Powerfrauen der Sowjetunion

Elena Chizhova. Foto: ITAR-TASS

Elena Chizhova. Foto: ITAR-TASS

Der Deutsche Taschenbuch Verlag (dtv) veröffentlichte gerade das Buch „Die stille Macht der Frauen“ der Petersburger Schriftstellerin Elena Chizhova als deutsche Erstausgabe. Für diesen Roman erhielt die Autorin 2009 den renommierten Russischen Booker-Preis. Im Interview mit Russland HEUTE spricht Elena Chizhova über die „sowjetische Seele“, erklärt, warum die Menschen in der UdSSR nicht gern viel redeten und wie sie mit fast vierzig Jahren beschloss, Schriftstellerin zu werden.

Was bedeutet es Ihnen, dass Ihr Roman „Die stille Macht der Frauen“ soeben auf Deutsch erschienen ist?

Mir erscheint es wichtig, dass gerade die Deutschen dieses Buch lesen können, es geht darin doch um die Geschichte der Sowjetunion. Unsere Länder waren ja stets eng verbunden, sowohl kulturell als auch historisch. Möglicherweise hilft mein Buch den deutschen Lesern, Russland mit den Augen der Russen zu sehen. Manchmal kommt es einem so vor, als reflektierten die Handlungen und Erklärungen eines Staates die Gedanken all seiner Bürger. Aber das stimmt nicht. „Die stille Macht der Frauen“ zeigt, wie tragisch das Leben der normalen Menschen im „Land des siegreichen Sozialismus“ war.

In einem Interview haben Sie davon gesprochen, dass Menschen Bücher auf unterschiedliche Weise lesen: Die einen verfolgen ausschließlich den Plot, die äußeren Ereignisse, während es andere verstehen, die wichtigeren, komplizierteren Dinge dahinter auszumachen. Welche „komplizierten Dinge“ sind in „Die stille Macht der Frauen“ verborgen?

Wenn ich von „komplizierten Dingen“ spreche,  dann meine ich damit keine literarischen Denksportaufgaben. Jeder Roman hat ein Sujet und in „Die stille Macht der Frauen“ ist dieses Sujet unkompliziert: Die kleine Susanna kann bis zu ihrem siebenten Lebensjahr nicht sprechen, was ihre Mutter jedoch mit allen Mitteln verheimlicht, weil sie Angst hat, die Tochter könnte in eine Sonderschule geschickt werden. Als die Mutter erkrankt und stirbt, retten drei alte Frauen, denen die sowjetische Geschichte des 20. Jahrhunderts Familie und Verwandte geraubt hat, das kleine Mädchen und ziehen es groß. Auf den ersten Blick Alltagsleben pur. Doch allein um dieses Sujets willen hätte ich den Roman nicht geschrieben. Vielmehr wollte ich erklären, wie in einem unfreien Land das echte, nicht ideologisch verstümmelte historische Gedächtnis bewahrt wird. Das sind eigentlich schon alle „komplizierten Dinge“ des Buches. Oft werde ich gefragt, ob dieses Mädchen, das nicht sprechen kann, als Symbol für das schweigende Land zu verstehen ist. Darauf antworte ich: Nein. Wäre Schweigen das einzige Problem der UdSSR gewesen, dann hätte 1991 bei uns ein normales Leben begonnen.

Warum schweigt das kleine Mädchen dann?

Susannas Schweigen ist eine rein „technische“ Lösung. Könnte Susanna sprechen, würden sich die alten Frauen in ihrer Gegenwart nicht über das

unterhalten, worüber sie sich eben, in meinem Buch, unterhalten. Denn früher oder später ginge Susanna in den Kindergarten, später in die Schule. Denken Sie doch nur, wenn sie sich dort verplappert, ihre „Geheimnisse“ ausgeplaudert hätte. Jede Großmutter in der UdSSR wusste, dass das böse enden konnte. Wenn meine beiden Töchter in Gegenwart meiner Mutter „antisowjetische Gespräche“ führen, hört sie interessiert zu, mahnt dann aber jedes Mal: „Kommt mir bloß nicht auf den Gedanken, so etwas in der Universität zu sagen!“ Sie hat bis jetzt Angst, obwohl die Sowjetunion schon lange nicht mehr existiert.

