Deutschbalten in Russland: 200 Jahre zwischen Abgrenzung und Integration

Unter Annas Regierung erhielten die baltendeutschen Günstlinge der Kaiserin einen großen Einfluss. Bild: aus offenen Quellen

Unter Annas Regierung erhielten die baltendeutschen Günstlinge der Kaiserin einen großen Einfluss. Bild: aus offenen Quellen

Für einen Russen gehalten zu werden, tut weh, oder doch nicht? Eine Geschichte, die zeigt, wie es anstrengend, aber auch sehr vorteilhaft war, ein Deutschbalte zu sein.

Bis 1991, als die baltischen Staaten zum zweiten Mal nach 1917/18 ihre Unabhängigkeit erlangten, hatten viele Deutsche nur vage Vorstellungen von dieser Region. Da mein Name ungewöhnlich klingt, ich aber keinen Dialekt spreche, werde ich häufig gefragt, wo meine Familie herstammt. Damals, Anfang der 1980er Jahre, spielte sich der Dialog in etwa so ab: „Aus Estland“ – „Wo ist denn das?“ – „Das ist heute ein Teil der Sowjetunion.“ – „Dann bist Du also Russe?“ „Nein, Deutschbalte.“ „Hä?“

Für einen Russen gehalten zu werden, tut weh. Das war auch im Russischen Zarenreich so ungefähr das Letzte, was sich ein Deutschbalte gewünscht hätte. Das Verhältnis zwischen der Titularnation und der kleinen deutschen Minderheit in den Ostseeprovinzen war über die Jahrhunderte hinweg durchaus widersprüchlich. Einerseits versuchten die Deutschen, ihre Eigenständigkeit zu bewahren, während die Regierung in Petersburg ihre Sonderstellung zu brechen suchte. Andererseits nahmen Baltendeutsche höchste Positionen im Reich ein und verbanden sich mit den angesehensten russischen Familien. Eine unterdrückte Minderheit waren unsere Vorfahren nicht. Die „Ostsee-Barone“, wie die Russen unsere Vorfahren nannten, waren mit den Ordensrittern ins heidnische Baltikum gekommen und hatten sich das Land angeeignet.

Zuerst als Vasallen des Ordens, später ging das kleine und schwer zu verteidigende Gebiet an Schweden und Polen, schließlich an Russland. Alle Oberherren, bis hin zum Zaren Peter I., garantierten den Deutschen ihre Privilegien: Selbstverwaltung, Deutsch als Amtssprache und das lutherische Bekenntnis. Warum diese Großzügigkeit? Es wäre nicht schwer gewesen, die wenigen Deutschen einfach zu vertreiben. Die unterworfenen Esten und Letten brannten nicht darauf, für die Herren zu kämpfen, die sie nicht gerufen hatten. Aber bekanntlich war Zar Peter stets an westlich geschulten Fachkräften interessiert. Der deutschbaltische Historiker Carl Schirren bietet noch eine andere Erklärung für die bevorzugte Behandlung. Da alle Anrainer – Polen, Schweden, Dänemark, sogar England – Ansprüche auf den kleinen, aber begehrten Flecken Landes erheben konnten, brauchte der Eroberer die Legitimation durch die freiwillige Unterwerfung der deutschen Oberschicht. Loyalität gegen Privilegien.

Nicht wenige Deutschbalten machten Karriere in Russland. Sie dienten in der Armee oder der Zivilverwaltung, waren russische Minister und Diplomaten, Entdeckungsreisende und Wissenschaftler. Oder sie bestellten ihre Güter und waren ehrenamtlich in der ständischen Selbstverwaltung der baltischen Provinzen tätig. Nun war das russische Kaiserreich, anders als es das Klischee vom „Völkergefängnis“ nahelegt, normalerweise sehr tolerant gegenüber unterworfenen Minderheiten. Insbesondere im Süden und Osten des Reiches war das der Fall, Moslems und Buddhisten durften frei ihre Religion ausüben, ihre Sprachen sprechen.

