Wir Euro-Römer

Die Eurokrise hat Einfluss auf die ganze Welt. Foto: PhotoXPress

Die Eurokrise hat Einfluss auf die ganze Welt. Foto: PhotoXPress

Das römische Weltreich bestand fast 1000 Jahre, das britische Empire über 300, das amerikanische ist nicht mal 100 Jahre alt. Und es wackelt schon. Das Haltbarkeitsdatum der Macht läuft immer schneller ab. Die EU, ein Imperium der Wirtschaftskraft, sehen viele Beobachter entweder am Ende oder zumindest vor einer kompletten Neuordnung. Aber nicht nur der Westen schwächelt. Auch in China kühlt sich das Wachstum ab, verschärfen sich soziale Probleme. Wer stößt in das entstehende Vakuum hinein, was wird in Zukunft wichtig sein, damit eine Nation zu einem Machtzentrum wird? Innovationskraft und Flexibilität? Niedriges Lohnniveau und schlanke Strukturen? Soziale Gerechtigkeit und gute Ausbildungschancen für alle? Individualismus oder Kollektivgeist, Demokratie oder autoritäre Herrschaft? Das weiß heute noch niemand. Die Geschichte zeigt, dass alle Großen und Starken einmal erstarren, dass sie müde und dekadent werden. Was aber die Kriterien sind, die einen Aufsteiger ausmachen, lässt sich nicht einfach aus historischen Beispielen ableiten.

Wenn Euro und Dollar kriseln, bieten sich Chancen für diejenigen, die heute nicht abhängig sind von den beiden großen Währungsblöcken. Gehört auch Russland zum Kreis der potentiellen Gewinner? Lange Zeit schien das nicht so. Russland – eine Großmacht a. D., die sich die Wunden leckt und vom Rohstoffexport lebt. Innovative Konzepte in Politik, Wirtschaft oder Technologie erwartet man nicht vom größten Land der Erde. Russland wird eher als abschreckendes Beispiel gehandelt: Eine übermächtige Bürokratie erdrückt alles was mit Wertschöpfung zu tun hat, das System lebt von Spekulation und von Reichtum, der noch in sowjetischer Zeit erarbeitet wurde. Ähnlich kritisch dachte man vor dreißig Jahren über Indien oder Brasilien: Hungerleider, Sambatänzer. Heute stehen Europäer und US-Amerikaner in diesen Ländern Schlange, um Geschäfte zu machen. Dabei haben die Regierungen dort keine übermenschlichen Anstrengungen unternommen, um an die Spitze vorzustoßen. Es waren die Umstände die sie nach oben brachten: die Schwächen der anderen, die eigene unverbrauchte Energie.

Wie ein Römer sich in der Antike über die Barbaren mokierte, so rümpfen wir Europäer über andere Nationen die Nase, die weniger erfolgreich sind als wir. Die einen sind arm, die anderen haben einen Hang zur Despotie, wieder andere verharren in vormodernen Denkmustern. Irgendjemand aus dieser Schar wird sich einmal über uns erheben, uns als dekadente Schwächlinge verhöhnen. Vielleicht schon in ein paar Jahren, vielleicht erst in einem halben Jahrhundert. Welches Volk das wohl sein wird? Die Champions von morgen erkennt man daran, dass man sie nicht erkennt.

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