Haben Ihre eigenen Großmütter und Großväter in Ihrer Gegenwart über Politik geredet? Ist etwas von dem, was Sie vielleicht gehört haben, in den Roman eingegangen?

Ich hatte nur eine Urgroßmutter. Sie hat oft mit meiner Mutter über den Krieg und die Leningrader Blockade der Jahre 1941 bis 1944 gesprochen, oder darüber, was bis zur Revolution in Russland geschehen ist. Ich war damals noch ganz klein, und sie dachten, ich würde nichts verstehen. Einiges von dem, was sie über die Blockade erzählt haben, findet sich in meinem Roman wieder. Und dann erinnere ich mich noch an ein Gespräch mit meiner Urgroßmutter. Ich muss damals ungefähr fünf Jahre alt gewesen sein, sie bereits über siebzig. Wir gingen auf der Straße und plötzlich sagte meine Großmutter, sie würde gern noch zwanzig Jahre leben. „Warum?“, fragte ich. „Ich will sehen, wie das alles mit denen endet“, erhielt ich zur Antwort. Mit „denen“ waren die Bolschewiki gemeint. Dann fügte sie noch hinzu: „Sie schleppen alles weg, was vom Zaren ist und krepieren.“ Wenn ich heute an diese Worte zurückdenke, scheint mir, meine Urgroßmutter hatte ihr eigenes Gesetz des sowjetischen, ja sogar des postsowjetischen Lebens aufgestellt.

Hat sich die russische Frau verändert seit der Zeit, die Sie in Ihrem Buch beschreiben? Oder ist sie immer noch imstande, wie

es der Dichter Nikolai Nekrassow in seinem Poem „Russische Frauen“ formuliert, „ein Pferd in vollem Galopp aufzuhalten, eine brennende Hütte zu betreten“?

Ja, viele russische Frauen sind noch immer Heldinnen. Ich selbst habe ja auch „brennende Hütten betreten“, nach der Perestroika die gesamte Familie durchgebracht, habe geschrieben und gearbeitet. Es gibt viele solcher Frauen bei uns in Russland.

Warum setzen Sie sich in Ihren Büchern gerade mit der Sowjetzeit so tiefgründig auseinander?

Formal ist die Sowjetunion verschwunden, aber als Zivilisation existiert sie bis heute. Wir werden noch mehr als ein Jahrzehnt brauchen, um uns davon zu befreien. Das Problem liegt nicht allein in der Gesellschaftsordnung, sondern darin, dass die UdSSR einen ganz besonderen Menschentyp hervorgebracht hat. Im Westen ist der Mythos von der „russischen Seele“ populär, ich würde aber gern einen Roman über die „sowjetische Seele“ schreiben. Eine Seele voller Angst, eine Seele, die die Welt als feindselig wahrnimmt. Ich denke, die Ausprägung eines neuen Menschentyps war eines der erfolgreichsten Projekte der Sowjetmacht. Ökonomisch und erst recht ideologisch hat sie ja wenig bewirkt. Natürlich will ich damit nicht sagen, dass alle, die in Russland leben, „Sowjetseelen“ wären. Wir sind verschieden, trotzdem meine ich, dass etwas „Sowjetisches“ in uns und vielleicht sogar in unseren Kindern erhalten geblieben ist. Ich träume von der Zeit, in der unsere Nachkommen das sowjetische Erbe abschütteln. Heute scheint mir jedoch wichtig zu begreifen, wie und warum wir so geworden sind. Ohne die Aufarbeitung unserer Vergangenheit kann man das nicht verstehen.

Sie raten dazu, nur ernsthafte Literatur zu lesen, weil sie in der Lage ist, das Leben zu verändern. Welche Bücher haben Ihr eigenes Leben verändert?

