Mit der Elektritschka nach Twer

Das Ufer der Wolga. Foto: Sabine Schmidt-Peter

Das Ufer der Wolga. Foto: Sabine Schmidt-Peter

Nach gut zweieinhalb Monaten in Russland war es an der Zeit, endlich das Moskauer Umland zu erkunden. Die Wahl fiel auf Twer, eine 450.000 Einwohnerstadt, die sich 170 Kilometer nordwestlich von Moskau befindet.

Pünktlich um 08:18 Uhr verließ die Elektritschka, ein elektrischer Triebzug für den russischen Vorort- und Nahverkehr, den Leningrader Bahnhof. Gut 40 Minuten waren vergangen, als schließlich auch die letzten Außenbezirke Moskaus aus dem Sichtfeld verschwanden und stattdessen Wälder und Dörfer mit Datschas in allen Formen und Farben vorüberzogen. Zwei Stunden und 45 Minuten später fuhr die Elektritschka im Bahnhof von Twer ein.

Auf dem staubigen Bahnhofsvorplatz gab es, außer einigen kleinen Kioskständen, nicht viel zu sehen. Von Hinweisschildern fehlte jede Spur. Etwas planlos begann damit die Entdeckungstour. Nach einer Weile des Herumirrens stand fest, ohne Hilfe ging es nicht weiter. Auf die Frage, welcher Weg ins Zentrum führe, folgte als Antwort erst einmal ein irritierter Blick – ausländische Touristen scheinen sich nicht allzu oft nach Twer zu verirren. Die ältere Frau zeigte sich dann jedoch äußerst hilfsbereit und erklärte, dass man das Zentrum am günstigsten mit der Tram erreiche. Es dauerte nicht lange, bis die nächste Tram anrollte und während der Kauf der Tickets noch in vollem Gange war, setzte sich diese auch schon wieder holprig in Bewegung.

Die Fahrt ging vorbei an schier endlosen Wohnblocks, die den Boulevard säumten. An der vierten Haltestelle war es an der Zeit zum Aussteigen, doch nach Zentrum sah es dort nicht aus. Da es jedoch keine Alternative zu der Wegbeschreibung der älteren Damen gab, hieß es raus aus der Tram und siehe da: An der Straßenkreuzung gab es endlich ein erstes Hinweisschild, das in Richtung „Ploschad Lenina“ wies. Keine fünf Minuten Fußweg später thronte eine riesige Leninstatue am Straßenrand. Von dort aus eröffnete sich der Blick auf die Trekhsvyatsjkaya Ulitsa, eine mit kleinen Altbauten gesäumte Fußgängerzone. In aller Gemütlichkeit schlenderten hier die Menschen in der sonntäglichen Mittagssonne an den Schaufenstern vorbei. Das „Dom Hleba“, eine Bäckerei in der Fußgängerzone, bot eine gute Gelegenheit für eine erste Verschnaufpause. Dort werden die Waren auch heute noch auf dem traditionellen Wege erstanden. Man bestellt, bekommt eine Rechnung, die an der Kasse beglichen wird und gegen Vorlage der Rechnung kann anschließend die Ware in Empfang genommen werden. Nicht nur die traditionelle Art des Einkaufs, sondern auch die Backwaren waren ein vorzügliches Erlebnis. 

Gestärkt ging es weiter. Der Versuch einen Stadtplan zu kaufen blieb erfolglos. Aber wenn es keine Karte gab, dann brauchte man sie vielleicht auch einfach nicht?! Das nächste Ziel war der Stadtpark am Ufer der Wolga. Nach einer halben Stunde ergebnislosen Umherstreifens wurde erneut Rat bei einer Einheimischen eingeholt und wieder dieser Blick, als hätte sie Wesen von einem anderen Stern vor sich.

Nun gut, mit ihrer Beschreibung ging es weiter und ein Gewässer kam auch bald in Sicht. Leider sah dieses so gar nicht wie die Wolga aus und sie war es auch nicht. Anstelle des Stadtparkes tauchte dann auch der städtische Markt auf, auf dem neben Lebensmitteln auch Kleidung und allerlei andere Dinge erstanden werden können. Nach einem kurzen Bummel ging die Suche nach dem Stadtpark weiter. Eines stand fest, ein Stadtplan hätte wirklich nicht schaden können. Nach einem weiteren längeren Fußmarsch und mit ein bisschen Glück zeigte sich der Stadtpark dann schließlich doch noch hinter einer Straßenecke.

Seine entspannte Atmosphäre entschädigte für die lange Sucherei. Bei einem Kaffee am Ufer der Wolga konnten sich die Füße von der vielen Lauferei ein wenig erholen und dann nahte auch schon die Zeit der Abreise. Mit der Tram ging es zurück zum Bahnhof. Dort wurden sowohl die Nerven und als auch die Geduld auf eine harte Probe gestellt, denn herauszufinden von welchem Gleis die Elektritschka fuhr, entpuppte sich als beinahe schwierigste Aufgabe des Tages. Glücklicherweise konnte aber auch sie letztendlich gemeistert werden. Erschöpft und zufrieden ging es zurüctvk nach Moskau. Auch wenn Twer nicht die atemberaubendste Stadt sein mag, so verleihen ihr ihre beschauliche Fußgängerzone und die entspannte Atmosphäre im Stadtpark und am Ufer der Wolga dennoch einen gewissen Charme und der Ausflug hat sich damit auf jeden Fall gelohnt. 

Wer sich für einen Ausflug nach Twer entscheidet, der sollte des Russischen wenigsten ein wenig mächtig sein, denn da die Stadt nicht sonderlich touristenfreundlich ist, könnte es anderen Falls schwierig werden, sich zurechtzufinden. Angemerkt sei noch, dass die Elektritschka zwar nicht das komfortabelste Reisemittel ist, aber genau das, macht das Reisen mit ihr zu einer unvergesslichen Erfahrung. Wer sich vorstellen kann, einige Stunden auf einer harten Plastikbank und ohne Toilette ausharren zu können, der sollte sich eine Reise mit ihr nicht entgehen lassen.

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