III. Biennale für junge Kunst – die Top 4 von Russland HEUTE

Treibhaus „Russischer Geist“ (russki duch) von Michail Maximow. Foto: Michail Maximow

Treibhaus „Russischer Geist“ (russki duch) von Michail Maximow. Foto: Michail Maximow

Von Juli bis August sind in Moskau knapp 200 Werke junger Künstler aus aller Welt zu bewundern. Neben dem Hauptprogramm mit dem Titel „Unter einer Lametta-Sonne“ werden parallel strategische Projekte und Sonderprojekte von Künstlern ausgestellt, die mit ihren Werken nicht dem Hauptthema entsprachen, aber trotzdem Eindruck machen konnten. Vier dieser Projekte hat sich Russland HEUTE unter die Lupe genommen.

1. Michail Maximow und Jewgenija Djomina (Sonderprojekt im Rahmen der Gemeinschaftsausstellung Barbaren) 


Titel der Arbeit: Treibhaus „Russischer Geist“ (russki duch)

Auf den ersten Blick mag man sich wundern, was ein Treibhaus mit einem Haufen Erde und fein säuberlich eingepflanztem Grün bei einer Ausstellung zu suchen hat. Beim zweiten Blick stellt man jedoch fest, dass es sich bei dem Grün um Kartoffelpflanzen handelt und der Erdhaufen in Sargform aufgeschichtet wurde. Die Pflanzen werden außerdem von kleinen Holzkreuzen gestützt. Das Künstlerduo Maximow und Djomina beschreiben das Treibhaus „Russischer Geist“ als etwas, in dem eben dieser Geist geschützt und bewahrt werden soll. Bei der Gemeinschaftsausstellung Barbaren um die Suche nach neuen Konzepten und nach den Veränderungen, welche die russische Gesellschaft momentan fordert. Die jungen Künstler nehmen diese Herausforderung an, ohne dabei aber die Identifizierung mit den Barbaren aus den Augen zu lassen. „Die beiden Grabhügel in unserem Treibhaus symbolisieren die Gräber von Fürst Wladimir und Katharina der Großen“, erklärt Michail Maximow. „Unter der Herrschaft beider wurde dem Volk die Orthodoxie aufgedrängt, ebenso wie später Peter der Große dem Volk Kartoffeln aufdrängte.“ Der Geist im Treibhaus soll sich im Laufe der Zeit durch den Tod der Pflanzen verändern: Bevor diese verwelken, winden sie sich um ihre Holzkreuze.

Projekt Fabrika, bis 2. August 2012

 

2.Künstlervereinigung „Wwerch!“ („Nach Oben“- Sonderprojekt im Rahmen der Gemeinschaftsausstellung Barbaren)

Titel der Arbeit: „Gruft“ (sklep)

Die jungen Videokünstler Daniil Sintschenko und Pjotr Schukow sind, 

zusammen mit weiteren Mitgliedern ihrer Vereinigung, die einzigen Anhänger des russischen Philosophen Nikolai Fjodorow (1829 bis 1903). Dieser verband in seiner Lehre christliche und philosophische Konzepte und gilt als Vater des sogenannten russischen Kosmismus. „Daher auch der Name unserer Vereinigung: Nach Oben“, erklärt der Künstler Zinchenko und wirft vielsagend einen Blick zum Himmel. Bei ihrem Projekt ging es dagegen in die Tiefe: Der Keller einer ehemaligen Fabrik wurde zu einer Gruft umgebaut, eine Neonlampe blendet die Besucher beim Abstieg in die Tiefe. Weiter geht es durch mehrere kleine Räume, Stimmen sind zu hören sind und ein Loch in der Wand zeigt einen kleinen Monitor, auf dem eine Landschaft abgebildet ist. Am Ende erwartet die Besucher ein Raum, in dem an der Wand helle Neonröhren zu dem russischen Wort für Gott zusammengesetzt wurden. Dieser letzte Raum ist einem verstorbenen Freund der Künstlervereinigung gewidmet, dessen Stimme man auch in der Gruft hören kann. 

Projekt Fabrika, bis 2. August 2012


3. Oleg Dou (parallele Ausstellung) 

Titel der Ausstellung: „Das fremde Gesicht“

Die Ausstellung des jungen Künstlers und Fotografen Oleg Dou gilt auf der diesjährigen Biennale als eines der Higlights im parallel laufenden Programm. Dou ist ein Meister des Photoshop-Designs und hat diese Kunst soweit perfektioniert, dass eines seiner Werke nun auf der Verpackung der neuen Photoshop-Version zu sehen ist. Die Ausstellung im Multimedia Art Museum ist der Angst vor einer gestellten Photographie gewidmet – ein Kindheitstrauma, das Oleg Dou als Erwachsener auch auf andere Menschen überträgt. „Die Photographie zwingt dem Menschen für ihn unnatürliche Rollen und Images auf“, erklärt der Fotograf. „Viele Menschen gefallen sich selbst auf Fotos nicht, weil ihr Selbstbild nicht mit dem übereinstimmt, was sie da sehen. Sie denken, ein Foto wäre die objektive Realität, was aber nicht wahr ist.“ Zu Dous Ausstellung gehören Portraits, überarbeitete Kinderfotos des Autors selbst und Skulpturen. 

Multimedia Art Museum, bis 29. Juli

4. Mischa Most (im Rahmen der strategischen Projekte) 

Titel der Arbeit: „Verfassung (ein öffentlicher Dialog)“

In der Stadt kann man sie an zahlreichen Häuserwänden sehen: Graffitis mit 16 Artikeln aus der Verfassung der Russischen Föderation. Der Künstler Mischa Most suchte sich diejenigen aus, welche die Rechte und Freiheiten der Bürger betreffen. „Es war wichtig, sie in der Stadt so zu 

platzieren, dass sie nicht nur auffallen, sondern eine passende Kulisse haben“, erklärt er. So steht beispielsweise der Artikel 43 Jeder hat das Recht auf Bildung an der Hauswand eines verlassenes Kindergartens mitten im Moskauer Zentrum, das Gebiet ist eine Hochburg der Obdachlosen. „Ich habe immer nachts die Artikel an die Wände gesprüht und bin morgens zurückgekehrt, um sie zu fotografieren“, beschreibt Misha Most seine Vorgehensweise. Die 16 Fotos hängen nun in schwarzen Rahmen im Museum für Moderne Kunst im Raum „Politik“. Den Artikel 44 Jedem Menschen wird die Freiheit literarischer, künstlerischer, wissenschaftlicher, technischer und anderer Arten schöpferischer Tätigkeit garantiert sprühte der Künstler an die Museumswand direkt neben seine Fotografien. 

Verfassung von Mischa Most (der Artikel 33). Foto: Mischa Most


Moskauer Museum für Moderne Kunst, von 17. bis 19. August 2012