Wahlrecht, im Mediensystem, in der Meinungsfreiheit, in der Ordnungs- und Sozialpolitik, in einem fairen Justizwesen und auch darin, dass nicht einige wenige die vielen ausbeuten. Diese Gespräche sind notwendig. Dass sie auch möglich sind, ist Gradmesser für die Qualität von Zivilgesellschaften und politischer Führung, die (auch in der Bundesrepublik) immer selbstkritisch bleiben müssen. 


Martin Hoffmann ist geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Deutsch-Russischen Forums.

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