Abenteuer Karelien

Der Wasserfall Kivach ist sehenswert, aber nicht sehr imposant. Foto: Pauline Tillmann

Der Wasserfall Kivach ist sehenswert, aber nicht sehr imposant. Foto: Pauline Tillmann

Am besten erschließt man die Region Karelien an der Grenze zu Finnland mit dem Auto. Der Lohn der Reise auf hunderten Kilometer Holperstrecken ist ein realistischeres Russland-Bild.

Unberührte Natur zieht Individualreisende an

Vor uns liegen mehr als 1.500 Kilometer. Unter uns brummt ein anthrazitfarbener Dreier-Golf. Wenn man die Wahl hat, sollte man Ende Mai bis Ende August nach Karelien reisen. Denn zu sehen und vor allem zu erleben gibt es jede Menge. Das Reizvolle an dieser Reise ist, dass man schlagartig ein anderes Russlandbild bekommt, ein realistischeres Russlandbild. Denn Moskau und St. Petersburg sind nicht Russland. Russland, das sind hunderttausende kleiner Dörfer und Städte, die genau eine Anlaufstation haben – und das ist der örtliche Supermarkt.

Bis heute leben die Menschen in typischen Holzhäusern. Foto: Pauline Tillmann


Sortavalas weitläufige Klosteranlage

Die erste Station führt uns nach Sortavala. Ein kleines Örtchen, das noch seinen finnischen Namen trägt. Vor dem Zweiten Weltkrieg gehörte Karelien nämlich zu Finnland. Davon ist heutzutage – außer den Namen – nicht mehr viel übrig. In Sortavala gibt es laut Reiseführer vier Hotels. Eines davon ist das „Piipun Pikha“ (http://www.kolmaskarelia.ru/), eine Übernachtung im Doppelzimmer kostet zwischen 50 und 100 Euro. Das Hotel war früher eine Fabrik mit Ziegelsteinfassade und hat bis heute seinen alten Schornstein behalten, der weithin sichtbar ist. Allerdings ist es nicht so leicht zu finden. Es gibt keine Schilder und von Einheimischen bekommt man nicht selten widersprüchliche Wegbeschreibungen. Aber: Das ist Teil des Abenteuers. Praktisch ist, dass im Sommer unweit des Hotels Boote zur Insel Valaam fahren. Die weitläufige Klosteranlage gehört zu den bedeutendsten Sehenswürdigkeiten im Norden von Russland. Es handelt sich dabei um ein orthodoxes Männerkloster mit mehreren Klausen und Kirchen (www.valaam.ru). Im Winter fahren auch Luftkissenboote zum Kloster – allerdings sehr unregelmäßig. 

Marmor, Stein und Ruskeala

Die Insel Valaam ist eine von vielen kleinen Inseln im Ladoga-See. Der Ladoga-See ist der größte See Europas, viele Petersburger haben hier ihre Datschen. Abgesehen vom Kloster gibt es noch einen sehenswerten Marmorsteinbruch 30 Kilometer von Sortavala entfernt. Fährt man Richtung finnische Grenze, so deutet bei dem Ort Ruskeala ein unscheinbares Schild auf den Steinbruch hin. Erst vor fünf Jahren wurde er für Touristen zugänglich gemacht. Ein Pfad führt im Kreis um den Steinbruch herum, so dass man sich die schwarz-weiß-grauen Platten aus unterschiedlichen Perspektiven ganz genau ansehen kann. Im Sommer gelangt man mit einem Boot auch unter den Steinbruch und kann sich einen Eindruck von russischen Tropfsteinhöhlen machen.

