Russland gedenkt Opfer des „Bulgaria“-Untergangs vor einem Jahr

Am 10. Juli kamen viele zum Denkmal am Ufer Wolga, um Opfer der "Bulgaria"-Tragödie zu gedenken. Foto: ITAR-TASS

Am 10. Juli kamen viele zum Denkmal am Ufer Wolga, um Opfer der "Bulgaria"-Tragödie zu gedenken. Foto: ITAR-TASS

Am 10. Juli gedachte Russland der Opfer einer Katastrophe, die sich vor einem Jahr am Kujbyschewer Stausee ereignete und 122 Menschen, darunter 28 Kindern, das Leben kostete. Kurz vor den Gedenkfeiern wurden die alarmierenden Ergebnisse umfassender Kontrollen bekannt: Jedes vierte Schiff von Russlands Binnenflotte entspricht nicht den technischen Anforderungen.

Die russische Verkehrsbehörde Rostransnadsor hat ein Jahr nach dem Untergang des Ausflugsschiffes „Bulgaria“ die Ergebnisse einer Kontrolle sämtlicher Binnenschiffe veröffentlicht. Jedes vierte von ihnen hielt den für Flusskreuzfahrten geltenden Sicherheitsanforderungen nicht Stand, erklärte die Pressestelle der Behörde.

„Kein einziges Schiff wurde aus dem Verkehr gezogen. Nach der Behebung vermeintlicher  Mängel wurden alle wieder in Betrieb

genommen. Die Inspektionen dauerten unterschiedlich lange, von einigen Stunden bis zu mehrere Wochen“, so ein Pressesprecher von Rostransnadsor. Häufig, so die Behörde, verschließen die Schiffsbetreiber ihre Augen vor Unstimmigkeiten in den Begleitdokumenten und Mängeln an Geräten. So waren die meisten der bemängelten Transportmittel entweder nicht mit allen erforderlichen Rettungsgeräten ausgestattet oder die Schiffsdokumente stimmten nicht mit dem tatsächlichen Zustand und der Ausrüstung der Schiffe überein.

Die von Rostransportnadsor eingesetzte Kommission kam zu dem Schluss, dass eine Vielzahl von Faktoren das Unglück verursachte. Schiffseigentümer und Kapitän hatten gegen Vorschriften verstoßen, deren Einhaltung für die Sicherheit bei der Durchführung jener Tour erforderlich gewesen wäre. Die Schiffsbesatzung war zudem unzureichend qualifiziert und nicht ausreichend diszipliniert.

Im Zusammenhang mit dem Untergang der „Bulgaria“ wurden Strafverfahren eingeleitet. Die Ermittlungen zu den Ursachen des Unglückes sind annähernd abgeschlossen. Die Untersuchungsakte umfasst 90 Bände. Derzeit machen sich die Beschuldigten mit ihnen vertraut. Danach werden die Materialien dem Gericht übergeben.

An die Tausend Befragungen und Dutzende Gutachten trugen zur Rekonstruktion der Geschehnisse bei. Fünf Personen wurden strafrechtlich zur Verantwortung gezogen, unter ihnen der Kapitän der „Bulgaria“ Ramil Chametow und die Subpächterin des Schiffes Swetlana Injakina.

Das dieselbetriebene Doppeldeckschiff „Bulgaria“, das 1955 in der Tschechoslowakei gebaut wurde, sank am 10. Juli während eines Gewitters auf dem Kujbyschewer Stausee in Tatarstan drei Kilometer vor dem Ufer. An Bord waren 201 Passagiere, 70 konnten gerettet werden. 122 Menschen kamen ums Leben, unter ihnen 28 Kinder.

Chronologie des Unterganges der „Bulgaria“

9. Juli 2011 – Beginn der Kreuzfahrt. Die „Bulgaria“ läuft bereits mit einer rechten Schlagseite und einem defekten rechten Motor aus. Das Schiff ist stark überlastet – anstatt der vorgesehenen 120 Passagiere sind 201 Personen an Bord. Die Besatzung hatte es vor dem Auslaufen außerdem versäumt, die 30 Tonnen fassenden Kanalisationsbehälter zu entleeren.

10. Juli um 11:15 – Das dieselelektrisch betriebene Schiff verlässt den Hafen von Bulgar in Richtung Kasan. Zu dieser Zeit zieht ein stürmisches Gewitter über der Wolga auf. Zwei Stunden später ist die „Bulgaria“ stark nach rechts geneigt. Diese Schlagseite hat zur Folge, dass Wasser durch die geöffneten und nun unter der Wasserlinie gelegenen Kajütenfenster in das Schiff gelangt.

10. Juli 11:17 – Die Überflutung der Innenräume der „Bulgaria“ lassen diese auf die rechte Seite kippen und innerhalb von nur zwei Minuten untergehen. Der Kapitän versucht, das Schiff auf eine Sandbank zu führen. Mit allerdings nur einem intakten von zwei Motoren gelingt es nicht, die nur 50 Meter entfernte Rettungs-Zone zu erreichen.

10. Juli 12:17 – Das Güterschiff „Arbat“ und der Frachtkahn mit Schubschiff „Dunajskij-66“ fahren an den auf den Rettungsschiffen in den Wellen treibenden geretteten Passagieren vorbei. Die Kapitäne unternehmen jedoch nichts, um ihre Schiffe anzuhalten und Hilfe zu leisten. Die Ermittlungen ergeben später, dass der Bremsweg der beiden Frachtschiffe länger als zwei Kilometer war und die Schiffsschrauben im laufenden Betrieb eine Annäherung an die Rettungsboote ohne Gefahr für das Leben der Passagiere nur bis auf eine Distanz von einem halben Kilometer ermöglicht hätten.

10. Juli 14:30 – Das Kreuzfahrtschiff „Arabella“, dessen Besatzung von den Kapitänen der beiden Frachtschiffe informiert worden ist, erreicht den Unglücksort. Im Zuge der Rettungsoperationen erreichen an Bord der „Arabella“ 79 überlebende Passagiere der „Bulgaria“ den Hafen von Kasan. 

Nach Materialien von RIA Nowosti, RBK, Primetime, Wsgljad.