Sankt Petersburg jenseits von Glitzer und Glamour

Seit Anfang Juli bis Mitte September ist im Moskauer Lumière-Zentrum für Fotografie Wladimir Antoschtschenkows Ausstellung „Petersburg. Urban Classic“ zu sehen. Gezeigt werden Werke des Fotokünstlers aus den Jahren 1974 bis 2004, die bislang weitgehend unbelichtete Facetten der Stadt in Szene setzen.

Foto: Wladimir Antoschtschenkow


Wladimir Antoschtschenkow, Dekan der Fakultät für Urbanistik und Design des städtischen Umfelds an der Universität für Architektur und Bauwesen in Sankt Petersburg, stellt ganz bewusst bislang weitgehend unbeachtete Motive in das Zentrum seiner Ausstellung.

„In den 80er Jahren bin ich auf recht ungewöhnliche Weise zu meinen Fotomotiven gekommen. Ich habe mir einen Stadtplan genommen und Bezirk für Bezirk durchkämmt, bin durch die Innenhöfe gestrichen und habe auf meiner Karte die Orte markiert, an denen ich schon gewesen bin. Das war ziemlich viel Arbeit, aber es hat sich bezahlt gemacht“, erläutert der gebürtige Sankt Petersburger. Die wichtigsten Voraussetzungen für gelungene Fotos sind aus seiner Sicht Ausdauer, Geduld und Beobachtungsgabe.

Antoschtschenkow lichtet nicht die Glitzer- und Glamourwelt von Sankt Petersburg ab. Vielmehr zeigt er die Stadt in all ihren Facetten: Versteckte Innenhöfe, Bäume, Regenrinnen, Autos und Hebekräne, Brücken, Schiffe, Stromleitungen und Kanalisationsausgänge.

Menschen interessieren den Fotografen nur als Teil des städtischen Umfelds. Gestellte Porträts sind in seinen Werken nicht zu finden, dafür vielmehr zahlreiche Fotos von alltäglichen Dingen und städtische Stillleben. Vieles von dem, worauf Antoschtschenkow in den Außenbezirken und in Industriegebieten, in Fabriken und Ruinen ehemaliger Betriebe stößt, sollte seiner Meinung nach in einem Museum für moderne Kunst ausgestellt werden.

Der geschulte Blick des Architekten ist in all seinen Arbeiten erkennbar.

Graphisch und kompositorisch ausgewogen lassen sie einen ausgeprägten Rhythmus und klare Geometrie erkennen. Antoschtschenkow sucht den Kontrast zwischen Altem und Neuem und lenkt den Blick des Betrachters beispielsweise auf eine Häuserfassade, an der über dem klassischen Relief eine Antenne in die Höhe ragt.

Die Titel seiner Werke und das teilweise überraschende Zusammenspiel verschiedener Epochen zeugen vom Humor des Künstlers. So ist auf dem Foto mit dem Titel Feldmarschall – Polier ein Denkmal für einen Heeresführer zu sehen, direkt neben einem Baukran. Die originelle Komposition verwandelt den Militär in einen Bauleiter.

Ein neues Projekt Antoschtschenkows, Artefakte, umfasst bereits über

ein Dutzend Alben, die der Künstler seiner Heimatstadt gewidmet hat: Petersburger Architektur des 20. Jahrhunderts, Die Poesie von Petersburg, Das Leben der Skulptur in der Stadt, Dächer von Petersburg, Spielerisches Petersburg sind nur einige Bespiele aus der aktuellen Sammlung.

Die Ausstellung ist im Moskauer Lumière-Zentrum noch bis zum 16. September zu sehen.

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