Der Warschauer Vorfall

Bild: Dmitrij Diwin

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Warum Krawalle zwischen polnischen und russischen Hooligans wie bei der Fußball-EM nicht auszuschließen sind.

Auf der Poniatowski-Brücke in Warschau geschah am 12. Juni genau das, was es in der Geschichte der EM schon lange nicht mehr gegeben hat – eine Schlägerei zwischen Fußballfans aus Polen und Russland. Sie lässt sich zwar nicht mit den Vorkommnissen im belgischen Charleroi vergleichen, wo während der EM vor zwölf Jahren Engländer und Deutsche aneinandergerieten. Doch die Requisiten waren haargenau die gleichen: Wasserwerfer, Tränengas, Gummigeschosse. Das Ergebnis: über 200 Festnahmen, mehrere Dutzend Verletzte, eine Handvoll Verurteilungen. Das Schlimmste aber: Polen, das die Fußball-EM 2012 ausrichtete, ist ein ernsthafter Imageschaden entstanden.


Die polnischen Hooligans sind mit die aktivsten in Europa. Während jene Länder, die früher mit schlägernden Fans konfrontiert waren, Methoden entwickelten, um deren destruktives Potenzial in den Griff zu bekommen, hat man das Problem in Polen lange vernachlässigt. Wie die Praxis gezeigt hat, sind Strafen gegenüber Hooligans nur dann erfolgreich, wenn gleichzeitig die einkommensschwachen Schlachtenbummler, aus denen sich die aggressiven Fußballbanden vor allem rekrutieren, aus den Stadien verdrängt werden, schlicht, weil sie sich die Tickets nicht leisten können. Die Auseinandersetzungen außerhalb der Stadien lassen sich nur schwer kontrollieren, zumal die soziale Zusammensetzung der polnischen Hooligans recht bunt ist: Unter ihnen findet man Vertreter aller unteren sozialen Gesellschaftsschichten, denen der Weg nach oben versperrt ist.


Zudem sind die polnischen Hooligans in erster Linie innerhalb ihres Landes aktiv: Es sei daran erinnert, wie ernst die deutsche Polizei die Begegnungen der polnischen und deutschen Mannschaften bei der WM 2006 und 
der EM 2008 genommen hatte. 
Damals lief aber alles ohne größere Zwischenfälle ab. Möglicherweise wäre auch diesmal alles gut gegangen, hätten nicht Medien und Politik für Hysterie gesorgt.

In der gemeinsamen Geschichte Russlands und Polens gibt es einige schmerzhafte Momente und unverheilte Wunden, die beide 
Seiten noch immer nicht zur Ruhe kommen lassen. Symbol dafür 
ist die Stadt Smolensk: In Katyn, nicht weit von Smolensk, wurden 1940 mehrere Tausend polnische Offiziere vom russischen 
Geheimdienst NKWD ermordet. Und siebzig Jahre später verunglückte an der gleichen Stelle das Flugzeug des Präsidenten Lech Kaczynski. Bis heute erkennt ein Viertel der Polen die Untersuchungsergebnisse nicht an und glaubt, dass auch der Präsident Opfer russischer Geheimdienste geworden ist.


Im Juni 2012 kam dann einiges zusammen: die große Zahl russischer

Fußballfans in Warschau, die Entscheidung des russischen Fanverbandes, in einer Kolonne vom Stadtzentrum zum Stadion zu marschieren, die Vorfälle in Breslau (Russen verprügelten nach dem Spiel vier Ordner) - all dies schuf beste Voraussetzungen für ein neuerliches Aufflammen alter Feindschaften. Zumal auch die polnische Politik nicht unschuldig war und nationalistisch gestimmte Fußballfans hofierte. Ironischerweise trugen Tage später beide Nationen Trauer, weil ihre Mannschaften bereits in der Vorrunde gescheitert waren.


2018, wenn die Fußball-WM in Russland stattfindet, werden die russischen Hooligans für die Organisatoren möglicherweise zu einem ernsten Problem. In den Stadien der Premier Liga sorgen Polizisten und nicht, wie üblich, psychologisch geschulte Ordner für Ruhe. Immer wieder kommt es zwischen rivalisierenden Fans zu Auseinandersetzungen. Die Fanclubs sind stark gewachsen und werden kaum kontrolliert, die Anführer von Ausschreitungen nicht belangt.


Sollte es also Polen zur nächsten WM schaffen, ist nicht auszuschließen, dass die Gäste ein 
herber Empfang erwartet. Was wiederum eine entsprechende Gegenreaktion hervorrufen wird.

Alexander Kobeljazkij ist Leiter des Sportressorts beim Magazin Russkij Reporter.

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