Hooligans stören polnisch-russisches Fußball-Fest

Nach den Ausschreitungen vom Vortag herrscht auf der Fanmeile Leere. Foto: Sebastian Becker

Nach den Ausschreitungen vom Vortag herrscht auf der Fanmeile Leere. Foto: Sebastian Becker

Polen hat am Dienstag bei der EM in einem starken Spiel den höher eingeschätzten Russen einen Punkt abgetrotzt. Trotzdem steht jetzt weniger die Freude über das gute Spiel im Mittelpunkt. Polnische und russische Hooligans setzen nach wie vor die Stadt Warschau in Aufruhr.

„Auf dass es heute keine Ausschreitungen geben möge“, sagt der polnische Heavy-Metalsänger in das leere Rund der Warschauer Fanmeile – der größten ihrer Art in Polen. Dann beginnt er mit rauer Stimme die Klassiker der alten Bands zu röhren, die in den siebziger und achtziger Jahren die Teenager begeistert haben.  Die unbekannte polnische Gruppe gehört zum ständigen Rahmenprogramm, das die Stadt Warschau und die UEFA während der Fußball EM den internationalen Gäste fast rund um die Uhr anbietet.

Das Problem: Die Songs von Iron Maiden oder AC/DC will im Moment keiner so richtig hören. Gerade einmal eine Handvoll Zuschauer verliert sich vor der Bühne. Der Sänger hat die undankbare Aufgabe, gegen die gähnende Leere vor dem Set anzutreten und muss mehrfach den Namen seiner Band vorstellen, damit man überhaupt weiss, wer sich hier präsentiert. Auch der Regen, der am frühen Nachmittag in der polnischen Hauptstadt herunterkommt, lädt nicht gerade dazu ein, sich jetzt schon auf der Fußballparty-Zone zu amüsieren. Doch das ist jetzt nicht der Hauptgrund.

Die Fans, die Verantwortlichen der Stadt, die Organisatoren der Fußball-EM und die Polizei verarbeiten am Mittwoch immer noch die Ausschreitungen vom Vortag, als polnische und russische Hooligans aneindergerieten. Das Ergebnis des Spiels rückte für viele deswegen in den Hintergrund. Starke Polen hatten den höher eingeschätzten Russen ein 1:1 abgetrotzt und somit die Chance auf die Zweite Runde gewahrt. 

In Zahlen lesen sich diese Krawalle so: Die Polizei nahm über 180 Randalierer fest, einige Dutzend Fans mussten ärztlich behandelt werden. Die Offiziellen sprachen insgesamt von 200.000 Schlachtenbummlern, die im Stadion und auf der Fanmeile gewesen waren, um ihre Teams zu unterstützen. „Ich habe gesehen, wie vermummte Polen auf die Russen losgegangen sind“, sagt ein Engländer. Er ist einer der wenigen, die jetzt um diese Zeit den Weg in die Fanzone gefunden haben. Der Mann ist etwa 40 Jahre alt und arbeitet für eine britische Firma.

„Wir waren schon seit geraumer Zeit auf dieses Spiel vorbereitet und wussten, dass es mit einem erhöhten Risiko über die Bühne gehen würde“, versucht der polnische Premierminister Donald Tusk die aufgeregten Medienvertreter immer wieder zu beruhigen. „Die Polizei hat effektiv gehandelt, auch wenn man Ausschreitungen letztlich nie ganz ausschließen könne“, so Tusk. „Dies war aber kein polnisch-russischer Krieg“, sagt er. 

Hintergrund: Eine Gruppe russischer Fans hatte Dienstag schon im Vorfeld für Unruhe gesorgt. Sie wollte an diesem 12. Juni den russischen Unabhängigskeitstag begehen. Für einige Polen war dies eine Provokation. Sie befürchteten, die Russen könnten dabei alte kommunistische Symbole zeigen, die in Polen verboten sind.

Die polnische Ausgabe des internationalen Nachrichtenmagazin „Newsweek“ hatte zudem in ihrer Montagsausgabe die Stimmung noch angeheizt. Auf der Titelseite war eine Montage des polnischen Nationaltrainers Franciszek Smuda zu sehen, der als Marschall Pilsudski militärisch grüßt. „Polen gegen Russland. Die Schlacht von Warschau 2012, warum es bei Spielen gegen Russland nie nur um Fußball geht“, stand in der Schlagzeile darunter.

Für die polnische Polizei bedeutete die aufgeheizte Atmosphäre Schwerstarbeit. Bis tief in die Nacht arbeiteten die Verantwortlichen im Sicherheitszentrum und verschickten noch Presseerklärungen. Am Mittwoch Mittag war den Vertretern der Stadt und der Polizei während der Pressekonferenz die Anspannung deutlich anzumerken, da sie auf die bohrenden Fragen der einheimischen Journalisten sehr empfindlich reagierten. Gerade der Vorwurf einer Kollegin, die Behörden seien nicht vorbereitet gewesen, trifft sie besonders.

„Wir haben 6.000 Kollegen eingesetzt,“ ärgert sich der Sprecher der Polizei. Diese seien teilweise extra aus anderen Städten für diesen Einsatz abkommandiert worden. „Es war das größte Aufgebot gewesen, das je in Warschau ein Massenspektakel geschützt hat,“ unterstreicht er. Für die Polen sind solche Ausschreitungen besonders unangenehm, da sie sich bei der EM gegenüber der Weltöffentlichkeit als gute Gastgeber präsentieren wollen. Wie wichtig ihnen dieses Ereignis ist, war schon bei den Vorbereitungen deutlich zu spüren, die sie mit großen Engagement durchgedrückt haben. „Solche Ausschreitungen passieren bei uns in England auch“, unterstützt wieder der britische Fan die Polen. „Die Polizei hat gute Arbeit geleistet.“

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