Im westlichen Teil war das anders. Polen wie Deutschbalten galten nationalistisch gesinnten Russen als unsichere Kantonisten, jederzeit bereit, Russland zu verraten. Die Slawophilen, eine politische und philosophische Strömung im 19. Jahrhundert, forderten den Zaren auf, die allgegenwärtigen Deutschen zu russifizieren. „Sie sind loyal dem Zaren gegenüber, aber sie lieben das russische Volk nicht“, lautete ein Vorwurf. „Warum sollten wir das tun?“ fragten die deutschbaltischen Barone süffisant zurück.

Eine Anekdote berichtet, dass einst der ultrakonservative Politiker Konstantin Pobedonoszew die Barone wegen ihrer Zugehörigkeit zum

Russischen Reich wiederholt als Russen ansprach, worauf August von Oettingen, ein Vertreter des deutschbaltischen Adels, ihm geantwortet haben soll: „Wenn ein Vollblutfüllen in einem Schweinestall geboren wird, so bleibt es doch ein Vollblutpferd.“ Auch wenn diese Geschichte erfunden sein mag – es ist naheliegend, dass diese Haltung und die Art, sie in Worte zu kleiden, bei den Russen nicht gut ankamen. Doch die meisten Zaren wussten die Loyalität der Deutschen zu schätzen und es gab genügend Balten in hohen Positionen, um den Vorstößen der Slawophilen Einhalt zu gebieten.

Das änderte sich, als Zar Alexander III. den Thron bestieg, der stark von slawophilen Ideen beeinflusst war. Nun folgte eine Welle der Russifizierung in den baltischen Provinzen. Esten und Letten wurden genötigt, vom evangelischen zum orthodoxen Glauben überzutreten. Schule, Verwaltung und Rechtsprechung sollte nach russischen Gesetzen und in russischer Sprache stattfinden. Solche Forderungen wurden allerdings nicht nur von reaktionären Nationalromantikern gestützt, sondern auch von progressiven Reformern, die eine Angleichung der Verhältnisse im gesamten Reich anstrebten.

Für mich war es angesichts der komplizierten Geschichte sehr aufschlussreich, die Meinung der anderen Seite kennenzulernen. Als es möglich wurde, mit Russen ungezwungen zu sprechen, konnte ich feststellen, dass das gegenseitige Interesse groß ist. Die erste Offenbarung für mich war, dass jeder gebildeten Russe die Namen der angesehensten deutschbaltischen Geschlechter kennt: Namen wie Tiesenhausen, Wrangel oder Krusenstern sind durchaus präsent im russischen Bewusstsein.

Die zweite Lektion: Das Bild unserer Vorfahren, das die Russen haben, stimmt nicht unbedingt überein mit dem Selbstbild, das unsere Vorfahren gehabt hatten. Sah sich die deutsche Elite als Bollwerk gegen die grassierende Korruption im Zarenreich und als patriarchalische Wohltäter der leibeigenen Esten und Letten, so beschrieb die sowjetische Propaganda die Barone als ultrareaktionäre Ausbeuter und unfähige Beamte. Nachhaltig geprägt wurde das schlechte Image der Deutschbalten vor allem durch die Regierungszeit der Zarin Anna Iwanowna (1730 – 1740). Diese gilt als „dunkle Epoche“, in der die baltendeutschen Günstlinge der Kaiserin, so die russischen Geschichtsschreiber des 19. Und 20, Jahrhunderts, das Land in Terror und Chaos stürzten.

Zum Glück hat sich heute auf beiden Seiten eine realistische Sichtweise durchgesetzt. Die Angehörigen der ehemaligen baltischen Ritterschaften sind in Deutschland in einem Verband organisiert. Auf ihren Treffen diskutieren sie mit Esten und Letten über die gemeinsame Vergangenheit und hinterfragen kritisch Ihre Rollen im Zarenreich. Einige lernen Russisch, andere arbeiten in Moskau als Firmenvertreter oder Diplomaten und freuen sich über das freundliche Interesse ihrer Gastgeber an ihrer Herkunft. Russische Historiker wiederum lassen vielen früher geschmähten deutschbaltischen Persönlichkeiten Gerechtigkeit widerfahren. Eines hat sich jedoch leider nicht geändert: Spannungen zwischen Russland und dem Baltikum bestehen nach wie vor. Allerdings unter anderen Vorzeichen – und ohne die Deutschbalten.

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