Der Marmorsteinbruch in Ruskeala ist ein Blickfang. Foto: Pauline Tillmann


UNESCO-Weltkulturerbe in Petrosawodsk

Petrosawodsk ist die Hauptstadt von Karelien. Hier leben 270.000 Menschen – darunter viele Studenten. Zeitgleich mit St. Petersburg wurde Petrosawodsk im Jahr 1703 gegründet und bietet einige Museum, darunter ein Heimat- und ein Puppenmuseum. Wirklich besonders aber ist die Uferpromenade. Von dort aus blickt man nicht auf den Ladoga-See sondern auf den Onega-See, den zweitgrößten See Europas. Im Winter tummeln sich hier Eisfischer, im Sommer kann man von hier aus auf die Insel Kizhi fahren. Am Ufer gibt es Buden, in denen man sich Tickets für die Schiffsfahrt kaufen kann. Oder man fährt mit dem Tragflügelboot. Das Holzkirchen-Ensemble stammt aus dem 17. Jahrhundert und das meist fotografierte Motiv ist die Verklärungskirche mit ihren 22 Zwiebelkuppeln (http://kizhi.karelia.ru/), die auch zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt worden ist. Kizhi ist nur eine Insel von vielen, aber es ist sicher die schönste.

In Kizhi kann man übrigens auch noch Menschen beim Weben und vor allem beim Schnitzen zusehen. Bis heute spielt die Holzindustrie eine große Rolle in Karelien – mehr als ein Drittel des Papiers in Russland stammt aus dieser Region. Darüber hinaus gewinnt der Tourismus immer mehr an Bedeutung. Gerade die unberührte Natur zieht viele Individualreisende an – und mit dem Auto kann man sich flexibel bewegen. Allerdings muss man sich klar darüber sein, dass die Straßen nur schwer zugänglich sind. Deshalb eignet sich ein Geländewagen.

Das Hausboot „Botel Onega“ ist eine alternative zum Hotel.  Foto: Pauline Tillmann

Die Stadt Petrosawodsk wird in Karelien aufgrund ihrer Größe wohl am meisten angesteuert. Wenn man dort auf der Suche nach einer ungewöhnlichen Schlafstätte ist, sollte man im „Botel Onega“ vorbeischauen. Dabei handelt es sich um ein großes Boot, auf dem Zimmer vermietet werden (www.karelia.onega.ru). Frühstück gibt es keins, dafür übernehmen die Möwen am Ufer den morgendlichen Weckruf. Insgesamt gibt es 26 Zimmer zwischen 20 und 55 Euro. „Die meisten Gäste sind Russen – ab und zu übernachten auch Finnen“, erzählt mir die Rezeptionistin. 

„Schnitzeljagd“ zu versteckten Schätzen

  

Karelien ist also auf jeden Fall einen Besuch wert. Allerdings muss gewährleistet sein, dass einer der Mitreisenden gut Russisch spricht. Englisch können in dieser Region nur die Wenigsten und da es kaum Hinweisschilder gibt, tut man sich schwer die versteckten Schätze zu finden. Deshalb ist so eine Reise fast so wie eine Schnitzeljagd, bei der gilt: Wer suchet, der findet.

Kondopogas Kirche ohne Nagel

Wenn man im Winter nach Petrosavodsk, die Hauptstadt Kareliens reist, ist ein Ausflug nach Kizhi kaum möglich. Nur selten fahren Luftkissenboote und einen Helikopter zu buchen ist teuer. Wenn man also die Miniaturvariante erleben möchte, dann sollte man die Stadt Kondopoga mit ihren 35.000 Einwohnern besuchen.

Die Kirche wurdei ohne einen einzigen Nagel erbaut. Foto: Pauline Tillmann 

Etwas abgelegen vom Zentrum befindet sich eine Kirche aus dem 17. Jahrhundert, die genauso wie die Verklärungskirche in Kizhi ohne einen einzigen Nagel gebaut worden ist. Und auch wenn es leider keinerlei Hinweisschilde auf die Kirche gibt und man sich durchfragen muss – die malerische Lage am See ist definitiv sehenswert. Wenn man ohne Vorankündigung anreist, führt ein Wachmann durch das Gebäude und erzählt von interessanten Details. Zum Beispiel davon, dass die Naturfarbe von damals bis heute erhalten geblieben ist. Oder dass die stabile Bodenkonstruktion dafür sorgt, dass die Kirche trotz zahlreicher Stürme bis heute unbeschadet geblieben ist.

