Traum vom Olympia-Gold

Russlands Kunstturnerinnen Alija Mustafina und Viktoria Komowa wollen in London ihrer Favoritenrolle gerecht werden.

Russlands Spitzenduo

Kunstturnen hat - wie so viele andere Sportarten auch - eine lange und erfolgreiche Tradition in Russland. Kein anderes Land brachte so viele Olympiasieger, Welt- und Europameister hervor. Viele orientierten sich deshalb an der sowjetischen Methode der Sportförderung, der Kaderauslese und des Trainings. Nicht ganz ohne Neid und Vorbehalte. So unterstellte man den Turntrainern, mit ihren Schützlingen rigide, ja sogar brutal umzugehen. Es gab Stimmen, die meinten, das Sowjetsystem habe die natürliche Entwicklung der Athletinnen medikamentös aufgehalten, damit sie zwar gelenkig, aber nicht zu groß und zu schwer wurden.

Einer, der das System noch von früher kennt, nämlich Alexander Alexandrow, heute einer der leitenden Trainer der russischen Frauen-Auswahl im Turnen, versichert, dass seien "durch und durch Märchen“. Er erklärt: „In der Sowjetunion stützte sich das Kunstturnen vor allem auf die technische Seite und nutzte ganz fortschrittliche wissenschaftliche Methoden aus der modernen Physiologie, Medizin und Regenerationslehre. Da knüpfen wir an, beziehen aber  aktiv noch weitere moderne Trainingsverfahren mit ein.“

Das Recht auf Teilnahme an den Olympischen Spielen 2012 in London sicherten sich Russlands Kunstturnerinnen bereits im vergangenen Jahr bei der Weltmeisterschaft in Tokio. Jetzt, in den letzten Wochen vor der Olympiade, kommt es darauf an, ein konkurrenzfähiges Team zusammenzustellen.

Viktoria Komowa, Alija Mustafina und Anastasia Grischina sind, wie Andrej Rodionenko, Chefcoach der russischen Nationalmannschaft, erklärt, bereits fest gesetzt. Diese drei Sportlerinnen bilden Russlands Spitzentrio im Frauen-Kunstturnen. Die 17-jährige Alija Mustafina war die absolute Gewinnerin der Weltmeisterschaften 2010, die gleichaltrige Viktoria Komowa wurde 2011 Vize-Weltmeisterin im Mehrkampf, während die 16-jährige Anastasia Grischina zwar in der Frauen-Mannschaft debütiert, sich jedoch im internationalen Sportgeschehen bereits als hoffnungsvolles Turntalent einen Namen gemacht hat.

Alija Mustafina

Alija Mustafina ist wieder auf den Beinen

Alija Mustafina. Foto: RIAN

Allerdings zog sich Alija Mustafina bei den Europameisterschaften 2010 einen Kreuzbandriss im linken Knie zu und musste eine längere Zwangspause einlegen. Zuvor zeigte sie das weltweit stärkste Programm, an das sie nun wieder anknüpfen will. „Wir alle sind sehr froh, dass Alija Mustafina auf die internationale Bühne zurückkehren kann“, betont Trainer Alexander Alexandrow. „Aber wir möchten, dass sie nicht nur antritt, sondern zu ihrer alten Stärke zurückfindet wie vor ihrer Verletzung. Das ist allerdings, wie alle Sportler wissen, ein schrittweiser Prozess. Wir müssen behutsam vorgehen, damit sie zu den Olympischen Spielen zur optimalen Form aufläuft.“

Doch am Erfolg des Vorhabens lässt Alija Mustafina keinen Zweifel, und offenbart damit ihren echten Sportsgeist:„Ich muss jetzt jeden Tag hart arbeiten, das Maximum aus mir herausholen. Kunstturnen ist mein Leben. Ich bin es gewohnt - und es würde mir fehlen -, als täglich im Turnsaal zu üben. Etwas anders kann ich mir nicht vorstellen.“

Viktoria Komowa 

Viktoria Komowa fährt mit hohen Erwartungen nach London

Viktoria Komowa. Foto: RIAN

Auch Viktoria Komowa hat einen Traum und ein großes Ziel für die Olympischen Sommerspiele 2012. Die dreifache Siegerin bei den Europäischen Jugendspielen 2009 möchte endlich „richtiges“ Olympia-Gold gewinnen und lässt sich davon weder durch eine Verletzung des Sprunggelenks, noch durch die drei Zentimeter abbringen, die sie in den letzten Monaten gewachsen ist. Die Turnerin hat gelernt, mit Stresssituationen bei Wettkämpfen umzugehen. Zuerst musste die 16-Jährige bei den Weltmeisterschaften 2011, an denen Alija Mustafina verletzungsbedingt verhindert war, in die Rolle des Mannschaftskapitäns  schlüpfen. Dann wurde sie von den Kampfrichtern um die Wenigkeit von 0,033 Punkten hinter ihre amerikanische Konkurrentin abqualifiziert und verpasste damit den Gesamtsieg. Auf Proteste gegen diese Wertung verzichteten die russischen Offiziellen, denn die Kampfrichter gaben vor, alles mit der Präzision von Berufsmathematikern berechnet zu haben. Dafür gab es bei Viktoria Komowa Tränen der Kränkung über die von ihr empfundene Ungerechtigkeit.

