Migranten aus Zentralasien zieht es nach Russland

Wenn die Kinder von Migranten eine russische Schule besuchen, hilft den Eltern der Umgang mit den eigenen Kindern, sich zu integrieren. Bild: Natalia Mikhaylenko

Wenn die Kinder von Migranten eine russische Schule besuchen, hilft den Eltern der Umgang mit den eigenen Kindern, sich zu integrieren. Bild: Natalia Mikhaylenko

Immer mehr Migranten aus Zentralasien kommen nach Russland, doch die Integration in die russische Gesellschaft gestaltet sich schwierig. Es fehlt insbesondere an vernünftigen gesetzlichen Rahmenbedingungen.

Heute stammt der größte Teil der Immigranten in Russland aus Zentralasien. Die Anzahl Usbeken, Tadschiken und Kirgisen in Russland hat sich in den letzten zehn Jahren in etwa verdoppelt. Dies dürfte auch so bleiben, denn die zentralasiatischen Staaten haben ein starkes demographisches Wachstum. Zudem haben in Kirgistan viele Menschen die russische Staatsbürgerschaft, weshalb sie faktisch nicht als Migranten gelten, wenn sie nach Russland ziehen.

Andererseits lässt sich das starke Wachstum auch damit erklären, dass die Definition von Immigranten in der russischen Gesetzgebung in den letzten Jahren mehrmals geändert wurde. Bis 2007 galten als Migranten russische Staatsbürger, die nach Russland übersiedelten, sowie Ausländer, die eine Niederlassungsbewilligung erhielten. Seit 2007 gehören zu den Migranten auch Ausländer mit Aufenthaltsbewilligung, was die Migrationsstatistik in die Höhe schnellen ließ. Seit 2011 gelten sogar alle Personen als Migranten, die sich für mehr als neun Monate in Russland aufhalten.

Im Gegensatz zu vielen anderen Feldern ist es relativ einfach, die Effektivität von Migrationspolitik zu messen: Wenn der Anteil legaler gegenüber illegalen Immigranten wächst, geht die Politik grundsätzlich in die richtige Richtung. Andernfalls muss dringend etwas geändert werden. Mittlerweile ist ein neues Konzept der staatlichen Migrationspolitik ratifiziert worden, und im Zuge der Umsetzung sollten auch einige alte Probleme endlich angepackt werden.

Integrationsprobleme

Im neuen Konzept geht es in erster Linie um die Integration der Migranten: Die maximal mögliche Aufenthaltsdauer von saisonalen Arbeitskräften wird geändert und es soll die neue Kategorie „ständige

Immigranten“ eingeführt werden. Dies sind wichtige Bestimmungen. Denn gemäß der jetzigen Gesetzeslage können Arbeitsverträge außer bei hochqualifizierten Spezialisten nur für ein Jahr mit Verlängerungsmöglichkeit um ein weiteres halbes Jahr abgeschlossen werden. Doch welcher Arbeitgeber will schon in einen Arbeiter investieren, der nach einem Jahr wieder nach Hause muss? In der jetzigen Situation kann man in Russland von Integrationsprogrammen nur träumen. Und wenn ein Mensch illegal weiterarbeitet, kommen für ihn ohnehin keine Integrationsprogramme in Frage. In der Regel können Illegale bei einem Notfall nur auf die lokale Diaspora zählen. Diese kann beim Überleben helfen, doch nicht beim Eintritt in die russische Gesellschaft.

Vielmehr ist beim Integrationsprozess die örtliche Gemeinde der Landsleute eher ein Störfaktor. Damit die Landsleute zum Mediator zwischen Staat und Migranten werden, müssen die Gesetze geändert werden. So reisen heute immer mehr Ehefrauen aus Zentralasien zu ihren in Russland arbeitenden Männern. Viele von ihnen befinden sich illegal in Russland und bekommen Kinder. Indem der russische Staat diese Frauen und deren Kinder ignoriert und keinerlei Integrationsbemühungen unternimmt, baut er sich selbst eine soziale Bombe.

