Petersburg im Rollstuhl

Kunst für alle: Die Firma Liberty bietet Menschen mit Behinderungen die Möglichkeit, Museen und andere Sehenswürdigkeiten zu besuchen. Foto: ITAR-TASS

Kunst für alle: Die Firma Liberty bietet Menschen mit Behinderungen die Möglichkeit, Museen und andere Sehenswürdigkeiten zu besuchen. Foto: ITAR-TASS

Behinderte, die St. Petersburg erkunden wollen, finden dank des Erfindungsreichtums zweier Russinnen barrierefreien Zugang zu Hotels und touristischen Highlights.

Überall Barrieren

Marija Bondar und Natalja Gasparjan (beide 34) haben „Liberty“ gegründet, das bislang einzige Reisebüro in Russland, das Touren für Rollstuhlfahrer anbietet. Die beiden Gründerinnen, die zusammen zu Schule gingen und die das Schicksal zusammenschmiedete, berichten, wie sie für die Behinderten den Weg durch die Bürokratie gebahnt haben.

 

Natalja Gasparjan. Foto: Kommersant

„Ich hatte Sterne vor den Augen und spürte höllischen Schmerz im Rücken“, erinnert sich Natalja Gasparjan. Sie erlitt mit 9 Jahren bei einem einfachen Überschlag in der künstlerischen Gymnastik eine schwere Rückenverletzung. Ihren Sport musste sie an den Nagel hängen.  

Marija Bondar. Foto: Kommersant

Auch Marija Bondar war in der Kindheit Dauergast in Krankenhäusern. Ein harmloser Streich – beim Rodeln zog ein anderes Kind den Schlitten unter ihr weg – führte zu einer Kompressionsfraktur der Wirbelsäule. Erst nach drei Monaten Krankenhausaufenthalt konnte die kleine Mascha wieder beginnen, das Laufen neu zu lernen.

Ihre gesundheitlichen Probleme machten die beiden Mädchen zu Freundinnen. Sie erhielten sich ihre Freundschaft auch im und nach dem Studium. Marija studierte Germanistik an der Philologischen Fakultät der Universität Leningrad, wie St. Petersburg früher hieß, und Natalja studierte Ökonomie an der Fakultät für pflanzliche Polymere an der Technischen Universität ihrer Stadt.  Nebenbei verdienten sie sich als Reiseführerinnen etwas dazu. Sie begleiteten auch oft Touristengruppen aus Deutschland.

Unter den Gästen, die vor allem mit Kreuzfahrtschiffen eintrafen, waren nicht selten auch Rollstuhlfahrer. „Meistens hatten die russischen Reiseführer die Nase voll, wenn Behinderte im Rollstuhl mitwollten“, beschreibt Marija Bondar die Ausgangslage. „Weil man da immer aufpassen musste, dass die Rollstuhlfahrer nicht verloren gingen. Und oft wurde es nötig, dass man eigenhändig die Rollstühle schieben oder Stufen hoch- beziehungsweise runterheben musste.“

Im Gegensatz zu ihren Kollegen kümmerten sich Marija und Natalja, die das Problem von Wirbelsäulenverletzungen aus eigener leidvoller Erfahrung kannten, von Anfang an recht liebevoll um die Rollstuhlreisenden.  2004 beschlossen sie dann, sich mit ihrer Idee selbstständig zu machen. „Wir hatten eine Nische gefunden. In Russland wusste kaum jemand, dass es Touristen gibt, die an den Rollstuhl gefesselt sind," erinnern sich die damals 26-jährigen Jungunternehmerinnen über den Mangel an Konkurrenz. Doch die Optimisten Natalja und Marija konnten sich noch nicht vorstellen, mit welchen Schwierigkeiten sie noch zu kämpfen haben würden in einer Stadt wie St. Petersburg, die nicht im Mindesten auf Rollstuhlfahrer eingestellt war.

Überall Barrieren

„Wir dachten, es würde ganz einfach sein: Man nimmt eine Planke, legt sie über die Stufen, der Rollstuhl fährt darüber – und fertig! Schon ist die ganze Organisation der Behindertentour geritzt“, lacht Marija Bondar über ihre damalige Naivität. Die beiden jungen Frauen hatten keinerlei Ahnung von der Arbeit eines Reiseveranstalters, wussten nicht, wie man ausländische Kunden gewinnt, eine Tour aufbaut oder den Preis kalkuliert.

