„Die russische Elf könnte für Furore sorgen!“

Foto: Tino Künzel

Foto: Tino Künzel

Kaum einer kennt den russischen Fußball so gut wie der Stürmer von Dynamo Moskau. Im Interview erklärt Kevin Kuranyi, wer zur Geheimwaffe der Russen werden könnte.

Herr Kuranyi, was ist den Russen bei der EM zuzutrauen?


Eine ganze Menge. Ich erinnere mich noch gut an den Superauftritt von 2008. Da haben sie gezeigt, wie viel Qualität in der Mannschaft steckt.


Es folgten eine verpasste WM, ein Trainerwechsel und eine wenig berauschende Leistung bei der EM-Qualifikation, auch wenn man letztlich ungefährdet Gruppen-erster wurde.

 
Die können besser spielen und mit diesem Kader auch diesmal wieder für Furore sorgen. Man kennt das ja: Du gewinnst ein Spiel, und plötzlich läuft es rund.


Nach der letzten EM sind fünf Nationalspieler nach England und Deutschland gewechselt. Keiner hat sich dauerhaft bei seinem Klub durchgesetzt. Warum?

 
Ich vermute, dass sie Schwierigkeiten hatten, sich einzuleben. Da kann die Mentalität eine Rolle gespielt haben, die Sprache. Und alle waren es gewohnt, Führungsspieler zu sein, mussten sich dann aber einer ganz anderen Konkurrenz stellen, Tag für Tag.


Es fällt auf, dass die Legionäre gerade am Anfang ihre beste Zeit hatten, dann aber den Anschluss verloren. Sind russische Spieler zu schnell mit sich zufrieden?

 
Wenn es so war, dann gibt das allerdings zu denken. Bei Dynamo Moskau habe ich eher die Erfahrung gemacht, dass die Spieler sehr professionell sind. Auch die Jungen wollen lernen, sich verbessern. Wobei sie ab und zu einen Schubs von den Älteren brauchen, weil sie zu locker sind und nach ein, zwei guten Spielen denken: Jetzt läuft es von allein.


Biografie


Beruf: Fussballspieler

Alter: 30

Position: Stürmer

Kevin Kuranyi spielt seit 2010 bei Dynamo Moskau, einem Klub mit Meisterschaftsambitionen, der diese Saison Vierter wurde und sich damit für die Europa League qualifiziert hat. Der frühere Stuttgarter und Schalker hat in Moskau einen Vertrag bis 2015.

Einer der jüngsten Spieler der „Sbornaja“ ist ihr Mannschaftskollege Alexander Kokorin, ein 21-jähriger Stürmer, der bei Dynamo noch nicht zum Stammaufgebot gehört. Überrascht?

 
Im Gegenteil, ich hätte mich gewundert, wenn er nicht dabei wäre. Kokorin hat bewiesen, wie agil er ist, welche Präsenz er auf dem Platz hat. Er könnte eine Art Geheimwaffe für die russische Sbornaja werden.


Sie werben wo immer möglich für den russischen Fußball. Sehen Sie eine positive Entwicklung?

 
Auf jeden Fall. In dieser Saison haben mit Zenit St. Petersburg und ZSKA Moskau erstmals zwei russische Mannschaften die Gruppenphase der Champions League überstanden. Und wenn man sich die Spieler anschaut, die aus dem Ausland zurück sind: Die haben es nicht leicht, hier auf die Beine zu kommen. Es herrscht große Konkurrenz in der Liga, das sollte man nicht unterschätzen.


Würde Dynamo Moskau in der Bundesliga spielen – wo würden Sie die Mannschaft in etwa ansiedeln?

 
Auf Platz fünf bis sieben, in einem guten Jahr auch weiter oben. Als ich hier angefangen habe, waren wir taktisch längst nicht so weit wie heute. Es sind alle dauernd nach vorn gerannt. Für mich war das ein Traum, ich habe unglaublich viele Bälle von überall her zugespielt bekommen und musste kaum nach hinten arbeiten. Aber das ging alles auf Kosten der Abwehr. Inzwischen sind wir einen großen Schritt weiter, was das betrifft.


Ihre Quote war allerdings mit 
13 Toren in 40 Saisoneinsätzen nur mittelprächtig.

 
Stimmt, so wenige Tore habe ich lange nicht mehr gemacht. Aber dafür hatten wir als Mannschaft Erfolg.

Das Interview führte 
Tino Künzel.

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