Sacharow-Prospekt – die Fortsetzung: Marsch der Millionen

Foto: Ricardo Marquina Montañana / Russland HEUTE

Foto: Ricardo Marquina Montañana / Russland HEUTE

Es ist ein großer Feiertag, der Tag Russlands am 12. Juni. Schon allein deshalb, weil das ganze Land drei Tage frei hat und den Beginn der Datscha-Saison in vollen Zügen genießen kann. In meiner Straße wehten - zumindest auf den ersten Blick - Russlandflaggen im Sommerwind. Bei genauerem Betrachten stellte man fest, dass sie falsch herumhingen, was aus der Russlandfahne schnell die serbische Flagge macht. Außer diesen für unser Land recht gewöhnlichen Details gab es an diesem Tag aber noch eine Besonderheit: den „Marsch der Millionen für einen Tag Russlands ohne Putin“.

In den letzten Monaten herrscht am Abend vorher immer eine Art Rätselraten – wie viele Leute würden kommen, würden es mehr sein als beim letzten Mal? Und eigentlich hofft man auch nicht, sondern stellt sich stattdessen schon einmal drauf ein, dass dieser Protest nicht mehr größer werden kann. Doch als sich um 13 Uhr die Menschenmenge am Strastnoj Boulevard im Zentrum Moskaus an diesem Tag in Bewegung setzte, wurde nach und nach klar: das Ende ist nicht in Sicht. Menschen, soweit das Auge reicht mit Plakaten, Luftballons, Fahnen und natürlich weißen Bändern. Insbesondere Letztere waren überall zu sehen: an Brillen, Haaren, Handgelenken, Taschen – einfach überall. So spazierte man also mit der halben Stadt an diesem Feiertag gemeinsam an drei Boulevards vorbei, begleitet von warmen Sonnenstrahlen und Hubschraubern. Die Menschenmenge streckte ihnen die Hände entgegen, pfiff und schrie, wie bei einem Rockkonzert. Kurz gesagt – die Stimmung war blendend.

Die Protestentwicklung


Was war der Unterschied zu der letzten Veranstaltung? Es gibt Menschen, die behaupten es wäre immer dasselbe und darin ein Argument sehen nicht hinzugehen. Doch jedes Mal kommen neue Details hinzu, die die Veränderungen in der Gesellschaft deutlicher machen. Dieses Mal waren es die Flaggen der Bewegung „Occupy“, die auffielen sowie die Gruppe der Wissenschaftler und Lehrer und die vielen Besucher aus den Regionen St. Petersburg, Woronesch, Astrachan, Saratow und Twer. Stolz ihre Stadtflaggen tragend, verkündeten sie: die Regionen schlafen nicht und „Hauptstadt, wir sind mit dir“. In der Menge wurde fleißig diskutiert – die einen sprachen über das sich zusehend verschlechternde Bildungssystem, die anderen über Korruption und natürlich über Putin.

Am Sacharow


Einige Stunden später am Sacharow-Prospekt angekommen, wartete dort eine kleine Bühne. Der Platz füllte sich vollständig. Die Umweltaktivistin Evgenija Tschirikowa und der junge Abgeordnete von „Gerechtes Russland“ Dmitrij Gudkow moderierten die Veranstaltung und holten abwechselnd die Redner auf die Bühne. Berühmtheiten wie der Blogger Alexej Navalny oder auch Ksenia Sobtschak fehlten – sie waren ins Ermittlungskomitee bestellt. Der Abgeordnete von „Gerechtes Russland“ Ilja Ponomarjow sprach, trotz anfänglicher Bedenken, vor den Demonstranten. „Die Zeit der Reden und der Parolen ist meiner Meinung nach vorbei“, verkündete er. „Wir müssen sicher nach vorne schreiten, aber nicht mit Prügel, sondern – wir müssen denken! Wir brauchen einen Plan, wir müssen die neue Macht werden!“, fuhr er fort. Die Menge applaudierte und jubelte. Doch viele stellten sich in diesem Moment die Frage nach dem „wie“. Eine bisher unbeantwortete Frage. Nur ein junger Aktivist aus der kleinen Stadt Twer unweit von Moskau erzählte, dass man in seiner Stadt einfach vor der eigenen Haustür mit den Veränderungen anfange. Er rief die Menge auf mit sich selbst anzufangen, bevor es an die großen politischen Veränderungen in Putins Machtvertikale gehe.

Währenddessen kam ein Polizist auf die Bühne und drückte dem Politiker Boris Nemzow sowie dem Sprecher der „Linken Front“ Sergej Udalzow eine Anzeige in die Hand – beide mussten noch am selben Tag ins Ermittlungskomitee.

Wir sind mehr, als ihr glaubt


Wir waren heute über 200.000, freute sich der Abgeordnete Ilja Ponomarjow“ und sein junger Parteigenosse Dmitrij Gudkow ergänzte, dass die Polizei offiziell 22.000 Teilnehmer angegeben hätte. „Das heißt, wir müssen keine Strafe dafür zahlen, dass wir mehr waren, als von der Stadtverwaltung genehmigt“, freute sich Gudkow und erntete tosenden Applaus.

Dann kamen die grauen Regenwolken, der starke Wind und die knöcheltiefen Pfützen auf dem Asphalt, doch davon ließen sich die wenigsten abschrecken. Auf der Bühne traten Rockmusiker auf, um mit ihrer Musik ihren Protest zu zeigen. Der sozial kritische Rapper Noize MC gab gleich ein halbes Konzert mit einem sehr oppositionell anmutenden Repertoire. Zum Schluss sang er sein Lied „Yes, Future!“, bei dem er sich besonders ins Zeug legte. Die durchnässten, aber glücklich wirkenden Menschen jubelten.

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