Russischer Hostelmarkt auf dem Vormarsch

Das Moskauer Hostel Dom: wie zu Hause für 900 Rubel (22,5 Euro) pro Nacht. Foto: Photoshot/Vostock-photo

Das Moskauer Hostel Dom: wie zu Hause für 900 Rubel (22,5 Euro) pro Nacht. Foto: Photoshot/Vostock-photo

Bisher war es üblich, dass Einheimische ihre Wohnungen für ein bis zwei Nächte an Touristen vermieteten. Diese Idee entwickelt sich jedoch langsam weiter in Richtung Mini-Hotels. Wie Marktteilnehmer der noch jungen Branche verraten, kann man mit einem Hostel für 40 Personen in der Hauptsaison rund eine Million Rubel pro Monat (25.000 Euro) verdienen.

Mit seinem Hotelmarkt belegt Moskau den letzten Platz unter allen europäischen Hauptstädten. Auf 1000 Einwohner kommen etwa vier Hotelzimmer, erklärt Maria Wassilenko, Marketingdirektorin bei Azimut Hotels. In Paris sind es hingegen acht, in London zwölf und in Rom sogar zwanzig. Lediglich 30 Prozent der Moskauer Hotels gehören zur Touristenklasse. Doch seit gut drei Jahren boomt die Branche. Jährlich werden in Moskau zwischen zehn und fünfzehn Hostels eröffnet. Zur Zeit gibt es in Moskau 40 bis 50 registrierte Hostels, schätzt Stanislaw Iwaschkewitsch, Vice Director Hospitality Industry in der Beratungsfirma CBRE.

Ein Hansdampf in allen Gassen

Seit Daniil Mischin im Alter von elf Jahren mit seinen Eltern durch Europa reiste, interessiert er sich für Hostels. In Berlin war das Reisebudget beinahe aufgebraucht, sodass die Familie in einem Hostel übernachten musste. Die günstige, aber gepflegte Unterkunft beeindruckte den Jungen so sehr, dass er beschloss, selber Besitzer eines Mini-Hotels zu werden. Wieder Zuhause in Sewastopol in der Ukraine, überredete er seine Eltern, die von der Großmutter geerbte Zweizimmerwohnung umzubauen. Dafür brauchte Mischin gerade einmal 200 US-Dollar, die er durch den Verkauf von Zeitungen und anderen Dingen verdiente. Er klebte selbst neue Tapeten und bezahlte mit Bier ein paar Matrosen, die ihm die Betten zusammennagelten. Damals gab es in Sewastopol kein einziges Hostel. Eine Woche später kamen schon die ersten Gäste, vier amerikanische Touristen. Richtig erfolgreich wurde Mischin, als er begann für sein Hostel im Internet zu werben.

Heute ist Mischin zwanzig und Chef von acht Hostels mit einem Jahresumsatz von 100 Millionen Rubel (2,5 Millionen Euro). Drei davon tragen den Namen Bear Hostel und befinden sich im Zentrum von Moskau. Die anderen betreibt er unter dem Namen Funny Dolphin in der Ukraine. „Ich habe die Schule extern abgeschlossen und bin 15 nach Moskau abgehauen, meine Eltern konnten da auch nichts machen“, lacht Mischin. Nachdem er sein Jura-Studium begonnen hatte, eröffnete er in einer ehemaligen Kommunalwohnung im Stadtzentrum sein erstes Moskauer Hostel. Das Studium brach er ab, da seine Geschäfte zu viel Zeit in Anspruch nahmen. „Ohnehin verfügte ich bereits über ausreichend praktische Erfahrung“, erklärt Mischin.

Kein Luxus

Hostels machen nur etwa 3 Prozent des Moskauer Hotelmarktes aus und stehen nicht in Konkurrenz mit den etablierten Hotels, weiß

Wassilenko: „Hostels haben ihre eigene Zielgruppe: Menschen um die 25 mit geringen Ansprüchen. Hostels können nicht die Sicherheitsstandards von Hotels bieten und auch die Hygienestandards sind geringer. So werden zum Beispiel hauptsächlich normale statt industrielle Waschmaschinen verwendet und die Reinigung erfolgt nicht durch Reinigungsfirmen.“ Doch solche Mini-Hotels haben auch ihre Pluspunkte: einen niedrigeren Preis und eine zentrale Lage, meint die Expertin.