Wir benötigen ein staatliches Programm, das Familienzusammenführungen zulässt. Solche Programme gibt es in zahlreichen Ländern. Der Gedanke dahinter ist einfach: Ein Mensch mit Familie sucht nach Stabilität und geht tendenziell weniger Risiken ein als ein Einzelgänger. Und wenn die Kinder von Migranten eine russische Schule besuchen können, hilft den Eltern der Umgang mit den eigenen Kindern, sich zu integrieren.

Die Integrationsprobleme sind natürlich eng mit dem Arbeitsmarkt verbunden. Es wäre wünschenswert, dass ein Migrant schon vor seiner Ankunft in Russland weiß, wo er arbeiten wird. Doch leider gibt es, was die Bedürfnisse des Arbeitsmarktes betrifft, viele Unbekannte. In der offiziellen Liste gefragter Berufe stehen Ingenieure genauso wie Zirkuskünstler. Seit 2010 gibt es einen neuen Mechanismus der Migrationspolitik: die Kategorie der sogenannten hochqualifizierten Spezialisten. Doch die Kriterien geben nach wie vor Anlass zu Diskussionen.

Das Jahresgehalt muss mindestens zwei Millionen Rubel (ca. 50 000 Euro) und für wissenschaftliche Jobs eine Million Rubel (ca. 25 000 Euro) betragen. Für russische Verhältnisse ist das eine sehr hoch angesetzte Messlatte. So gibt es beispielsweise in der Stadt Woronesch nur fünf Personen, die unter dieses Programm fallen, wobei es an Migranten mit Hochschulausbildung und hohen Qualifikationen nicht mangelt.

Erbe der Sowjetunion


Man muss auch in Betracht ziehen, dass das Immigrationsprofil Russlands insgesamt einen höheren Bildungsstandard aufweist als jenes vieler europäischer Länder wie zum Beispiel Frankreich. Dies ist ein Erbe der Sowjetunion, als in allen Teilrepubliken großer Wert auf Bildung und Pflege der russischen Sprache gelegt wurde. Zwar kommen jetzt vor allem Menschen aus abgelegenen ländlichen Gegenden nach Russland, in denen die junge Generation bereits nicht mehr so gut Russisch spricht und mit der russischen Kultur wenig vertraut ist.

Während meiner regelmäßigen Reisen nach Zentralasien stelle ich jedoch immer wieder fest, wie interessiert die Bevölkerung nach wie vor an Kontakten zur russischen Kultur und Sprache ist. Russland wird in dieser Region immer noch als Bildungsnation verstanden. In einem kleinen Weiler 90 Kilometer von der tadschikischen Hauptstadt Duschanbe entfernt haben die Menschen den Physiklehrer des Dorfes überredet, auch russische Sprache und Literatur zu unterrichten. Der Lehrer spricht selber nicht perfekt russisch, Schulbücher gibt es keine, doch die Motivation ist beeindruckend. Es kommt auch vor, dass ehemalige russische Soldaten sich als Russischlehrer verdingen. Die wenigen russischen Schulen in Taschkent, Aschchabad, Samarkand, Duschanbe und anderen Städten erleben einen regelrechten Ansturm. Sogar aus entfernten Dörfern kommen die Kandidaten, und der Eintrittswettbewerb ist hart.

Auch in den hintersten Ecken Tadschikistans, Usbekistans und Kirgisiens haben die Menschen Satellitenschüsseln und schauen russische Sender. Trotz schlechten Sprachkenntnissen schaut man auch in kleinen Dörfern gerne russische Serien und Nachrichten, während türkische und iranische Sender, deren Sprachen den lokalen Sprachen viel näherstehen, kaum geschaut werden. All dies sind eigentlich gute Voraussetzungen für eine erfolgreiche Integration jener, die nach Russland emigrieren.

Der Autor ist stellvertretender Direktor des Instituts für Demographie der Nationalen Forschungsuniversität Höhere Wirtschaftsschule Moskau.


Dieser Artikel erschien zuerst in der Zeitschrift Ogonjok.