Das russische Atlantis

Archäologen funden im Swetlojar-See eine versunkene archaische Besiedlung. Foto: ITAR-TASS

Archäologen funden im Swetlojar-See eine versunkene archaische Besiedlung. Foto: ITAR-TASS

Auch Russland hat sein Atlantis. Im Swetlojar-See im Nischni Nowgoroder Gebiet soll eine sagenumwobene Stadt versunken sein. Archäologen sind dabei, den Legenden auf den Grund zu gehen.

Einer Legende nach hatte Juri II., im 13. Jahrhundert Großfürst im zentralrussischen Wladimir, am Swetlojar-See östlich des heutigen Semjonow das Städtchen Kitesch gegründet. Als die Goldene Horde der Tataren unter Batu Khan in diese Gegend einfiel, wollten sie auch Kitesch erobern. Doch als sie die Stadt im Sturm nehmen wollte, weil sie keinerlei Mauern und Festungen hatte, sollen die gläubigen Einwohner derart inbrünstig gebetet haben, dass die Stadt in den Fluten des Sees versank. Die Angreifer mussten unverrichteter Dinge zurückweichen. Heute heißt es, dass reinherzige Seelen die Glockenspiele und den Gesang der frommen Einwohner im See hören können. Anleihe an diesem Mythos hat Nikolaj Rimski-Korsakow bei seiner letzten Oper "Legende von der unsichtbaren Stadt Kitesch" genommen. 1995 fand die selten gespielte Oper internationale Beachtung in ihrer Bregenzer Inszenierung.

Was ist dran an der  legendenumwobenen Stadt? Russische Wissenschaftler gehen nun dem russischen Atlantis buchstäblich auf den Grund.

Die "Kitesch-Chronik" der Raskolniki

Um den kleinen Swetlojar-See ranken sich von jeher zahlreiche Mythen und Legenden. Der tiefe, nahezu kreisrunde See mit seinem kalten, klaren Wasser bildet eine auffällige Besonderheit in der von Wäldern und Flüssen geprägten Niederungslandschaft des linken Wolga-Ufers. Über den Ursprung des Gewässers streiten sich die Geologen. Während die einen die Entstehung des Swetlojar auf ein Erdbeben zurückführen, machen andere einen prähistorischen Meteoriten verantwortlich, in dessen Krater sich Wasser sammelte.

Die Bewohner der Gegend um Nischni Nowgorod, zu dessen Gebiet der See gehört, glauben den Überlieferungen aus grauer Vorzeit. Zu ihnen gehört auch der Bericht über eine verschwundene Stadt im Zusammenhang mit dem Tod des heiligen und fromm-rechtgläubigen Fürsten Georgi Wsewolodowitsch, Sohn des Großfürsten Wsewolod und Urenkel des Apostelgleichen Wladimir, Großfürst und Christianisierer der Kiewer Rus im 10. Jahrhundert. Dieser Bericht findet sich in der im späten 18. Jahrhundert entstandenen „Kitesch-Chronik“. Sie wird den Raskolniki zugeschrieben – Altgläubigen, die vor den Verfolgungen der russisch-orthodoxen Großkirche in entlegene Gebiete flohen. Die "Chronik" selbst soll auf das Jahr 1237 zurückgehen. Der „Kitesch-Chronik“ zufolge gründete Fürst Georgi Wsewolodowitsch die Stadt. Doch bei dieser Variante versinkt Kitesch nicht im Wasser, als die Tataren anrücken, sondern wird von ihnen geplündert, gebrandschatzt und dem Erdboden gleich gemacht. Großfürst Wsewolodowitsch und alle frommen Einwohner werden erschlagen. "Und diese Stadt Kitesch wurde unsichtbar und verhüllt von göttlicher Hand." So heißt es in der Chronik. Erst, wenn inbrünstige Frommheit die Welt ergreifen würde, käme die Stadt wieder ans Tageslicht.

Es ist ein bemerkenswertes Detail russischer Kirchengeschichte, dass für die altgläubigen Raskolniki, die Kitesch-Legende zu den wichtigsten Bestandteilen ihrer sakralen Überzeugung  zählte. Vor allem weigerten sich die Raskolniki hartnäckig, die im 17. Jahrhundert unter Patriarch Nikon eingeleitete liturgischen Reform der russisch-orthodoxen Kirche mitzumachen. Denn die verborgene Stadt mit ihren frommen Bewohnern – dieses Bild reflektierte ihre eigene Lebenslage als Belagerte und Verfolgte, die sich um des rechten Glaubens willen in den Wäldern verstecken mussten. Und allmählich wurde aus der Legende vom Untergang Kiteschs die Überlieferung von einer geheimnisvollen heiligen Stadt, zu der nur auserwählte Fromme Zutritt finden.

