Sommergarten erstrahlt in neuem Glanz


Mehr als 18.000 Gehölze stammen aus der Nähe von Berlin, genauer gesagt aus brandenburgerischen Tremmen. Foto: Pauline Tillmann

Mehr als 18.000 Gehölze stammen aus der Nähe von Berlin, genauer gesagt aus brandenburgerischen Tremmen. Foto: Pauline Tillmann

Der Sommergarten ist eine der Hauptattraktionen von St. Petersburg. Knapp drei Jahre wurde er restauriert, renoviert und rund erneuert. Seit dem 27. Mai, dem Petersburger Stadtgeburtstag, ist er wieder für die Öffentlichkeit zugänglich – und wartet mit allerhand Überraschungen auf.

Die erste Überraschung: Die 91 italienischen Skulpturen, für die der Sommergarten so bekannt ist, erstrahlen in sauberstem Weiß. In den letzten drei Jahren wurden von den Originalfiguren Silikonabgüsse gefertigt, die als Vorlage für Kopien aus echtem Carrara-Marmor dienten. Die Originale wurden umfangreich restauriert und stehen jetzt im gegenüberliegenden Michaels-Schloss. Dort blicken sie im Antik-Saal auf ihre alte Wirkungsstätte. „Ich finde, das ist eine sehr schöne Idee“, erklärt Chefrestaurator Evgenij Soldatenkov, „die alten Skulpturen haben so viel durchgemacht, es ist gut, dass sie sich jetzt in einem geschützten Raum von den Strapazen erholen können“.

Damit meint der 53-Jährige unter anderem die zahlreichen Überschwemmungen, von denen St. Petersburg heimgesucht worden ist. 1777 hat es bei einer Überschwemmung alle Brunnen weggespült. Deshalb wurden im Rahmen der Restauration acht neue Brunnen errichtet – „damit kommen wir dem Sommergarten wie ihn sich Peter der Große Anfang des 18. Jahrhunderts vorgestellt hat, am nächsten“, sagt Soldatenkov. 1704 wurde der Grundstein für den Park gelegt, der so etwas wie ein Versailles im Miniaturformat werden sollte. Peter der Große hat in seinem Sommergarten seinerzeit rauschende Feste gegeben – und man dufte ihn nur auf Einladung des Zaren betreten.

Eintritt für Besucher bleibt umsonst

Heute ist das anders. Jeder Besucher ist willkommen, Eintritt wird nicht verlangt. Dass das auch nach der umfangreichen Restauration so bleibt, hat der Direktor des Russischen Museums, Wladimir Gusyew, versprochen. Seit 2004 gehört der Sommergarten nicht mehr der Stadt sondern dem Russischen Museum und seitdem gab es immer wieder kleine Restaurationen. So wurden zwischen 2005 und 2009 insgesamt 24 Skulpturen restauriert, die am schlimmsten von Wettereinflüssen und Vandalismus betroffen waren. „Manche Figuren hatten keine Hände oder die Nase war abgeschlagen“, erinnert sich Chefrestaurator Evgenij Soldatenkov, „das war ein sehr trauriger Anblick für die Besucher“. Damit das mit den neuen Figuren nicht wieder passiert, plädiert er für ein symbolisches Eintrittsgeld und meint: „Das ist nur für die Psyche; damit man mit dem Park behutsamer umgeht.“  

Bei der Restauration waren im Übrigen auch Deutsche beteiligt. Mehr als 18.000 Gehölze stammen von der Baumschule Lorberg in Tremmen. Tremmen liegt 50 Kilometer westlich von Berlin und lieferte Bäume, Büsche und Hecken nach St. Petersburg. Geschäftsführer Stefan Heinrich Lorberg erklärt: „Wir sind stolz, dass wir die Ausschreibung für dieses Projekt, das europaweit ausgeschrieben war, gewonnen haben. Bei der Rekonstruktion einer der traditionsreichsten Parkanlagen Russlands mitzuwirken war uns eine große Ehre.“

Mehr als 18.000 Gehölze stammen aus Deutschland

Die Gehölze wurden zwei Jahre lang hochgezogen und auf 150 Lastern nach Russland transportiert. Dabei handelte es sich um Hecken, Torbögen, Bäume, Sträucher und Kletterpflanzen. Der Sommergarten 2012 ist ein anderer als vor der Restauration. Das weiß auch Chefrestaurator Evgenij Soldatenkov. Er sagt, die Atmosphäre habe sich geändert, die Figuren hätten sich verjüngt und die Brunnen würden dem Park eine besonders romantische Atmosphäre verleihen. Im Moment ist von der Romantik noch wenig zu spüren, denn die vielen grünen Klettergitter sehen alles andere als anmutig aus. Wenn sie in einigen Jahren von Efeu überwuchert sind, fallen sie nicht mehr auf. Aber jetzt da sie frisch angelegt worden sind, verleihen sie dem Park etwas Grobschlächtiges.

Diese Meinung kann Soldatenko naturgemäß nicht teilen, eben so wenig den Einwand, dass die blütenweißen Figuren künstlich anmuten – „die Originale sind jetzt genauso sauber, sie stehen nur nicht mehr im Park sondern im Museum“. Wenn der 53-Jährige an die Jahre der Restauration zurückdenkt, meint er: „Das Schwierigste war der Zeitdruck, wir wussten wir müssen bis zum 27. Mai 2012 komplett fertig sein – aber gleichzeitig sollte alles auf hohem Niveau ausgeführt werden.“ Eine große Herausforderung, die er gemeinsam mit fünf Restauratoren erfolgreich gemeistert hat.

Finanziert wurde das Ganze vom Kulturministerium, das für die gesamte Restauration mehr als 50 Millionen Euro zur Verfügung gestellt hat. Schließlich handelt es sich beim Sommergarten um eines der Wahrzeichen von St. Petersburg. Und: Er ist einer der geschichtsträchtigsten Plätze der Stadt. So soll hier bereits Alexander Puschkin entlang flaniert und für sein Versepos „Eugen Onegin“ inspiriert worden sein. Das darf kosten – und nicht selten auch überraschen.

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