Sowjetischer Prestigebau

Das Haus an der Uferstraße. Foto: RIA Novosti

Das Haus an der Uferstraße. Foto: RIA Novosti

Das sogenannte „Haus an der Uferstraße“ gehört wohl zu den kuriosesten Sehenswürdigkeiten Moskaus. Einst im Jahr 1930 für Parteifunktionäre gebaut, hat es die Sowjetgeschichte aus nächster Nähe erlebt – und gilt noch heute als schicke Wohnadresse. Seinen Namen hat das Haus seiner Würdigung in einem Roman von Juri Trifonow zu verdanken.

Die Geschichte des Uferhauses

Neben den Stalinschen so genannten Sieben Schwestern ruft auch das Haus an der Uferstraße (Dom na nabereschnoi) Erinnerungen an die Sowjetära wach. 1930 für Angehörige des expandierenden Staatsapparates gebaut, bot das 11-geschossige Gebäude Wohnkomfort auf höchstem Niveau.

Die geräumigen Wohnungen waren modern eingerichtet, ihre Böden mit Eichen-Parkett ausgelegt und in den Badezimmern floss heißes Wasser, während die Mehrheit der Stadtbevölkerung noch in Kommunalkas wohnte und mit öffentlichen Bädern vorlieb nehmen musste. Die Decken mancher Wohneinheiten hatten Kunstrestauratoren der Leningrader Eremitage gestaltet. Den Bewohnern standen ein Restaurant, eine chemische Reinigung, ein Postamt und sogar ein Kino zur exklusiven Nutzung bereit.

Romanvorlage

Auch heute bietet das Wohngebäude noch eine Menge Komfort, etwa einen Supermarkt, einen Beauty-Salon, das Estrada Theater und das Kino Udarnik. Das Bauwerk an der Uliza Serafimowitscha Nr. 2 verdankt seine umgangssprachliche Bezeichnung „Haus an der Uferstraße” dem gleichnamigen Roman von Juri Trifonow. Trifonow, der Sohn eines Soldaten, der im Jahr 1937 verhaftet und hingerichtet wurde, wuchs selbst in der Uliza Serafimowitscha Nr. 2 auf und verarbeitete so in seinem Werk, das die Bewohner des Hauses beschreibt, seine Kindheitserinnerungen.

„Das ist keine Geschichte über eine Kindheit, der Roman handelt von Angst und Konformität”, schrieb Olga Trifonowa, die Frau des Schriftstellers, über das Buch. „Es ist eine Geschichte über die guten und schlechten Prägungen der Kinderseelen, über das Aufblühen von Ignoranz in der sowjetischen Gesellschaft.“

„Unter den Bewohnern des Hauses waren viele sogenannte Alt-Bolschwiken“, erklärt Trifonowa gegenüber den Moscow News. „Sie waren damals noch nicht besonders alt, um die 40-50 Jahre. Sie hatten die Revolution auf den Weg gebracht, im Bürgerkrieg gekämpft und waren so einander im Exil, in der Gefangenschaft oder an der Front begegnet.“

Verhaftungen, Hinrichtungen

„1937 begann die Zeit der Angst, die Menschen trauten sich nicht mehr, miteinander zu sprechen”, so Trifonowa. „Nur enge Vertraute blieben in Kontakt miteinander.“ Die Menschen schreckten bei jedem Geräusch hoch und brachen häufig den Kontakt zu Familien ab, in denen irgendjemand als „Volksfeind“ deklariert worden war. Fast jede Familie in diesem Haus war von Repressionen betroffen. Über 700 Bewohner wurden verhaftet und mehr als 300 von ihnen hingerichtet.

Während des Zweiten Weltkrieges wurde das Haus evakuiert und beherbergte nach 1945 führende Militärs, darunter die Marschälle Georgi Schukow, Iwan Konew und Iwan Borsow, erläutert Trifonowa weiter. Angefangen von der Chruschtschow-Ära bis zur Perestroika lebten hohe Parteifunktionäre in dem Haus. Und in den 1990ern galt eine Wohnung an der Nabereschnaja-Uliza mit Blick auf den Kreml als besonders prestigereich.

