Von den Wikingern bis zum Mauerfall

Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Foto: Pressebild

Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Foto: Pressebild

Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, über die Höhen und Tiefen der deutsch-russischen Geschichte: eine Ausstellung in Moskau und Berlin.

Was hat eine Stiftung, die sich mit Preußen beschäftigt, eigentlich mit Russland zu tun?


Wir haben langjährige Kulturbeziehungen zu Russland. Und natürlich verbinden uns auch die kriegsbedingt nach Russland verbrachten Kulturgüter. Das Beutekunstproblem muss eines Tages politisch gelöst werden. Unabhängig davon arbeiten wir auf 
der Fachebene zusammen, indem wir gemeinsame Ausstellun
gen oder Forschungsprojekte organisieren. 


Wie haben sich die Beziehungen zwischen Russen und Deutschen kunsthistorisch entwickelt?


Die neue Ausstellung soll deutlich machen, wie sich die Beziehungen zwischen Deutschen und Russen seit 1000 Jahren entwickelt haben. Unsere gemeinsame Geschichte beginnt im 10. Jahrhundert, als sich das Ottonische Reich aus dem Karolinger Reich gelöst hatte und im Osten die Herrschaft der Kiewer Rus als Grundlage des späteren Russlands entstanden war. Es beginnt also mit der Herausbildung der europäischen Staatenwelt an der Schwelle zum Hochmittelalter. 


Mit vielen Gemeinsamkeiten oder mehr Unterschieden?


Es gibt viele Gemeinsamkeiten, obwohl Russland und Deutschland nicht immer direkte Nachbarn waren. Die Beziehungen waren auch konfliktgeladen, wobei sie mit dem Zweiten Weltkrieg ihren absoluten Tiefpunkt erreicht hatten. Aber das Interesse an Geschichte und Kultur des jeweils anderen ist seit jeher ausgeprägt und mischt sich mit einer gegenseitigen Anziehung. 

Eine Stiftung für Preußens Kultur


Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, gegründet 1957, gehört heute zu den größten Kultureinrichtungen weltweit. Sie wird zu 75 Prozent vom Bund, zu 25 Prozent von den Ländern getragen. Ihre Hauptaufgabe bestand zunächst darin, die Kulturgüter des ehemaligen Staates Preußen zu erhalten und zu pflegen. Seit der Wende bemüht sich die Stiftung um die Zusammenführung bislang getrennter Sammlungen. Zur Stiftung gehören unter anderem die Museumsinsel und die Staatsbibliothek in Berlin.
Bei der jetzigen Ausstellung ist auf deutscher Seite das zur Stiftung gehörende Museum für Vor- und Frühgeschichte federführend, auf russischer Seite das Staatliche Historische Museum in Moskau.

Zum Beispiel?


Nehmen Sie Peter den Großen. Für Russland war er in seiner Zeit 
der große Türöffner nach Westen. Geopolitisch blickt Russland heute nach Westen wie nach Osten: 
Kulturell fühlt man sich als Teil Europas, dennoch ist Asien lebenswichtig, ohne dass sich Russland dadurch aber von Europa abwenden würde. 


Ist es dann eher eine Kunst- als eine historische Ausstellung?

Es geht um einen riesigen Zeitraum. Die Ausstellung soll im 
besten humboldtschen Sinne erfreuen und belehren und dabei russische Spuren in der deutschen Geschichte und deutsche Spuren in der russischen erklären. Es beginnt mit den Wikingern, dann folgen die Hanse und deren Handelsbeziehungen bis Nowgorod, die deutsche Vorstadt in Moskau, deutsche Wissenschaftler im Sankt Petersburg Peters des Großen, die dynastischen Verbindungen des 19. Jahrhunderts oder der Beitrag russischer Künstler bei der Ausgestaltung der Moderne. Für jede Epoche haben wir Fallbeispiele. Aus den verheerenden Ereignissen im Zweiten Weltkrieg erwächst für uns die besondere Verpflichtung, eine friedliche Zukunft gemeinsam zu gestalten. Das empfinden die Deutschen ebenso wie die Russen. Es ist deswegen keine Kunstausstellung im herkömmlichen Sinne und auch keine rein historische. Es ist beides, und das ist das Neue.

Sie wollen also die Geschichte zwischen Russen und Deutschen mit wichtigen Ereignissen erklären. Welche wären das?

Deutsche Regentin: das Bildnis Katharinas II.

von Fedor Rokotov. Pressebild.

Einige nenne ich gerne: den deutsch-russischen Handel im Hochmittelalter und in der Hansezeit mit dem deutschen Kontor in Nowgorod; die Bronzetür im Dom zu Nowgorod, ein Werk Magdeburger Bronzegießer; den Nowgoroder Bischofspalast aus dem 14. Jahrhundert norddeutscher Baumeister; Deutsche in Moskau im 16. und 17. Jahrhundert - Buchdrucker, Handwerker und Kaufleute; Katharina die Große, übrigens eine Deutsche, ihren Erwerb deutscher Kunstsammlungen und die Anwerbung der ersten deutschen Siedler. Nicht zu vergessen die Russlandbegeisterung in Preußen, ausgedrückt durch die Kolonie Alexandrowka in Potsdam und Russlandreminiszenzen in der Architektur jener Zeit. Und im Süden Baden-Baden und andere Kurorte als Zielpunkt russischer Reisender. 

Aber dann kam der Krieg.

Ja. Der Zweite Weltkrieg war der große Konflikt. Wir gehen auch darauf ein, bearbeiten dieses bis heute prägende Ereignis dabei besonders eindrucksvoll. Die Ausstellung endet dann mit dem Mauerfall 1989 und dem Beginn einer neuen Epoche in den bilateralen Beziehungen.


Wo und wann wird die Ausstellung gezeigt?

Ab dem 20. Juni im Historischen Museum in Moskau und ab dem 6. Oktober im Neuen Museum in Berlin.


Was ist Ihr „liebstes Kind“ in der Ausstellung?

Als Anhänger der Moderne gefallen mir die russischen Künstler des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts am besten. Das ist ja auch eine Zeit ganz besonders fruchtbarer Beziehungen zwischen Russland und Deutschland. 

Gibt es im Rahmen des Deutschlandjahres noch weitere Projekte in Russland, an denen die Stiftung Preußischer Kulturbesitz beteiligt ist?

Ja, zum Beispiel eine Ausstellung zu Joseph Beuys in Moskau. Daran wirkt unser Museum für zeitgenössische Kunst im Hamburger Bahnhof mit. 

Sie haben selbst länger in Russland gelebt, wie kam es dazu? 

Ich bin Archäologe und seit nun 18 Jahren bei Ausgrabungen in Russland beteiligt, besonders in Sibirien. Ich lese und spreche ganz gut Russisch. Sonst ginge das auch nicht.

Das Interview führte Peter Brinkmann.