Ein Handschlag zur Versöhnung

Gerhard Karsthof: Meine schönen Reisen durch Europa und Russland. Edition Fischer. Franfurt am Main. 2009. 77 Seiten. 9,80 Euro

Gerhard Karsthof: Meine schönen Reisen durch Europa und Russland. Edition Fischer. Franfurt am Main. 2009. 77 Seiten. 9,80 Euro

Kein professioneller Schriftsteller hätte dieses Buch schreiben können: Gerhard Karsthof erzählt über seine Auslandsreisen in der Nachkriegszeit. Sein Weg führte ihn seinerzeit auch in die UdSSR.

Gerhard Karsthof kann Leser zu Tränen rühren. In seinem ersten Buch „Der Zeitzeuge – ein Schicksal“ berichtet der 1922 geborene Ex-Leutnant von seinen Kriegserlebnissen. Das Faksimile einer Postkarte aus russischer Gefangenschaft und die Schilderung des sprachlosen Wiedersehens mit der Familie vier Jahre nach Kriegsende sind eindringliche Dokumente. Weil er kein Profi-Schriftsteller ist, umgibt seine Memoiren eine erstaunliche Unbefangenheit, die viel von einer Zeit preisgibt, die wir heute nur noch in ihren schlimmsten Facetten kennen.

Der erfolgreiche Diplomkaufmann zog 1955 mit seiner Frau Gudrun von West-Berlin nach Saarlouis, wo er 17 Jahre lang die städtische Bau- und Siedlungsgesellschaft geleitet hatte, bevor er als Rentner seine Lebenserfahrungen aufschrieb. Karsthof überlebte den Zweiten Weltkrieg. Danach ging es aufwärts. Die Bundesrepublik Deutschland befand sich bald im „Wirtschaftswunder“. Die Menschen hatten Arbeit, von der sie leben konnten. Einem Mann war es möglich, eine Familie zu ernähren, auch wenn er nicht zu den Reichen gehörte. Die Frauen standen noch nicht unter Karrierezwang. Das hat sich heute verändert. Es ist interessant, einem Mann zuzuhören, der seine Ehefrau ganz selbstverständlich „Frau Gemahlin“ nennt, und nicht Ex-Frau, Freundin, Partnerin oder Lebensabschnittsgefährtin. Er ist mit dieser Frau seit 57 Jahren verheiratet. Das allein macht die Lektüre zum exotischen Erlebnis.

In seinem langen Leben hat Gerhard Karsthof sicher viel Leid gesehen, doch er hält sich am Schönen fest. Deshalb berichtet er im zweiten Teil seiner Lebenserinnerungen hauptsächlich von Auslandsreisen. Zunächst ging es ins ehemalige Jugoslawien, wo man an der Küste noch Haie sah und zum ersten Mal Cola trank. Zwei Damen aus England waren sehr überrascht über ein Treffen mit deutschen Touristen so kurz nach dem Krieg: „Oh, Mary, they are Germans“, sagte eine Frau ganz bestürzt. Am nächsten Morgen entschuldigte sie sich dafür.

In Dänemark sah Karsthof die ersten Nacktbader. In Frankreich empfing man ihn freundlich. Ein Hotelbesitzer sagte, dass sich die Engländer im Krieg viel schlimmer in Frankreich benommen hätten als die Deutschen. Solche Erfahrungen könnte ein professioneller Schriftsteller kaum zu Papier bringen. Als großen Traum, der in Erfüllung ging, schildert Karsthof eine Reise nach Russland im Jahr 1986. Die ehemalige UDSSR erkundete er auf einem Flussschiff, das seelenruhig 2000 Kilometer über Don und Wolga schipperte. Mit seiner Frau saß der Deutsche an der Reling, die nackten Füße baumelten im Wasser, der Espresso dampfte daneben auf einem Tablett. Das war die schönere Russlanderfahrung. Denn im Krieg hatte Karsthof dieses Land schon einmal gesehen. Mit der späteren Reise konnte er vielleicht ein Trauma heilen oder zumindest lindern. In Wolgograd, dem ehemaligen Stalingrad, besuchten sie den Soldatenfriedhof. Der Deutsche wurde freundlich und würdevoll aufgenommen. Russische Männer in Karsthofs Alter schüttelten ihm zur Versöhnung die Hand und gingen dann schweigend weiter. Karsthofs Bücher lösen Gefühle aus, nicht zuletzt, weil sie in einer klaren und gut lesbaren Sprache verfasst sind.

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