Hoffen auf ein Wunder

Die russische Nationalmanschaft. Foto: Russischer Fussball Verband

Die russische Nationalmanschaft. Foto: Russischer Fussball Verband

Auch in Russland blickt man mit Spannung auf die Endrunde der 14. Fußball-Europameisterschaft 2012 vom 8. Juni bis zum 1. Juli in Polen und in der Ukraine. Die Erwartungen an die eigene Mannschaft schwanken zwischen der Hoffnung auf ein Wunder und dem Sinn für Realitäten.

Für Russland ist die Fußball-Europameisterschaft 2012, die vom 8. Juni bis zum 1. Juli in Polen und in der Ukraine stattfindet, vor allem aus geografischer Sicht ein ganz besonderes Ereignis. Denn solch ein bedeutendes Turnier wurde bisher noch nie in Osteuropa ausgetragen. Nun ist der ganz große Fußball also in den Ländern angekommen, die in der Vergangenheit zum Russischen Reich und der Sowjetunion gehörten.

Während man die Teilnahme der sowjetischen und später der russischen Auswahlmannschaften bei den Weltmeisterschaften nicht gerade als erfolgreich bezeichnen kann, ergibt sich bezüglich der Europameisterschaften ein ganz anderes Bild. Die Sowjetunion gewann die EM im Jahre 1960 und wurde später noch dreimal Vizeeuropameister. Russland fügte dieser Sammlung bei der letzten Europameisterschaft noch eine Bronzemedaille hinzu. Der Auftritt in Österreich und der Schweiz vor vier Jahren war der beeindruckendste in der postsowjetischen Geschichte. Alle Russen erinnern sich noch an Russlands 3:1-Sieg im Viertelfinale gegen die Niederlande, haben dabei ein Leuchten in den Augen und versuchen das Phänomen dieses Erfolges zu ergründen.

Russland hat sich ohne Probleme als erster seiner Gruppe für das Turnier 2012 qualifiziert. Auf der Trainerbank sitzt ein erfahrener und bekannter Holländer. Es ist diesmal nicht Guus Hiddink, wie vor vier Jahren, sondern Dick Advocaat. Auch er kann eine beeindruckende Erfolgsbilanz vorweisen. Die Mannschaft besteht aus einem stabilen und eingespielten Team. Außerdem gilt die Vorrundengruppe A, in der neben Russland noch Polen, Tschechien und Griechenland spielen werden, als nicht ganz so stark wie die anderen drei Gruppen.

Allerdings könnte sich dieser zunächst vermeintliche Vorteil für die russische Auswahl letztlich doch als Nachteil erweisen. Was am Ende überwiegt, kann gegenwärtig freilich niemand voraussagen. So hat sich die russische Elf zwar als Gruppensieger für die Europameisterschaft qualifiziert, wirklich schöne Spiele hat sie aber nur zwei, nämlich die gegen Irland, absolviert. Die übrigen Punkte hat Russland, vor allem gegen die Mannschaften von Mazedonien und Armenien, eher mit Ach und Krach gesammelt. Deshalb widerspiegelt der erste Platz in der Qualifikation eher das Niveau der Gegner als es ein Beweis für die Stärke Russlands ist.

Die nun schon längere Zeit unveränderte Mannschaftsaufstellung ist ein Kritikpunkt in Richtung Trainer Advocaat. Dieser lässt sich nur ungern zu Umbesetzungen im Team hinreißen. Viel mehr stellt er gewöhnlich lieber den erprobten Kader auf, auch wenn dieser objektiv nicht in der besten Form ist, als Nachwuchsspielern sein Vertrauen zu schenken. Wohl auch deshalb fühlt sich die „alte Garde“ als unentbehrlich und engagiert sich folglich nicht sonderlich für die Auswahlmannschaft. So hat zum Beispiel Andrej Arschawin, Russlands größter Star, mittlerweile seit zweieinhalb Jahren kein Tor mehr im Nationaltrikot erzielt. Aber niemand zieht seine Aufstellung für die A-Elf in Zweifel.

In allen drei Ländern, auf die Russland in der Vorrunde trifft, hat die Gruppen-Auslosung Freudenstürme hervorgerufen. Denn jedes der vier Länder ist sich sicher, viel Glück bei der Auslosung gehabt zu haben. „Eine Spielansetzung wie auf Bestellung. Würden die Spiele dieser Gruppe jetzt auch noch in der Ukraine stattfinden, wo ich sehr gerne spiele, könnte man das als ideal bezeichnen“, erklärte Andrej Arschawin.

In Wirklichkeit ist alles allerdings nicht ganz so simpel. Immerhin ist Griechenland der Europameister von 2004. Und obwohl das Team seither keine größeren Erfolge mehr verzeichnen konnte, wird es sich wohl nicht ohne Weiteres geschlagen geben. Die Polen werden ohnehin mit besonderem Auftrieb zum Spiel gegen Russland auflaufen. Denn zum einen ist Polen einer der beiden Gastgeber des Turniers und zum anderen wird das historisch nicht ganz einfache Verhältnis zwischen beiden Ländern möglicherweise für zusätzliche Motivation sorgen. Das gilt auch für die Tschechen, für die sich Russland immer noch mit dem „Prager Frühling“ im Jahr 1968 verbindet. Die Spiele mit slawischen Mannschaften gestalten sich für Russland traditionsgemäß nicht einfach. Hinzu kommt, dass Tschechien bei der Europameisterschaft mit einem jungen und sehr zukunftsträchtigen Team antreten wird.

Zuletzt sprachen die Skeptiker sogar davon, dass die Gruppe А nicht die leichteste, sondern im Gegenteil, die schwerste sein würde, da die Gegner alle in etwa gleich stark wären und gerade deshalb alles Mögliche passieren könne.

„Wir werden versuchen, bei der Europameisterschaft zu siegen. Denn wenn du an einem Turnier teilnimmst, bist du auch bestrebt, es zu gewinnen. Das sollte zumindest unsere Einstellung sein. Russlands Mannschaft ist dabei in der schwersten Gruppe gelandet. Und das, weil jedermann behauptet, dass es für uns ganz locker werden wird“, philosophierte Dick Advocaat kürzlich.

Die Führung des Fußballverbandes hat die Aufgabe für die russischen Fußballer konkretisiert. Das Minimalprogramm besteht im Erreichen des Viertelfinales. Über die weiteren Chancen versucht man vorher nicht zu spekulieren, denn die beiden Siegermannschaften aus Gruppe А treffen im Viertelfinale auf die beiden ersten aus Gruppe В, die im Vorfeld zur „Todesgruppe“ stilisiert wurde. In ihr spielen Deutschland, die Niederlande, Portugal und Dänemark gegeneinander. Sich gegen eine dieser Mannschaften ins Halbfinale durchzuschlagen, wäre für Russland ein weiteres Wunder. Doch diese sind im Spielplan leider nicht vorgesehen.

Dieser Artikel erschien zuerst bei der Tageszeitung Rossijskaja Gaseta