Jugend-Biennale: zu brav, zu höflich

Die „3. internationale Moskauer Biennale zeitgenössischer Jugendkunst“ öffnet bis zum 7. August ihre Tore. Doch die von der Berlinerin Kathrin Becker kuratierte Hauptausstellung krankt paradoxerweise an fehlender Jugend. Man fragt sich: Warum wurde nicht mehr gewagt?
 Alexandra Leykauf (Deutschland) - Lustheim. Foto: Aleksander Ganjuschin

Es ist eine schwierige, ja sogar absurde Aufgabe, unter einem einzigen Thema Hunderte von Künstlern zusammenzufassen, die einen ganz unterschiedlichen kulturellen und geografischen Hintergrund haben. Diese Aufgabe kommt dem jeweiligen Kurator einer Biennale zu. Der Berlinerin Kathrin Becker hat es mit dem vagen, künstlerischen Titel „Unter einer Lametta-Sonne“ versucht. Sie hat sich dazu von einem Lied einer feministischen Punkgruppe inspirieren lassen. Wenn Sie nun an die Band „Pussy Riot“ denken, von der/m die Hälfte in russischen Gefängnissen sitzt, liegen Sie falsch: Es handelt sich um die alte britische Gruppe „Poison Girls“. Das erste Paradox.

Als Kathrin Becker Journalisten durch die Hauptausstellung führt, betont sie die Überalterung der „Innovationskonzepte“ und der „Postmoderne“. Die neue Künstlergeneration, die hier vertreten ist, wuchs mit dem Internet auf und sei stärker besorgt über den „manchmal nicht wahrnehmbaren Wechsel zwischen der virtuellen und der realen Welt“. Doch widmen wir uns den Werken.

Die Jugend fehlt

Die Wienerin Judith Fegerl, die der Kuratorin offensichtlich gut gefällt, steht neben ihrer Installation „Galatean Heritage“ – einer Strickmaschine, die ein Seil herstellt, das sich unmerklich verwirrt. Fertigware nach dem Vorbild vieler anderer Werke, die in dieser Hauptausstellung präsentiert werden. Kühl, konzeptuell und schließlich bis zur Absurdität „zeitgenössischer Kunst“ ähnelnd.

Kathrin Becker hat also all diese Künstler unter einem einzigen Thema zusammengefasst. Doch zu welchem Preis? All diesen Werken fehlt der Witz, die Fantasie, die Jugend. Die Kunstschaffenden sind unter 35 Jahre alt, doch scheinen sie sich genötigt zu fühlen, ihre Seriosität und die Reife ihrer ästhetischen Entwicklung unter Beweis zu stellen. Ein weiteres Paradox.

Die Kuratorin kennt die russische Kunstszene sehr gut, da sie lange Zeit mit der Petersburger Avantgarde (Neue Akademie) Umgang hatte. Und so sieht Kathrin Becker in Russland große Probleme in der Kunstszene. Sie erwähnt die Schließung der drei wichtigsten Galerien des Landes (Guelman, XL, Aidan), spricht von der „zunehmenden Klerikalisierung der Politik durch die orthodoxe Kirche“, von der Zerstörung der Ausstellung „Achtung: Religion!“ und der Unterdrückung der Band „Pussy Riot“. Und dennoch wird keines dieser brandheißen Themen in einer der verschiedenen Ausstellungen aufgegriffen. Ein weiteres Paradox. Alles ist entpolitisiert, abgesehen von Mischa Mosts Graffitis: Er schreibt Artikel aus der russischen Verfassung, die zumeist von der Regierung missachtet werden, an die Wände. Treffend, interessant, aber nicht wirklich gewagt. Tabuthemen werden sorgfältig vermieden. Ist die Provokation unmodern geworden? In diesem Fall ist auch die Jugend aus der Mode gekommen. Und schon wieder ein Paradox.

Mikhael Subotzky, Die Vier Hoeke. Foto: Pressebild

Jugend als Chance

Diese jungen Künstler sind zu brav und zu höflich, um wahrhaftig zu sein, sagt man sich, wenn man die Hauptausstellung verlässt. Glücklicherweise hält die zweite Ausstellung, die als „strategisch“ bezeichnet wird, mehr Überraschungen bereit. Sie wendet sich an uns Journalisten: die Bedeutung, welche die Künstler der Presse einräumen, meistens verbunden mit Kritik an der Propaganda-Dimension (Naprushkina, Ting Ting Cheng, Fuller, Wong Wing-Fat, Parchikov, Baskakova, usw.). Weitere markante Werke – die Zerstörung eines Autos durch einen unsichtbaren Fahrgast (Video von Silokunnas), Medikamentenfahnen (Collage von Rafalowicz), akrobatische Einkaufswagen (Installation von Chang) und zeitgenössische Friedhöfe (Video von Bosnjak) – lösen beim Besucher Gefühle aus und regen sogar zum Nachdenken an. Elena Selina, Kuratorin dieser Ausstellung, hat es besser verstanden, sich der Heterogenität der Jugend zu unterwerfen.

Wie paradox sie auch sein mag: Diese „3. internationale Moskauer Biennale zeitgenössischer Jugendkunst“ hat sich interessanterweise darum bemüht, das russische Paradox nicht zu erwähnen. Wie jeder weiß, hat Russland mehrere Gesichter. Eines davon lächelt die zeitgenössische Kunst an – durch die Organisation großer Veranstaltungen wie dieser Biennale. Das andere Gesicht öffnet seine Gefängnisse. Drei Mädchen des Kollektivs „Pussy Riot“ sitzen nun seit über vier Monaten in Untersuchungshaft, da sie eine Aufführung in einer Kathedrale organisiert haben. Die Biennale hätte ihr Gesicht verziehen können.

Offizielle Seite von der Biennale http://www.youngart.ru/.

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