Meiner Ansicht nach haben deutsche Schriftsteller die Welt auf den Kopf gestellt. Mit etwas über zwanzig habe ich die großen Romane von Thomas Mann und Hermann Hesse gelesen und begriffen, dass der Raum, den sie in diesen Büchern erschaffen haben, meine geistige Heimat ist. Ich liebe die klassische russische Literatur sehr, eigentlich mit jedem Jahr mehr: Alexander Puschkin, Lew Tolstoi, Andrej Platonow, Nikolai Gogol. Aber mein Bewusstsein ist weitgehend von diesen deutschen Schriftstellern geprägt worden.

Sie haben lange Zeit in nicht unbedingt schöpferischen Berufen gearbeitet. Wie sind Sie Schriftstellerin geworden?

 

Als ich an einem Institut unterrichtet und später, nach der Perestroika, in der freien Wirtschaft gearbeitet habe, hatte ich das Gefühl, ein fremdes Leben zu leben. Weil das Schreiben immer mein Traum war, ich mich aber nicht dazu entschließen konnte, alles hinzuwerfen. Eines Tages bin ich dann auf einem Schiff von Istanbul nach Simferopol gefahren und an Bord ist ein Brand ausgebrochen. Das Schiff hat sechs Stunden lang gebrannt. Ich habe die ganze Zeit dagesessen, über mein Leben nachgedacht und dann eine Entscheidung gefällt: Wenn ich lebend von diesem Schiff herunterkomme, lasse ich alles Gewesene hinter mir und beginne zu schreiben. Ich habe meine frühere Arbeit aufgegeben, damit die Familie für mehrere Jahre zu einem durchaus nicht leichten Leben verdammt, aber getan, was ich immer schon tun wollte. Ich war ungefähr vierzig, als ich meinem Leben diese jähe Wendung gegeben habe. 

Das Interview führte Tatjana Marschanskich.


Die Arbeit und das Schaffen von Elena Chizhova

Die Schriftstellerin, Übersetzerin und Publizistin Elena Chizhova ist Chefredakteurin des in St. Petersburg erscheinenden internationalen Magazins „Wsemirnoje slowo“ (Worldwide Word) und Vorsitzende der Petersburger Sektion des russischen PEN-Clubs.

Über ihr Leben sagt Elena Chizhova: „Ich habe an einem Institut unterrichtet und in der freien Wirtschaft gearbeitet, in den letzten Jahren sitze ich allerdings am Schreibtisch.“

Die ersten literarischen Werke der Autorin erschienen vor etwa 10 Jahren. Seither hat Elena Chizhova eine ganze Reihe von Romanen und Sammelbänden veröffentlicht.

Im Jahr 2000 wurde sie mit dem Preis der Zeitschrift „Swesda“ für das beste Debüt und 2001 mit dem Literaturpreis „Sewernaja Palmyra“ der Stadt St. Petersburg in der Kategorie Prosa geehrt.

Zwei ihrer Romane - „Lawra“ (Das Höhlenkloster) und „Prestupniza“ (Die Verbrecherin) – gelangten 2003 und 2005 in die Endauswahl für den renommierten Russischen Booker-Preis.

Am 3. Dezember 2009 gewann Elena Chizhova dann mit dem Roman „Wremja shenschtschin“ (Die Zeit der Frauen) den Russischen Booker, der zu den wichtigsten Literaturpreisen Russlands zählt.

Unter dem Titel „Die stille Macht der Frauen“ erschien das Buch im Juni 2012 als deutsche Erstausgabe bei dtv München.

Über diesen Roman sagt die Autorin, sie sei darin der Frage nachgegangen, warum sich Russland kein historisches Gedächtnis bewahrt hat, und dabei zu einer interessanten Einsicht gelangt: „Es ist nun einmal so, dass im 20. Jahrhundert bei uns nur Frauen die Trägerinnen der historischen Erinnerung sein konnten.“

Wie Elena Chizhova ausführt, schreibt sie in diesem Roman in gewisser Weise auch über die eigene Kindheit, wählt dabei jedoch nicht die Ich-Perspektive, sondern spricht im Namen ihrer während der Leningrader Blockade gestorbenen Großmutter, im Namen aller Familienmitglieder, die in der großen Repressionswelle der Jahre 1937-1938 in Leningrad umkamen. 

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