Couchsurfing. Die billigste Art des Reisens

Das „Couchsurfing“ bietet durchaus die Möglichkeit, durch die Welt zu reisen, ohne das eigene Sofa zu verlassen. Foto: Getty_Images / Fotobank

Das „Couchsurfing“ bietet durchaus die Möglichkeit, durch die Welt zu reisen, ohne das eigene Sofa zu verlassen. Foto: Getty_Images / Fotobank

Heutzutage genügt ein Tastendruck, um Informationen aus dem Internet über jede noch so exotische Ecke der Welt zu bekommen. Das befriedigt nur auf bestimmte Art die Neugier, denn gleichzeitig wächst auch das Bedürfnis, die Welt vor Ort kennenzulernen. Hier ist gerade die junge Generation dabei, eine neue Arten des Reisens zu entdecken: Das "Couchsurfing" (CS).

Wie Couchsurfing funktioniert

Es ist die billigste Art des Urlaubs, weil man sich in der Couchsurfing-Community gegenseitig besucht. Zunächst kostenlos. Statt in teuren Hotels zu übernachten, reicht den Surfern ein einfaches, privates Gästebett ("Couch"). Aber das Surfen hat zwei auch zwei Seiten: Es bietet durchaus die Möglichkeit, durch die Welt zu reisen, ohne das eigene Sofa zu verlassen. Um fremde Kulturen, Sitten und Bräuche kennenzulernen, reicht es manchem, einen Gast aus dem Ausland Obdach zu gewähren.

Was wie eine reine Internet-Community anmutet, wurde 2003 ursprünglich kommerziell gegründet. 2006 gab es eine Zäsur, und Gründer Casey Fenton zog sich zurück. Offiziell wird heute das CS-Net mit Spenden finanziert. Anmeldung und Nutzung sind aber im Prinzip kostenlos. Nicht allein deswegen erfreut sich Gastfreundschaftsnetzwerk zunehmender Beliebtheit. Derzeit sollen sich etwa 4,5 Millionen Nutzer aus 207 Ländern angemeldet haben.

Das System bringt Angebote, nämlich einen Gast kostenlos zu beherbergen, und Wünsche, irgendwo auf der Welt ein paar Tage zu verbringen,  in Übereinstimmung. Auf den CS-Seiten kann man Land und Stadt auswählen und sogar die Art des Angebots begutachten: Von "Hosting“ - also nur ein  Schlafplatzangebot, über zusätzliche Angebote wie Verpflegung und Familienanschluss bis zu „Café“ für Treffen in einer  Stadt, Spaziergänge oder Sightseeing.

Alle Details, vor allem die Beherbergungen und Zeitfenster, sind vor der Reise zwischen den unmittelbar Beteiligten zu vereinbaren. Alle eint dabei das klare Verständnis, dass alle Leistungen der getroffenen Übereinkunft kostenlos bleiben.

Um für maximalen Schutz und Vertrauen der Beteiligten zu sorgen, müssen entweder persönliche Referenzen von Gästen und Gastgebern hinterlegt werden, oder erfahrende CS-User erteilen Bürgschaften. Auf jeden Fall muss man einen dreistufigen Identitätsnachweis durchlaufen: Zuerst muss der Nutzer selbst seinen Namen bestätigen, danach erfolgt die Identitätsprüfung per Kreditkarte oder Bankeinzug, bei der man aufgefordert wird, eine kleine Summe aufs Konto des Netzwerks zu spenden. Nach Zahlungseingang erhält der neue Surfer eine Postkarte mit dem Code, der seine Mitgliedschaft bestätigt und von nun an bei allen Aktionen eingesetzt werden muss.

Couchsurfing in Russland

In Russland entwickelt sich die im Westen beliebte Art zu reisen erst langsam. Russen stehen Einladungen von völlig Fremden zu sich nach Hause eher skeptisch gegenüber, und die Aussicht, einen nur durch E-Mail-Kontakt bekannten Gastgeber in einem fremden, auch noch weit entfernten Land zu besuchen, löst noch mehr Misstrauen aus.

Die Couchsurferin Alisa Grinemajer aus Nowosibirsk rät: „Eine „Fpiska“ (russischer Slang für CS-Übernachtungsmöglichkeit) sollte man besser auf sicheren Internetseiten oder über eigene Bekannte und Freunde suchen. Man sollte sich unbedingt schon vor der Anreise mit den Leuten ausgetauscht haben, bei denen man wohnen will." Es sei wichtig, sich nicht erst vor Ort über ihren Lebensstil, ihre Hobbys und ihre Alltagsgewohnheiten zu informieren und womöglich eine herbe Enttäuschung zu kassieren. "Das Gleiche gilt natürlich auch für die Gastgeber. Das Wichtigste sind Freundlichkeit, Ehrlichkeit, Korrektheit und natürlich Gastfreundschaft.“

„Gastfreundschaft darf man nicht falsch verstehen und ausnützen wollen“,

gibt Anna Nasenzewa ihre CS-Erfahrungen preis, „manchmal kann es vorkommen, dass dir ein Surfer ganz ungeniert auf der Tasche liegt. Denn wenn man einem Gast ein Dach über dem Kopf gibt, heißt das noch lange nicht, dass man ihn versorgen oder sich um seine finanziellen Probleme kümmern muss. Couchsurfer erinnern sich ungern an schlechte Erfahrungen im zwischenmenschlichen Umgang. Bei Beherbergungen ausländischer Surfer sind Alltagsprobleme fast unvermeidlich. "Aber man kann sie meistern, wenn man sich vergegenwärtigt, dass man einen Vertreter eines anderen Landes mit anderer Kultur und Mentalität vor sich hat.“

In erster Linie ist Couchsurfing aber eine wunderbare Gelegenheit, in die letzten Winkel dieser Erde zu kriechen und neue Freundschaften zu knüpfen. Immer mehr Couchsurfer wollen nach Russland. Interessant ist dabei, dass die Ausländer nicht den Trubel der großen MetropolenMoskau oder Sankt Petersburg suchen, sondern das unverfälschte Leben in kleineren Städten, in Sibirien oder im Fernen Osten.

Aber auch die Russen machen sich auf, die Welt zu erkunden. „Es ist sehr nett, wenn ein CS-Freund aus Frankreich dir Grüße von einer Freundin aus Litauen überbringt, die du in Rom kennengelernt hast, und er in irgendeiner anderen europäischen Stadt. Die Welt des Couchsurfings ist international," schwärmt Anna, "und so gesehen, ist die Welt doch klein."

Dieser Artikel erschien zuerst in der Zeitung Rossijskaja Gaseta

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