Wieder eingedeutscht mit Max und Moritz

Prof. Dr. Christian Pfeiffer, Leiter des Kriminologischen Instituts Niedersachsen. Foto: DPA/Vostock-photo

Prof. Dr. Christian Pfeiffer, Leiter des Kriminologischen Instituts Niedersachsen. Foto: DPA/Vostock-photo

Die Russlanddeutschen - eine Problemgruppe? Kriminologe Christian Pfeiffer erklärt, warum es gerade bei der Integration dieser Gruppe große Fortschritte gibt.

Vor zehn Jahren las man ständig von Problemen mit Russlanddeutschen: Schlägereien, Drogen, Kriminalität. Wo stehen die Russlanddeutschen im Jahr 2012?

In einer bundesweiten Studie konnten wir 2009 deutliche Fortschritte bei der schulischen In
tegration von Jugendlichen mit russlanddeutschem Hintergrund feststellen. Ende der 90er-Jahre gingen nur zwöf Prozent von ihnen auf ein Gymnasium, nun sind es doppelt so viele. Auch andere 
Integrationsindikatoren sind deutlich besser: Die Mehrheit der 
15-Jährigen spricht gut Deutsch, fühlt sich als Deutsche/r und hat deutsche Freunde. Die heutigen Problemgruppen stammen eher aus dem früheren Jugoslawien oder haben einen türkischen und arabischen Hintergrund.

Warum entwickelt sich die Integration gerade hier so positiv?


Das wurde auch mit staatlichen Fördermaßnahmen erreicht, etwa mit Sprachtests und -kursen vor Beginn der Grundschule, aber auch mit Gesetzen: Ende der 90er wurde ein Gesetz erlassen, das jenen Russlanddeutschen weniger soziale Unterstützung gewährt, die in mehrheitlich russlanddeutsch besiedelte Gebiete zogen. Unter anderem so gelang es, das Problem der „russischen Enklaven“, in denen die Russlanddeutschen in trotziger Abgeschottetheit lebten, zu lösen.

Die meisten Russlanddeutschen kamen in den 90er-Jahren nach Deutschland. Sind Jugendliche, die hier geboren sind, leichter zu integrieren?

Je älter ein Jugendlicher bei der Einwanderung ist, desto größer die Probleme. Besonders wichtig ist, wo er die Kindergartenjahre verbracht hat: Wenn ein Kind mit Max und Moritz aufwächst, lernt es auch die deutsche Sprache im Handumdrehen.

Ein großes Problem ist Ihren Studien zufolge die Gewalt in der Familie, die Jugendliche dann nach außen tragen.

Auch da konnten wir eine sehr positive Entwicklung feststellen: Laut einer Umfrage aus dem letzten Jahr wurden 16- bis 20-jährige Migranten in ihrer Jugend weniger geschlagen als die 21- bis 30-jährigen, erst recht im Vergleich zu den heute 31- bis 40-jährigen. Diese Tendenz gibt es auch in deutschen Familien.

Woher kommt dieser Wandel?

Insgesamt ist die Gewalt in Familien, die in Deutschland leben, rückläufig. Auch das hat mit einem Gesetz zu tun: Seit 2002 darf die Polizei ein prügelndes Familienmitglied für 14 Tage aus der Familie entfernen, ein Gericht kann bis zu einem halben Jahr verlängern. So haben die Familien mehr Spielraum. Speziell bei den Russlanddeutschen kommt die bessere Arbeitssituation der Eltern hinzu: Wichtige Gründe für Gewalt in Familien sind Alkohol und Arbeitslosigkeit. Früher gab es in der Gruppe der Russlanddeutschen Arbeitslosenquoten von 25 Prozent, heute sind die Eltern wesentlich besser in das Arbeitsleben integriert.