Seinen finanziellen Erfolg erklärt Mischin mit seinem guten Verkaufssystem und der aktiven Entwicklungsstrategie seiner Kette. Inzwischen gibt es in seiner Firma eine Verkaufsabteilung, 35 Prozent seiner Gäste sind Firmenkunden. Touristen bietet er eine Sonderaktion: Bei einer Reservierung am Anreisetag kostet eine Nacht nur 500 Rubel (ca. 12 Euro). Der Durchschnittspreis für eine Übernachtung im Mehrbettzimmer liegt bei 730 Rubel (ca. 18 Euro). Für dieses Geld erhält jeder Gast Hausschuhe, Ohrenstöpsel, Badetücher sowie freien Zugang zu WiFi und zu der voll ausgestatteten Küche.

Verkäufe und Ausgaben

Einen der Hauptfehler von Hotelieranfängern sieht Mischin in dem übertriebenen Hang zum Sparen. „Manchmal wird an den kleinsten Dingen, wie Waschmittel, gespart und darüber wird beispielsweise der Internetauftritt vernachlässigt“, sagt Mischin. Folglich bleibt die Auslastung gering und die Zeitspanne bis die Schulden getilgt sind oder das investierte Kapital wieder gewonnen wird, ist entsprechend lang. Seit Eröffnung seines Moskauer Hostels hat Mischin täglich rund 13 Stunden im Internet verbracht, um seine Hostels anzupreisen.

Auch Marina Timoschenko und Konstantin Osinzew eröffneten im Februar 2012 ein Hostel. Die Eröffnung war mehr oder weniger Zufall.

„Bekannte, die selber in der Branche tätig sind, haben uns diese Immobilie angeboten, da sie ihnen nicht gefiel“, erzählt Timoschenko. In dem Gebäude gab es eine Einbauküche und die Wände waren bunt gestrichen. „Renovierungsarbeiten waren eigentlich nicht nötig, aber wir beschlossen alles genau so zu gestalten, wie wir es uns vorstellten. Wir haben sogar eine Geschirrspülmaschine gekauft, was für ein Hostel eigentlich übertriebener Luxus ist“, erklärt Timoschenko.

Daraufhin hat sich das Hostel Dom einen Namen als Einziges Hostel, in dem die Gäste ihr Geschirr nicht selber spülen müssen, gemacht. Von Beginn an haben die Gründer ihrer Internetseite und dem Auftritt in sozialen Netzwerken viel Aufmerksamkeit geschenkt. Ihr Team besteht aus vier Leuten an der Rezeption und einer Putzfrau. Der monatliche Umsatz beträgt etwa 20.000 bis 30.000 US-Dollar. 30 Prozent des Budgets werden für die Miete ausgegeben und ein weiterer großer Teil für den Unterhalt des Gebäudes und für die Gehälter. Der Gewinn ist nicht sehr groß, doch die Besitzer sind zufrieden.

Eine Million pro Monat

Hotels und auch Hostels sind in Russland besonders rentabel, sagt Wassilenko. In Moskau beträgt die Gewinnmarge etwa 20 Prozent, während sie in Amsterdam 4 Prozent und in London 10 Prozent ausmacht. Ein Hostel für 20 bis 30 Personen im Zentrum von Moskau mit einem Übernachtungspreis von 700 Rubeln kann in der Hauptsaison 450.000 bis 600.000 Rubel pro Monat einbringen und dabei eine Rendite von 20 bis 40 Prozent aufweisen. Die Investitionen betragen 2 bis 5 Millionen Rubel und rentieren sich bei einer durchschnittlichen Auslastung von 60 Prozent innerhalb eines Jahres, berechnet Azimut Hotels. Mischin ist sich sicher, dass ein Hostel mit 40 Plätzen etwa eine Million Rubel pro Monat bringen kann.

„Investitionen in der Hotelbranche sind langfristig und nicht jeder Investor ist bereit, fünf bis zehn Jahre zu warten. Doch in letzter Zeit hat sich die Situation merklich verändert“, weiß Wassilenko. „In den vergangenen drei Jahren haben sich Investoren und Besitzer immer öfter an professionelle Hotelbetreiber gewandt, die die richtige Lage auswählen, ein effizientes Geschäftsmodell erarbeiten, die Geldflüsse kontrollieren und aufgrund zentraler Buchungssysteme eine hohe Auslastung garantieren können.“ 

Dieser Artikel erschien zuerst bei der Zeitung Wedomosti

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