Süße Klänge aus dem Steak House

Ihre Lieder sind in englischer Sprache, ihre Videos geben Rätsel auf. Pompeya erobert damit ein junges, hippes Publikum, das auf der Suche nach sich selbst ist.

Es ist ziemlich kühl im Gorki-Park an diesem Tag im Mai: Newcomer-Bands aus ganz Russland stehen auf der Bühne neben dem Fluss Moskwa, um auf dem Rockfestival im Herzen Moskaus endlich mal vor einem breiteren Publikum zu spielen. Doch es ist zu kalt. Gerade einmal 300 Zuschauer tummeln sich auf dem Rasen.

Die vier jungen Musiker von Pompeya sind als Letzte dran. Daniil Brod (Leadgitarre, Gesang), Denis Agafonow (Bass), Sascha Lipski (Keyboard) und Nairi Simonian (Drums), alle Mitte 20, betreten lässig die Bühne. Bei den 300 Zuhörern kommt Jubel auf: Denn seit Pompeya im letzten Jahr ihr 
erstes Album „Tropical" kostenlos ins Internet stellte‚ sind sie eigentlich keine wirklichen Newcomer mehr, sondern landesweit bekannt.

Der letzte Hit von neuen Pompeya-Album "Foursome"


Style: Hipster, Moskauer Typ


Ihr Auftreten: cooles Laissez-faire. Der hagere Lipski schlendert gemächlich zum Keyboard, ohne sich groß umzuschauen, der kräftigere Simonian setzt sich gelassen an die Drums, der lange Agafonow taucht aus dem Backstage-Bereich mit umgehängtem Bass auf, der unrasierte Brod steht im Parka da, die blonden Haare hängen ihm ins Gesicht. „Könnte man mich vielleicht auf dem großen Fernseher da zeigen?", bittet er höflich. Die gigantische LED-Wand hinter den Musikern leuchtet auf - Brod in Großaufnahme. Die Musiker legen los mit „Slow", einer basslastigen New-Wave-Nummer vom aktuellen Album „Foursome".


Seele russisch, Texte englisch


Ihre Musik ist so, wie man sie von einer russischen Band nicht erwarten würde: die Texte sind auf Englisch, der Sound lieblich, süßlich, locker, mit viel Bass und hohem Ohrwurmpotenzial.


„In unseren Liedern geht es um Liebe und Einsamkeit, um das Auf und Ab im Leben, um die Schönheit und das Schreckliche in 
unserem Alltag und um die gefühlvolle Seele, die in dieser Welt leidet", erklärt Daniil Brod, dessen einfühlsamer Bariton unter die Haut geht. „Put the lights on / This is my home / Place, where I own / Memories of you, dear", heißt es im Refrain des Ohrwurms „90", in dem eine verlorene Liebe besungen wird und den die hippen Moskauer im Gorki-Park gleich mitsingen.

Pompeya spielt auch Klassiker - allerdings mit ihren eigenen Sound.


Es ist die neue russische Generation Golf, die in Pompeya endlich ihre ideale Band gefunden hat, fernab von Dramatik, hartem Beat oder politischen Texten, eine Generation, die lieber auf süßlich-melancholische Soft-Pop-Klänge tanzt. „Vorsicht", warnte Brod jüngst ironisch in einem Interview, „auf unsere Konzerte kommen ausschließlich Hipster, wenn ein Nicht-Hipster erscheint, wird er kontaminiert."


Tatsächlich ist die Klientel auf dem zu Matsch getanzten Rasen zwischen 18 und maximal 25 Jahren alt. Der typische Moskauer Hipster unterscheidet sich kaum vom deutschen: enge, gern bunte Jeans, 80er-Jahre-Turnschuhe, 
dekadente Oberteile, modische Sonnenbrille.


Doch es ist nicht das Hippe und auch nicht das Modische, was die vier Jungs ansprechen, sondern eher das Altbekannte: „Ihre Musik ist wie die Liebe", heißt der Kommentar zu einem der immer ex-travaganten Pompeya-Musikvideos auf YouTube. „Ja, absolut zauberhaft, geht direkt unter die Haut", stimmt ein anderer zu, „was ist das für Musik, was sind ihre Wurzeln?"


„Von allem ein wenig: Jeder von uns wirkt an den Songs mit und jeder bringt sein eigenes musikalisches Gepäck mit", sagt Bandgründer Nairi Simonian nach dem Konzert im Backstage-Zelt zu Bier und Crackern. Das musikalische Gerüst kreieren sie gemeinsam beim Proben, den Gesang und die Texte steuert Brod bei, der sich von der russischen Rock-Ikone Wiktor Zoj und der US-Band Foster the People inspiriert sieht.


Sascha Lipski, der hagere Keyboarder, spielte vor Pompeya tiefschwarzen Funk. „Den puren Funk will heute aber niemand mehr hören, irgendwann hatte ich selbst genug und wollte Neues ausprobieren." Die Einflüsse flicht er elegant in die Pompeya-Musik ein: melodische Keyboard-Passagen zu rabenschwarzen Beats und präzisen Riffs, wie sie auf „The Wall" von Pink Floyd zu hören sind.

Das Lied "Cheenese" brachte Pompeya die Berühmtheit.


Mit der eigenen Zuordnung tun sich die vier Jungs schwer: „New Wave, Indie Pop, Girlie Rock oder House – Musikjournalisten wollen uns immer in irgendein Genre stecken. Am häufigsten vergleichen sie uns mit The Cure. Aber ist das denn so wichtig?", philosophiert Brod. „Wir sind vier Individuen, und jeder von uns trägt seine Energie und Liebe bei", sagt er. „Und was hinten rauskommt, das ist Pompeya." Also erfand er einen eigenen Begriff: „Wir sagen einfach, wir spielen Steak House, dann haben alle ihre Ruhe."


Kostenlose Vermarktung


„Heute ist es sinnlos, Geld durch Plattenverkauf verdienen zu wollen", erklärt Simonian: „Der Erste, der das Album kauft, stellt es sofort ins Netz, damit es die anderen kostenlos herunterladen können." Die vier Musiker folgen dem Konzept der 1950er, als die Bands ihre Brötchen über Live-Konzerte verdienten. Sie stellten ihr erstes Album „Tropical", das sie auf eigene Rechnung einspielten, kostenlos ins Netz und machten damit Werbung für sich.


„Drei Monate haben wir gebrütet!", erinnert sich Bassist Denis Agafonow, „immer und immer wieder spielten wir alles neu ein, damit es perfekt ist. Dadurch ist der Sound ein wenig geleckt." Nicht so ihr neuestes Album „Foursome", das sie Anfang April in Moskau vorstellten: „Wir waren weniger perfektionistisch. Das Album klingt nun rauer, kantiger, aber gleichzeitig erwachsener", sagt Agafonow.

Ihre Alben stellten Pompeya kostenlos ins Internet. Hören und herunterladen kann man bei Soundcloud oder im Flash-Kasten unten.

Die Platte spielten sie in vier Wochen ein – in Los Angeles. Und boten sie wieder kostenfrei zum Download an: „Wir wollen eine große Fangemeinde aufbauen, die auf unsere Konzerte geht. Nur so kann man heute als Musiker noch erfolgreich sein", erklärt Band-Manager Valentin.


Das haben sie schon erreicht. Keine Stunde später, beim Rausschmeißer „Power", steigen beim langgezogenen „Ooooh!" im Gorki-Park trotz Kälte 3000 Leute ein, die Augen leuchtend, die Gesichter jung, freundlich und offen – eine neue Generation, die eine neue Generation hört.