Das Uferhaus heute

Das Uferhaus heute

Auch heute noch ist das Haus an der Uferstraße eine vornehme Adresse. Der Quadratmeterpreis schwankt zwischen 10.000 und 20.000 USD. Nach Angaben der Immobiliengesellschaft Penny Lane liegt der Marktpreis für eine 137 qm große Vierzimmerwohnung mit Blick auf die Christi-Erlöser-Kathedrale gegenwärtig bei 2 Millionen USD.

Verglichen mit anderen Objekten in dem Bezirk sind diese Preise jedoch moderat, erklärt Alexander Siminski, Leiter des Premium-Vertriebs bei Penny Lane. Eine vergleichbare Immobilie in einem neu gebauten Wohnkomplex wäre doppelt so teuer.

Während die Geschichte des Bauwerks für Ausländer attraktiv ist, sind die Russen oft nicht gewillt, einen Aufpreis für die Atmosphäre zu bezahlen. „In Europa werden historische Objekte zu fantastischen Preisen gehandelt”, erläutert Siminski. „In Russland möchte man für den ‘immateriellen Faktor’ nichts zahlen.

Über 80 Jahre nach seinem Bau fühlen sich viele Bewohner des Haus an der Uferstraße auch heute noch als Teil einer Gemeinschaft.

„Ich nenne die Uliza Serafimowitscha oft ein kleines Fürstentum – vollkommen unabhängig und dabei auch recht repräsentativ“, sagt Anna Jackson-Stevens, die seit 1998 dort lebt.

Der Komfort, alles Notwendige am gleichen Ort zu haben, sogar eine nur für die Anlage zuständige Bezirkspolizei, sorgt für eine hohe Wohnqualität an der Uferstraße.  

 

Ungeachtet des Komforts, der Annehmlichkeiten und des Gemeinschafts-Flairs ist die Geschichte des Hauses allgegenwärtig, so Jackson-Stevens.

„Ich war zu verschiedenen Gelegenheiten in dem Museum, das zeigt, wer früher in deiner Wohnung gelebt hat, und über die Schicksale der Bewohner informiert“, erzählt Jackson-Stevens den Moscow News. „Unsere letzte Wohnung hatte eine standardmäßige Einrichtung mit Metallnieten an Tischen und Stuhlbeinen. Viele Wohnungen werden renoviert, es ziehen ja laufend neue Familien ein. Aber es gibt auch noch Bewohner, die sehr interessante Geschichten aus der Vergangenheit erzählen können.”

Obwohl viele dieser Geschichten durchaus tragisch sind, scheinen sie die derzeitigen und potentiellen neuen Bewohner nicht abzuschrecken.

„Die Gerüchte über Geister, die nachts durch die Korridore wandern, halten weder Geschäftsleute noch Prominente davon ab, eine Wohnung zu kaufen”, sagt Siminski. Zu den namhaften Bewohnern und Wohnungseigentümern zählt gegenwärtig der Moskauer Patriarch Kirill.

Es spinnen sich auch manche dunkle Mythen um das Haus, die frei erfunden sind. Entgegen einer Legende etwa gibt es keine Zwischenräume zwischen den Wohnungen, die das NKWD unter Stalin für Spionagezwecke nutzte, erklärt Trifonowa. Aber dadurch wird das Haus nicht weniger interessant.

Als Fundgrube an Informationen über verschiedene Perioden der sowjetischen Geschichte ist das 1989 von einer Gruppe Geschichts-Enthusiasten gegründete Museum stets gut besucht. Es präsentiert ansonsten schwer zugängliche Informationen über verfolgte Bewohner, erzählt lustige und traurige Geschichten und illustriert Alltagsszenen aus der Entstehungszeit der Wohnanlage.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei The Moscow News.

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