Normalerweise gehören Besichtigungen von Sehenswürdigkeiten, die Verpflegung in Restaurants und die Hotelunterbringung zum A und O

einer Reiseorganisation. Natalja und Marija mussten also zuerst herausfinden, welche von den gängigen Locations in St. Petersburg auch für Rollstuhltouristen in Frage kamen, also barrierefrei zugänglich waren. Alle Petersburger Stadthotels mussten sie von ihrer Liste streichen. Behindertengerechte Häuser mit ausreichenden Türbreiten für Rollstühle, Haltegriffen im Bad, einem Lift oder zumindest einer Zufahrtsrampe existierten nicht. Also beschränkten sich die beiden Jungunternehmerinnen auf Kreuzfahrttouristen, die nur für wenige Tage im Hafen lagen und abends immer wieder in ihre behindertengerechten Kabinen auf dem Schiff zurückkehren konnten.

Für das geeignete Exkursionsprogramm machten Natalja und Marija Selbstversuche. „Wir haben einen Rollstuhl besorgt, uns abwechselnd hineingesetzt und versucht, in der ganzen Stadt in Museen und Kirchen hineinzukommen“, beschreibt Marija Bondar ihre Vorgehensweise. „Wenn wir irgendwo aufgetaucht sind, war das ein echter Härtetest für die Museumsangestellten.“ Doch meistens haben die dem Vorhaben der beiden Freundinnen Verständnis entgegenbracht. Bekannte touristische Ziele konnten so durch die Hartnäckigkeit der jungen Frauen für Behinderte erschlossen werden. Viele Museen und Paläste verfügen  heute über gesonderte Fahrstühle oder einen Concierge-Dienst für Behinderte. Um eine vollständige Route für die Rollstuhlfahrer zu erarbeiten und zu testen, haben die Freundinnen über ein Jahr gebraucht.

Schützenhilfe aus Deutschland

Schützenhilfe aus Deutschland

Marija und Natalja lernten den Deutschen Grabowski in ihrer Zeit als Reiseführerinnen kennen, als sie seine Gruppen bei Exkursionen in St. Petersburg betreuten. Wolfgang Grabowski ist Spiritus Rector und Motor des deutschen Rollstuhltourismus. Als sein Bruder mit 20 Jahren einen Verkehrsunfall erlitt und seitdem querschnittsgelähmt ist, gründete er das Unternehmen GRABO-TOURS-REISEN, das sich auf weltweiten Tourismus für Rollstuhlfahrer spezialisiert hat. Seine Reisegruppen gehörten zu den ersten Kunden der frischgebackenen Unternehmerinnen.

Das Beispiel machte Schule. Die Freundinnen wandten sich an Behindertenorganisationen im In- und Ausland und offerierten ihre Dienste. Auch über soziale Netzwerke, wie Facebook oder Twitter, und  über das Internet verbreiteten sie ihre Angebote. Heute bietet „Liberty“

 nicht nur Touren in St. Petersburg, sondern ebenso in Moskau, dem Moskauer Umland sowie in Nowgorod an. Das Duo betreut Behinderten-Reisegruppen aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, den USA, Israel und weiteren Ländern. Insgesamt kommen die beiden auf 400 Touristen pro Jahr. Das erscheint nicht viel, ist aber ziemlich respektabel, wenn man über den Aufwand, den man für den Einzelnen treiben muss, nachdenkt. Der Preis für eine zweitägige Entdeckertour ohne Fahrtkosten liegt bei 100 bis 400 Euro, für zweiwöchige Reisen zwischen 1 000 und 2 000 Euro pro Person. „Schreibt euch hinter die Ohren, dass ihr in diesem Geschäft nie wirklich reich werdet“, hatte Wolfgang Grabowski den Russinnen mit auf den Weg gegeben. Aber die zwei hartnäckigen jungen Frauen ließen sich nicht von dem Vorhaben abbringen.

2007 nahmen die beiden „Liberty“-Chefinnen bei der russischen Sberbank den ersten Kredit ihres Lebens auf: 750 000 Rubel, also knapp 20 000 Euro. Das Geld floss in den Kauf eines Lieferwagens, den Marija Mann, von Beruf Autoschlosser, zu einem Kleinbus für die Personenbeförderung umbaute. Sein ganzer Stolz ist eine spezielle Hebebühne, mit der sich ein Rollstuhl auf die erforderliche Einstiegshöhe befördern lässt.