Der aktuelle Forschungsstand

Sowjetische Historiker zeigten zunächst wenig Interesse für das „russische Atlantis“, noch dazu, wo es doch mit christlichen Legenden in Zusammenhang stand. Deshalb kam die erste archäologische Expedition zum Swetlojar erst 1968 zustande. Auf Initiative der Intellektuellen-Wochenzeitung „Literaturnaja Gaseta“ untersuchten Wissenschaftler unter Leitung der Archäologen Mark Barinow und Tatjana Makarowa systematisch die Umgebung des Sees, und Taucher erkundeten sogar den Boden des Swetlojar. Allerdings wurden keinerlei Artefakte gefunden, die aus Zeiten vor dem 19. Jahrhundert gestammt hätten. Was dazu führte, dass für lange Jahre in der Wissenschaft die Meinung vorherrschte, Kitesch habe niemals existiert. Der Swetlojar versank zum zweiten Mal in Dornröschenschlaf.

Doch vor sechs Jahren begannen Archäologen im Gebiet der Wetluga, einer der Nebenflüsse der Wolga, mit systematischen Grabungen. Denn dieses Gebiet ist eines der ältesten Siedlungsgebiete der Kiewer Rus. Zunächst beschlossen die Forscher, die Spuren der alten Ausgrabungen wieder aufzunehmen und insbesondere den von einer im 19. Jahrhundert erbauten Kapelle gekrönten Krestowosdwishenski-Hügel unweit des Sees zu untersuchen.

„Wir haben die Berichte der früherer Grabungen ausgewertet und hatten bei den mageren Ergebnissen über den Swetlojar das Gefühl, dass er seine Geheimnisse noch nicht preisgegeben hatte“, berichtet Grabungsleiter Jewgeni Tschetwertakow. „Wir wollten alles noch einmal selbst prüfen.“

Bereits die erste Grabungssaison im Sommer 2011 bescherte den Archäologen eine überraschende Entdeckung - Spuren einer archaischen Besiedlung. Sie fanden Scherben traditioneller altrussischer Töpfergefäße und die Reste einer altrussischen Siedlungsstätte aus der derselben Zeit. "Und dann soll hier noch eine heidnische Kultstätte gewesen sein, wo Jarilo, dem altslawischen Gott der Sonne, geopfert wurde“, schildert der Archäologe Alexander Basunow, der ebenfalls an der Wetluga-Grabung teilnimmt.

 

Tausende Scherben von Keramikgefäßen, Bruchstücke eiserner Messer sowie Teile eines Pferdegeschirrs sind von den Altslawen zurückblieben, die vor sechs Jahrhunderten am Ufer des Swetlojar siedelten. Darüber hinaus fanden die Archäologen einen halben Meter unter der Erdoberfläche aber auch Überreste von gezimmerten Holzbalken.

„Am wahrscheinlichsten ist, dass es sich hier nicht um eine ganze Stadt gehandelt hat, sondern um ein bäuerliches Gehöft“, erklärt Jewgeni Tschetwertakow. „Hier stand offensichtlich ein einzelnes, von Wirtschaftsbauten umgebenes Haus, in dem zehn bis fünfzehn Menschen lebten. Möglicherweise war die Siedlungsstätte ursprünglich auch größer. Sie kann durch aus von Erdrutschen in den See Swetlojar hineingerissen worden sein, was die Legende vom geheimnisvollen Verschwinden der Stadt Kitesch begründet haben könnte. Aus welcher Zeit der Fund exakt stammt, müssen wir noch exakt bestimmen.“

In diesem Jahr wollen die Wissenschaftler die Arbeiten vor Ort fortsetzen. Sie sind überzeugt, dass der bisher ausgegrabene Siedlungsplatz noch nicht die gesamte Ausdehnung der alten Siedlung widerspiegelt. Am Krestowosdwishenski-Hügel gab es ständig Erdrutsche. Einer davon könnte durchaus die archaische Stadt verschlungen und damit den Ausgangspunkt für die Legendenbildung vom versunkenen Kitesch geliefert haben.

„Es könnte auch sein, meinen die Archäologen, dass der wirtschaftliche Niedergang des Fürstentums Nischni Nowgorod im 15. Jahrhundert die Bewohner von Kitesch veranlassten, ihre Stadt aufzugeben. Später ankommende Siedler könnten dann auf Reste einer verlassenen Stadt gestoßen sein. Von Generation zu Generation könnte auch so die Legende von der herrlichen Stadt Kitesch entstanden und weitergegeben worden sein.

Die alten Mütterchen in der Gegend um den Swetlojar-See sind mit diesen neuzeitlichen Interpretationen "ihrer Geschichte" ganz und gar nicht einverstanden. Sie lassen sich ihren felsenfesten Glauben an die magischen Kräfte dieses geheimnisvollen Orts nicht nehmen.

Dieser Artikel erschien zuerst in der Zeitschrift Ogonjok.

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