Russisch light mit einem Schuss altes Feindbild

Russland durch die Klischeebrille. Bild: Nikolai Dichtjarjenko

Russland durch die Klischeebrille. Bild: Nikolai Dichtjarjenko

Kürzlich erzählte mir ein Berliner Taxifahrer von einem US-Amerikaner, der darauf beharrte, auf der ganzen Welt in seinem leichten, bequemen Sportdress joggen zu gehen. So auch in Sibirien, bei minus 40 Grad, ohne Kopfbedeckung. Er kam mit erfrorenen Ohren zurück, die amputiert werden mussten. Schuld war natürlich das „Russen-Hoch“, was denn sonst.

Oh, Fernsehmoderator Jörg Thadeusz hätte dem zugestimmt, bekannte er sich doch anlässlich der klirrenden Kälte, die Berlin im Januar heimsuchte, in einer Zeitungskolumne zu seinen Vorurteilen: „Die Kälte erklärt doch dieses Land. Literaten, die sich mit Aussicht auf kahle Birken in depressive Senken bibberten. Überall unerfüllte Liebe …“ Und so weiter. 


Die Russen seien jedenfalls auf ewig vor Herrn Thadeusz sicher. Ironie? Nicht ganz gelungen. Stereotypen können ja durchaus eine kommunikative Brücke bilden, um andere Kulturen etwas näherzubringen oder die eigene herauszustellen, doch sollte man sie sehr behutsam einsetzen, sonst bleibt ein unguter Nachgeschmack. 


Der Korrespondent Boris Tumanow klagte jüngst in dieser Zeitung über seine Kollegen: „Der Westen sieht Russland durch die Klischeebrille, ob wohlwollend, negativ oder neutral, aber eben klischeehaft. Hauptsache, es erfordert keine größeren kognitiven Anstrengungen.“ 


Werfen wir einen Blick auf die jeweilige Kulturszene. Es gibt deutsche Theater, da geht es nicht um Kaviar, Balalajka oder so ausgefallene Phänomene wie das „Russen-Hoch“: Wodka saufende und „druuuschba“ (Freundschaft) stammelnde Sentimentale, die auf Teufel komm raus alle abküssen wollen, reichen aus, um Russen zu charakterisieren. Noch viel populärer aber sind böse Buben, die im Film und bei PC-Spielen Konjunktur haben, mit hartem Akzent „Dawaj, dawaj“ herausquetschen und eine Knarre in der Hand halten.


Ach -
 mit Wehmut denkt man da an die Tschechow-Inszenierungen der frühen Berliner Schaubühne, deren Sorgfalt sich nicht nur in der Aussprache der Namen, sondern noch am feinsten Gesang zeigte – und ohne Klischees, aber voll Poesie, eine „russische Welt“ auf die Bühne zauberten. 


Doch wie werden Deutsche auf russischen Bühnen dargestellt? Keinen Deut besser! Wie oft bin ich erschrocken zusammengezuckt, wenn Deutsche durch selbstzufriedene Fettwänste oder kleinliche, geizige Bürger verkörpert wurden, die in hartem, kratzigen Tonfall knarzten.


Und im Kino? Jedes russische Kind kennt die Wendungen „Chände choch“ oder „Gitler kaput“. Sie stammen aus Nachkriegsfilmen und wurden von deutschen Faschisten mit dickem Akzent verbreitet. Ausgerechnet aber der 
populärsten russischen Nachkriegsserie „17 Augenblicke des Frühlings“ von 1973 verdanken wir ein differenzierteres Bild: Der Held, SS-Standartenführer Max Otto von Stierlitz ist ein sowjetischer Spion, der einen gebildeten deutschen Adligen in hohen Nazikreisen mimt. 


Ansonsten existierten in russischen Köpfen deutsche Faschisten einerseits und deutsche Kultur andererseits sorgfältig getrennt voneinander. Heinrich Böll erst schlug mit seiner Literatur eine versöhnende Brücke nach Russland, über die Wunden des Zweiten Weltkriegs hinweg -
 dem kollektiven Trauma unserer beider Nationen. 


Kürzlich aber las ich zwei neue russische Drehbücher und war tief berührt. Da steht die unmögliche Liebe zwischen einem deutschen Soldaten und einer russischen Frau während der Wehrmachts-offensive bei Kursk im Mittelpunkt. Im anderen Buch werden Schicksale traumatisierter deutscher Soldaten mit denen ihrer russischen Vorgänger in Afghanistan verknüpft – eine neue Art von Gemeinschaft, die aus ungewohnter Perspektive gezeichnet wird. Das macht Hoffnung. 


Im deutschen Fernsehen aber wurden unlängst wieder Zerrbilder aufgetischt, dass sich die Balken bogen. Der zweiteilige ARD-Thriller „Russisch Roulette“ strotzt vor Unwahrheiten. Ganz zu schweigen von den dämlichen Klischees, mit denen die Polizei gezeigt wird oder der allmächtige und sexbesessene Oligarch, der immerhin so überzeichnet ist, dass man ihn als Parodie versteht. 


Kann sich die ARD denn keine Fachberatung leisten? Aber es kommt ja nicht auf Wahrhaftigkeit an. Wie hätte man es denn gerne? Russisch light mit einem Schuss altes Feindbild zum besseren Konsumieren? Was bewirkt man mit solchen Zerrbildern, die alte Vorurteile zementieren und neue schaffen? 


Der polnische Schriftsteller Andrzej Szczypiorski sagte einmal treffend: „Der bessere Mensch ist der Ursprung allen Übels.“ Leider trifft man immer wieder Deutsche, die 
-das Gefühl der eigenen Überlegenheit fein unter dem Mantel des Gutmenschen verborgen sehr genau zu wissen meinen, was Russland eigentlich braucht, sich aber weder mit russischer Geschichte noch der ganz anderen Sozialisation auseinandersetzen; Besserwisser, die hier und da in dicke Fettnäpfchen tapsen und es dann nicht einmal merken! 


Da lob ich mir die neue Verfilmung vom „Faust“. Regisseur Alexander Sokurow hat darin so ganz nebenbei in der mittelalterlichen deutschen Enge ein paar gegenseitige Klischees auf die Schippe genommen: Eine Kutsche fährt durch den Wald, sie ist auf dem Weg nach Paris, dem traditionellen Mekka der Russen vom 18. bis ins 20. Jahrhundert. Faust steigt mit Mephisto ein – und hält sich prustend die Nase zu: Im Wagen sitzt ein ungewaschener Russe. Mephisto wiederum äußert sich en passant zur deutschen Sprache, sie sei ja wirklich fast eine Zumutung. 


Russlands Dichtergenie Alexander Puschkin reflektierte einst, dass Russlands Steppen und Sümpfe den Mongolensturm an der Schwelle Europas zum Stehen gebracht und damit die europäische Aufklärung gerettet hätten, „aber“, schrieb er, „Europa war, was Russland betrifft, ebenso ignorant wie undankbar.“ Wie wär’s, wenn wir diese Ignoranz mal fallen ließen und etwas genauer hinschauten?


Ruth Wyneken schreibt über Literatur und Theater. Sie lebte 
viele Jahre in Sankt Petersburg.

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