Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm

Sergej Litwinow, der Deutsche Leichtathletik-Meisterschaft Champion, wird in London für Russland den Hammer werfen. Foto: Legion Media

Sergej Litwinow, der Deutsche Leichtathletik-Meisterschaft Champion, wird in London für Russland den Hammer werfen. Foto: Legion Media

In wenigen Tagen wird bei den Olympischen Spielen 2012 in London Sergej Litwinow für Russland im Hammerwurf antreten. Er gilt als Favorit für einen Medaillenplatz und muss gleichzeitig eine glanzvolle Familientradition fortsetzen.

Sergej Sergejewitsch Litwinow ist der Sohn von Sergej Nikolajewitsch Litwinow, der 1988 in Seoul eine Weite mit 84,80 Metern den Olympiasieg im Hammerwerfen errang. Damals bescherte er nicht nur der sowjetischen Mannschaft eine weitere Goldmedaille, sondern stellte auch einen Olympia-Rekord auf, der bis heute gilt. Doch stehen in diesem Jahr die Chancen gut, dass es seinem Sohn gelingt, diese Marke zu übertreffen. Doch bisher verlief die Karriere des Sergej Litwinow, jr. alles andere als geradlinig...

Sergej S. Litwinow wurde 1986 in Rostow am Don als Sohn des berühmten Hammerwerfers Sergej N. Litwinow geboren. „Ich hatte die erste Klasse hinter und einen unbeschwerten Sommer vor mir, als sich plötzlich meine Eltern trennen wollten“, erinnert sich Litwinow junior. „Meine Mutter ist Wolgadeutsche und beschloss, mit mir und meinen Geschwistern in die historische Heimat umzusiedeln, während mein Vater weiter als Trainer arbeiten wollte." In der ersten Zeit im bisher fremden Land fand er vor allem im Sport schnell Freunde.

"In Deutschland sind alle verrückt nach Fußball, und auch ich war den ganzen Tag auf dem Fußballplatz. Später habe ich mich dann mit Judo beschäftigt, war auch in meiner Altersklasse sehr erfolgreich, wurde mit 17 Deutscher Jugendmeister, hatte aber keine richtigen Gegner, an denen ich wachsen konnte - und gegen Ältere durfte ich nicht antreten. Mein Vater hat mich dann überzeugt, mit dem Hammerwerfen anzufangen. Er selbst wollte mich in Minsk ausbilden, wo er gerade eine Trainerstelle übernommen hatte." Dann ging es Schlag auf Schlag. Zunächst startete er für Weißrussland und nahm an internationalen Wettkämpfen teil, wobei er seine Bestleistungen ständig verbesserte. Doch ein Sieg ließ auf sich warten. "Dann habe ich beschlossen, nach Deutschland zurückzukehren.“ In Deutschland ging es mit Litwinows sportlicher Karriere steil bergauf.

Im Mai 2008 verbesserte er seinen persönlichen Rekord auf 75,35 Meter, gewann die Deutsche Junioren-Meisterschaft und belegte Platz 4 in der Herren-Kategorie. Im Sommer wird er von Bundestrainer Michael Deyhle trainiert, im Winter vom Vater in Weißrussland. Sergej wird 2009 mit einer Weite von 76,46 Metern in Ulm zum ersten Mal Deutscher Meister. Der Sportsoldat mit russischer und deutscher Staatsbürgerschaft wirft bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften 2009 in Berlin den Hammer 76,58 Meter weit und lande tauf dem fünften Platz.

„Diese Jahre waren ganz wichtig für mich“, berichtet der Sportler. „Die Trainer des deutschen Nationalkaders haben mir vertraut und mich ständig ermutigt. Ein Plus war auch, dass ich meine Mutter und die Geschwister in der Nähe hatte. Nach den phantastischen Erfolgen fingen die deutschen Massenmedien an, mich mit meinem Vater zu vergleichen und als ‚Olympia-Hoffnung‘ zu betrachten. Das war sehr belastend.“

Hinzu kam, dass er zwischen Deutschland und Russland hin- und

Sergej N. Litwinov, Olympischer 

Champion 1988. Foto: Getty_Images

hergerissen wurde: „Den Deutschen hat nicht gefallen, dass ich bis zu einem halben Jahr in Russland trainierte und mein Trainer kein Deutscher, sondern mein eigener Vater war. Sie hatten mir angeboten, mir einen deutschen Hammerwurf-Experten zu geben, wenn ich mich eindeutig für Deutschland entscheiden würde. Das habe ich entschieden abgelehnt. Aber sie waren leider zu keinem Kompromiss bereit." So kam, was kommen musste. Sergej weigert sich 2010, beim Europa-Cup für Deutschland an den Start zu gehen,  und wird daraufhin mit sofortiger Wirkung von der Sportförderung ausgeschlossen.

Sergej Litwinow geht danach nach Russland zurück. Sein Vater leitet inzwischen eine Hammerwurf-Schule in Mordwinien. Inzwischen wird Litwinow junior wieder von ihm trainiert, hat bereits die Olympia-Norm für London erfüllt und gehört zu den zehn leistungsstärksten Hammerwerfern der Saison.

„Die Olympischen Spiele sind für mich sehr wichtig“, freut sich Sergej

Litwinow. „Natürlich drängen mich alle, ich solle den fabelhaften Rekord meines Vaters wiederholen. So etwas lässt sich nicht vorausbestimmen, aber anstreben muss man das natürlich, Schritt für Schritt aufs Ziel zugehen. In London rechne ich mit einem Platz auf dem Podest. Ich wäre überglücklich, wenn ich mit einer olympischen Medaille, die ich für Russland gewonnen würde, zu meiner Familie nach Deutschland fahren könnte.“

Sergej Litwinows wiederholte Einbürgerung – also die Erlangung der Staatsbürgerschaft der Russischen Föderation auf seinen eigenen Wunsch hin – ist ein großer Gewinn für Russlands Sport. „In Russland fühle ich mich am wohlsten. Obwohl meine Mutter Deutsche ist, bin ich in Deutschland nie heimisch geworden“, erklärt der Hammerwerfer. „Ich bin ich zwar in Deutschland aufgewachsen, aber ich habe einen russischen Familiennamen, auf den ich sehr stolz bin. Außerdem können die Deutschen uns Russen im Grunde nicht leiden," meint Sergej Litwinow, "das ist sehr, sehr schade.“ 


12 eingebürgerte russische Sportler

Neben Sergej Litwinow jr. werden für die Nationalmannschaft der Russische Föderation 12 weitere nach Russland eingebürgerte Sportler an den Start gehen: die Amerikanerin Rebecca Lynn Hammon (Basketball) und ihr Landsmann Alex Bogomolow (Tennis), der Australier Viktor Tschistjakow (Stabhochsprung), die zeitweilig für die Türkei gestartete Leichtathletin Tatjana Polnowa, der usbekische Kanute Anton Rachow (Kajak und Kanadier), die aus Kasachstan stammende Marina Perepelkina, der Moldawier Dmitri Tarabin, die beiden Volleyballspieler Dmitri Musserski und Natalja Gontscharowa aus der Ukraine sowie das weißrussische Trio Alexander Lessun (moderner Fünfkampf), Julija Alipowa (Sportschießen) und Alexander Butkow (Volleyball). 

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