Das Volk will den Wechsel

Eine politisch brisante Oper aus St. Petersburg kommt nach Baden-Baden: Graham Vick hat die Handlung der berühmten Oper „Boris Godunow“ ins heutige Russland verlegt.

Die Achse St. Petersburg – Baden-Baden war einst rege befahren, das liebliche Kurbad galt als der russischste Ort in Deutschland. Doch nicht der Gesundheit wegen. Vom einfachen Adel bis hinauf zum Zarenhof fieberte man hier nächtelang beim Roulette und verlor viel Geld. Auch große Literaten zog es hierher. Gogol und Dostoevskij, Tolstoj und Turgenev – sie waren alle da im 19. Jahrhundert, und Baden-Baden ging in die russische Literatur ein. Vor vierzehn Jahren nun hat das Festspielhaus die Fäden nach St. Petersburg wieder aufgegriffen und knüpfte enge Beziehungen zum Mariinsky Theater und dessen Leiter Valery Gergiev.  Bejubelt wurden seitdem nicht nur die Gastspiele mit Opern und Ballett, sondern auch Gergievs russische Sicht auf den deutschen Ring des Nibelungen.

Jetzt bringt das Mariinsky am 20. und 22. Juli eine brisante Neuinszenierung der Mussorgsky-Oper Boris Godunow in der frühesten Fassung. Der Brite Graham Vick setzte die russischste aller Tragödien, die auf dem Drama von Alexander Puschkin beruht, mit unverhüllten Anspielungen auf die jüngsten politischen Ereignisse in Szene: die Proteste gegen Putin und die umstrittenen Wahlen. Boris Godunow eröffnete Ende Mai als Paukenschlag das St. Petersburger Festival „Sterne der Weißen Nächte“. Maestro Gergiev, ein ausgewiesener Befürworter Putins, wagte einen kühnen und umstrittenen Schritt auf ein Terrain, das, wie er selbst sagte, Journalisten vorbehalten sein sollte. Eine derartige „Reportage“ aber könne bei einem starken Künstler ja mit ziemlicher Schärfe ausfallen…

Zeit der Wirren

Die Handlung der Oper kreist um den Emporkömmling Boris Godunow, der während eines gefährlichen Macht-Vakuums im Staat vom Adel, Volk und obersten Kirchenvertretern gedrängt wird, die Zarenkrone zu

übernehmen. Der neue Zar hegt gute Absichten für seine Untertanen, doch Hungersnöte, Brände und Unglück lassen die Stimmung im Volk kippen. Godunow übertrumpft fortan seinen Vorgänger Iwan den Schrecklichen mit Repressionen: die Leibeigenschaft der Bauern wird besiegelt, die Opposition - Mitglieder des Hochadels - verhaftet und beseitigt, die öffentliche Meinung manipuliert, die persönliche Macht gefestigt. Mitläufer gibt es zur Genüge. Doch lässt ein hartnäckiger schwarzer Flecken auf seinem Gewissen Godunow keine Ruhe, treibt ihn schließlich in den Untergang. Immer öfter erscheint ihm die Vision eines toten Kindes - vor Jahren ließ er den rechtmäßigen Thronfolger Dmitrij ermorden…

Letztlich bestimmt das Kind den Lauf der gesamten Handlung. Von einem alten Chronisten im Kloster hört nämlich der Mönch Grischka Otrepev von der düsteren Geschichte, flieht ins Ausland und gibt sich, da gleichaltrig, schlau für den Zarensohn aus. Der falsche Dmitrij wird von höchsten Kreisen in Polen gestärkt, mit der ehrgeizigen Tochter eines Wojwoden verlobt und gegen Godunow und das russische Reich ausgespielt. Es kommt zum Krieg, die feindlichen Truppen siegen und der falsche Dmitrij lässt sich zum Zaren ausrufen. Wieder werden unschuldige Kinder ermordet – diesmal die von Godunow. Der Gottesnarr Nikolka weint bitterlich über das Schicksal seines Landes und sieht großes Unheil nahen. Für Russland begann mit dem 17. Jahrhundert in der Tat eine schreckliche Zeit der Wirren.

Puschkins Tragödie lag seit ihrer Entstehung 1825 im Giftschrank der Zensur; die Uraufführung erfolgte erst 1870. Und ob Zaren oder Sowjets in Russland herrschten – der Stoff hatte eine derartige Sprengkraft, dass er nur ohne Bezug zur Gegenwart auf die Bühne durfte, oder eben überhaupt nicht. Erst mit der Perestroika wurden nicht konforme Kunstwerke gezeigt. Nun hat also Graham Vick die Handlung ins heutige Russland verlegt. Es fehlt auf der Bühne weder die Residenz des Karriereristen Schuiski, noch das russische Parlament, die Duma, weder die Christ-Erlöser-Kathedrale noch die Rotlichtbar, wo Grischka Otrepjev feiert oder die Straße, wo Spezialeinheiten des OMON gegen Demonstranten kämpfen, um den Machthaber vor dem Zorn des Volkes zu schützen. Deutliche Parolen sind unter den russischen Doppeladler geschmiert: „Das Volk will den Wechsel“.

Eine der berühmtesten Szenen der Oper: die Spezialeinheiten des OMON kämpfen gegen Demonstranten. Foto: ITAR-TASS 

Sicher - der große Konflikt des Stoffes ist in der Beziehung zwischen Volk und Obrigkeit angesiedelt. Doch das untergründige, durchgehende Motiv des unschuldigen Kindes bildet den wichtigen Kontrapunkt. Vielfältig gespiegelt und künstlerisch verfremdet verarbeitete es Puschkin, Mussorgsky hat es übernommen. Mal schreit ein Kind im Volk, mal liegt der Fokus auf  Boris‘ eigenem Sohn, mal auf den Knaben, die den Narren necken. Auch bei Graham Vick steht ein Zarewitsch in der Duma, er muss den Tod seines Vaters Boris mitansehen. Hinter dem Knabenmotiv aber steht verhüllt die fundamentale Frage nach der Legitimität einer Staatsmacht, die auf Mord, Lügen und Unterdrückung gründet. Auch 1918 wurden eine Zarenfamilie und ein Thronfolger im Knabenalter ermordet.

Nun wäre es aber zu simpel, die mehrfache künstlerische Bearbeitung eines historischen Stoffes durch Puschkin und Mussorgsky mit der aktuellen Situation in Russland 1:1 decken zu wollen. Am besten, man folgt der dramatischen und musikalischen Geschichte aufmerksam und mit Genuss und lässt eigene Assoziationen kommen. Zum Nachdenken über das, was sich seit 400 Jahren geändert hat und was nicht, lädt diese Oper, der die langen Bärte gestutzt wurden, allemal ein.

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