Knapp 30 Kilometer nördlich von Kondopoga befindet sich der Kivach Wasserfall. Er soll einst zu den größten Wasserfällen Europas gezählt haben. Heute ist davon nur noch wenig übrig. In der Nähe des Wasserfalls locken Souvenirhändler mit karelischen Holzarbeiten und Stehcafés mit überteuertem Schaschlik. Darüber hinaus gibt es offenbar noch einen fünf Kilometer langen Ökopfad – dieser ist für Individualtouristen aber nicht zugänglich. In Russland ist man streng mit solchen Wegen. Man darf sie nur im Rahmen einer professionellen Führung erkunden, zu der man sich im Vorfeld anmelden muss. 

Martsialnye Vody – auf den Spuren Peter des Großen

Im Zusammenhang mit Karelien taucht auch immer wieder Martsialnye Vody auf. Das ist ein Kurort, der für sein schwefel- und eisenhaltiges Wasser bekannt ist. Im 18. Jahrhundert war Peter der Große vier Mal dort, um sich behandeln zu lassen. Auch heute noch gibt es einige Sanatorien, in denen Menschen medizinisch versorgt werden. Am Ortseingang befindet sich darüber hinaus ein kleines Museum, in dem dokumentiert wird wie Peter der Große in Martsialnye Vody dem Schreinerhandwerk nachgegangen ist. Und: Es gibt eine kleine orthodoxe Kirche – mit dem Arbeitszimmer des einstigen Zaren auf der Empore. Besonders macht das Gebäude vor allem die Tatsache, dass es eine Mischung zwischen Christentum und Orthodoxie ist. So etwas findet man in Karelien selten.

 

Karelische „Cottages“ im Derewna Alexandrowka

Etwas häufiger findet man hingegen die klassischen Holzhäuser. Im Internet werden karelische „Cottages“ zuhauf feilgeboten. Wenn man mit dem Gedanken spielt so ein Häuschen, direkt am Ufer, vielleicht sogar mit der ganzen Familie zu beziehen, dann sollte man nach „Derewna Alexandrowka“ fahren (www.derevnya.ru). Im Sommer ist hier immer etwas los, weil das Gelände auf 240 Menschen ausgelegt ist. Das heißt, man kann sich Räder ausleihen, Kajak fahren, reiten, fischen, am Lagerfeuer sitzen oder in einer russischen Banja schwitzen. Die Preise für ein Doppelzimmer variieren zwischen 80 und 180 Euro pro Übernachtung mit Frühstück. Im Winter ist wenig los. An Freizeitaktivitäten bleiben nur Eisfischen und Schneemobil fahren.

Spazieren mit Bären


Popov sagt: „Wenn man gut mit Tieren umgeht, wird man ein besserer Mensch.“  Foto: Pauline Tillmann


Ein echter Geheimtipp, der in keinem Reiseführer steht ist der Zoo-Komplex „Drei Bären“ in der Nähe von Syapsya, 65 Kilometer westlich von Petrosawodsk. Der 65-jährige Wasili Popow hat sich hier einen Lebenstraum erfüllt und vor sieben Jahren einen Park mit Tieren angelegt. Dabei handelt es sich um keinen klassischen Streichelzoo oder einen Zoopark sondern um einen Zoo-Komplex. Das heißt, die Besucher dürfen die Tiere hautnah miterleben, nicht selten auch anfassen. Und dabei handelt es sich nicht um Hasen oder Meerschweinchen sondern um gefährliche Tiere wie Braunbären und Wölfe. Beeindruckend ist der innige und liebevolle Umgang Popows mit den Tieren. Er nennt alle beim Namen und geht regelmäßig mit ihnen spazieren. Viele Tiere tragen Halsbänder, auch Luchse und Wölfe, so dass Wasili Popow mit ihnen an der Leine durch den Wald laufen kann. Er sagt sein Leben in der Wildnis sei anstrengend, freie Tage seien selten. Das Geld, den Park unterhalten zu können, holt er sich von Freunden oder behilft sich mit Spenden. Außerdem nimmt er einen gewissen Betrag durch sein Gästehaus ein, das mit 15 Zimmern ausgestattet ist und im Sommer von russischen und ausländischen Touristen bevölkert wird.

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