Psychologische Dividenden

2010 stießen die Freundinnen im Internet auf die Ausschreibung eines Wettbewerbs der Wagit-Alekperow-Stiftung „Unsere Zukunft“. Den Siegern winkten zinslose Kredite zur Entwicklung ihrer Geschäftsidee. Wenige Tage vor Ablauf der Frist reichten Natalja und Marija ihre Bewerbung ein. In der zweiten Runde der Ausschreibung hatten sie ein halbes Jahr lang alle Hände voll zu tun, um die nächsten Dokumente vorzubereiten und einen Geschäftsplan aufzustellen.

Nachdem Natalja Gasparjan und Marija Bondar den Geschäftsplan fertig sowie die finanziellen und sozialen Komponenten ihres Projekts dargestellt hatten, gewährte ihnen die Stiftung einen zinslosen Kredit in Höhe von 1 700 000 Rubel (etwa 45 000 Euro) mit einer Laufzeit von 4 Jahren. „Kein anderer Wettbewerbsteilnehmer hat einen Beitrag eingereicht, der dem von ‚Liberty‘ gleichkäme“, erklärt Jewgeni Shiwoglasow, Exekutivdirektor der Stiftung „Unsere Zukunft“. Den Kredit investierten die Unternehmerinnen in den Kauf einer Klimaanlage für den Minibus und die Organisation weiterer Städtereisen. Geplant ist noch die Anschaffung eines neuen, modernen Reisebusses, der einschließlich rollstuhlgerechtem Umbau zweieinhalb Millionen Rubel, also fast 65 000 Euro, kosten wird.

Die Ausschreibung kam zum rechten Zeitpunkt. Den Freundinnen waren nämlich Zweifel an ihrer Unternehmung gekommen, denn die angebotenen Reisen für russische Touristen brachten Verluste. Wissend, dass Rollstuhlfahrer in Russland wenig Geld haben, hatten sie dazu Gewissensbisse, sich an diesen Menschen zu bereichern. Andererseits wollten sie keine Wohltätigkeitsorganisation sein, ganz abgesehen davon, dass sie sich das auch finanziell gar nicht leisten konnten. So konnten sie bei ihrer Bewerbung auf die Ausschreibung nochmals neu überlegen.

Ihr Plan: „Liberty“ sollte seine positiven Erträge auch weiterhin mit der Betreuung ausländischer Touristen erwirtschaften. Rund zehn Prozent Marge bringt diese Dienstleistung. Bei der Kalkulation für russische Rollstuhlfahrer wollten die Frauen dagegen keine Gewinnmarge aufschlagen. Darauf verständigten sie sich auch mit ihren Geschäftspartnern, also den Transportunternehmen, Restaurants und Hotels. So kommt es, dass russische Touristen für eine Tour nach Prag, Riga, Paris oder eine Reise nach Moskau nur 1 500 bis 2 000 Rubel pro Tag bezahlen, was etwa 37 bis 50 Euro entspricht. „Vielleicht landen wir auch bei den Reisen für Russen irgendwann einmal bei einer schwarzen Null“, hoffen die beiden. Eine moralische Dividende – die Genugtuung, ihren behinderten Landsleuten helfen zu können – bringt ihnen die Arbeit mit russischen Rollstuhltouristen allemal ein.

In nächster Zukunft wollen die beiden jungen Frauen auch Reisen für Touristen mit anderen Formen der Behinderung – vornehmlich für Gehörlose und Schwerhörige – in das Angebot von „Liberty“ aufnehmen und damit ein neues Geschäftssegment hinzugewinnen. Und Marija und Natalja träumen weiter: „ Ein Netz von Hostels und Nachtklubs, die auch für Behinderte zugänglich sind, speziell ausgestattete Reisebusse..." Die Freundinnen schauen sich an, und man begreift: Hier haben sich zwei gefunden, die für ihre Profession brennen und vielen benachteiligten Menschen glückliche Momente bescheren. 

Die ungekürzte Fassung des Artikels erschien in der Zeitschrift Sekret Firmy.

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