Aber heute ist das vergessen. Sie bedrückt keinerlei Selbstmitleid, sondern ihr Kampfeswille ist durch diese Erlebnisse nur noch weiter angestachelt. „Ich habe mich bemüht, die Niederlage zu vergessen“, schildert die Turnerin. „Wozu daran denken, wenn man bald zu anderen Wettkämpfen fährt. Natürlich wurde mit dem Trainer ausgewertet, was nicht optimal gewesen sein könnte. In derartigen Situationen versuchen wir mehr zu analysieren, als uns die Stimmung verderben zu lassen. Trotzdem lassen sich Druck und Stress bei Wettkämpfen nicht so leicht ausblenden. Es ist psychologisch schwierig, sein Programm zu absolvieren, weil man Angst hat, zu stürzen oder etwas falsch zu machen. Aber genau dafür werden ja im Training alle Elemente hunderte Male geübt. Letztendlich verleiht einem das Sicherheit. Man muss eben an sich arbeiten.“ Worte, die für eine 18-Jährige nicht selbstverständlich sind.

Konkurrenz belebt das Geschäft 

Konkurrenz belebt das Geschäft

Ein weiteres Rezept dafür, das der russischen Equipe zum Sieg verhelfen soll, nennt die Cheftrainerin für Frauenturnen Valentina Rodionenko. „Wir dürfen uns nicht darauf verlassen, einfach auf Augenhöhe mit den Konkurrentinnen zu sein, sondern müssen doppelt so gut sein, damit uns die Kampfrichter nicht unterbewerten können. Bei den Weltmeisterschaften 2010 in Rotterdam gab es beispielswiese solche Versuche. Alija Mustafina wurde im Mehrkampf von einigen Kampfrichtern eindeutig zu niedrig bewertet. Doch die Mehrheit musste die Leistungen anerkennen. Alija war einfach zu gut. Aber erst einmal hat man es versucht, sie abzuqualifizieren. Für London trainieren wir sehr hart. Ich kann versichern, dass sich unsere Turnerinnen nicht zu schämen brauchen, und auch die Kampfrichter werden das anerkennen müssen.“

Dabei wird man nicht nur mit Interesse verfolgen, wie sich die russischen Turnerinnen gegen die ausländische Konkurrenz durchsetzen, sondern ebenso, wie sie innerhalb der Mannschaft ihre Kräfte messen. Viktoria Komowa und Alija Mustafina versichern zwar unisono, dass sie sich beim Training auf das eigene Programm konzentrieren und nicht zu sehr darauf achten, was die andere macht. Aber bislang gab es auch noch keine unmittelbare Begegnung der beiden bei großen Wettkämpfen. In London konkurrieren sie zum ersten Mal direkt miteinander.

Hier wird sich zeigen, ob Komowa oder Mustafina oder beide in die Sportgeschichte eingehen wie einst Olga Korbut, die weltbekannte sowjetische Turnerin der 1970er Jahre und ihr berühmter „Korbut-Flip“. Oder wie die zweifache Olympiasiegerin Swetlana Chorkina, die in den Jahren um die Jahrtausendwende erstmals eine russische Mannschaft im Frauenturnen anführte.

„Über Alija Mustafina und Viktoria Komowa spricht man jetzt schon unter den Experten“, fasst Trainer Alexander Alexandrow die Situation vor den Spielen zusammen. „Weltmeisterinnen können schließlich nur Turnerinnen werden, die begabt sind und hart trainieren. Solche, die über alle anderen herausragen. Die Sportwelt kennt ihre Erfolge, erwartet nun aber von ihnen,  dass sie ihrer Favoritenrolle gerecht werden. So auch bei den Olympischen Spielen. Alle Anstrengungen der Sportlerinnen wie der Trainer sind jetzt darauf gerichtet, dieses Ziel zu erreichen. Wie lange sich die beiden Athletinnen im großen Sport halten, wie oft sie bei Olympiaden noch antreten werden, hängt dann von ihnen und ihren eigenen Zielsetzungen und natürlich von der Konkurrenz ab. Aber jetzt zu Olympia wollen wir alle erst einmal den ersten Meilenstein setzen!"

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