Russland aus der Perspektive Hollywoods

Igor Jijikine, ein russischer Schauspieler, der 23 Jahre in Amerika gelebt und eine solide Hollywood-Jahre hinter sich hat. Foto: Pressebild

Igor Jijikine, ein russischer Schauspieler, der 23 Jahre in Amerika gelebt und eine solide Hollywood-Jahre hinter sich hat. Foto: Pressebild

Die amerikanische Filmindustrie bedient immer noch Klischees aus dem Kalten Krieg.

Russland aus der Perspektive Hollywoods

So mancher Hollywood-Thriller entwickelt sich durch die Art, wie die Amerikaner mit Russland, seinen Gegebenheiten oder Personen umgehen, für den russischen Kinobesucher regelrecht zur Komödie. Falsch ausgesprochene russische Wörter, überspitzt oder unbeholfen dargestellte russische Eigenheiten und Personen, unglaubhafte Behauptungen – all das verleiht den amerikanischen Filmen keine Pluspunkte. Dabei ist Russland seit geraumer Zeit einer der großen Absatzmärkte von Hollywoods Kinomaschinerie. Stars wie Tom Cruise, Will Smith oder Megan Fox lassen sich bei den russischen Premieren ihrer Filme gern in Russland sehen.

Die größte Hürde für Hollywood ist die russische Sprache. Im Internet findet man ganze Sammlungen von Sprachverdrehungen. Ein ganz besonders bizarres Beispiel: Im Film Die Bourne Identität liest man statt des kyrillischen Namens im Pass des Titelhelden "Foma Kiniaev" zwar kyrillische Buchstaben. Doch wer sie wirklich lesen kann, liest „Fshf Lshtshfum“. Was natürlich völliger Unsinn ist. Der Autor dieser unaussprechlichen Buchstabenkombination hat es sich leicht gemacht und den Namen nicht korrekt transliteriert, sondern bloß das Tastatur-Layout geändert. Er hatte wohl die Hoffnung, dass die Position der russischen Buchstaben jener der Buchstaben auf der englischen Tastatur entspricht, was aber keineswegs der Fall ist. Ein anderes nettes Beispiel: Als Tom Hanks im Film Terminal seine Dokumente vorweist, ist in russischen Lettern der schöne Name „Gulnara Gulina“ zu sehen. Leider ist das kein typischer Name für einen slawischen Mann, sondern für eine muslimische Tatarin. Das kann dann schon mal für einen ordentlichen Lacher im Zuschauerraum führen.

Man hat den Eindruck, dass der Redaktion fremdsprachlicher Texte trotz Millionenbudgets kaum Aufmerksamkeit geschenkt wird. „Hollywood produziert Filme für Amerika. Es ist ihm entweder völlig gleichgültig oder sogar wichtig, dass wir Russen mit einem grässlichen Akzent und als miese Stereotypen dargestellt werden.  Doch der Film ist Kunst und keine Wissenschaft. Und die Amerikaner drehen nicht für die Russen. "Dass die Fakten nicht überprüft werden, ist nicht kriminell. Fact-Checking wird nur sehr oberflächlich durchgeführt, das hat keine Priorität“, sagt Igor Jijikine, ein russischer Schauspieler, der 23 Jahre in Amerika gelebt und eine solide Hollywood-Jahre hinter sich hat. Bei den Dreharbeiten zu IndianaJones und das Königreich des Kristallschädels hatte sich Jijikine auf lange, aber schließlich unfruchtbare  Diskussionen mit dem Regisseur Steven Spielberg eingelassen. Er wollte erreichen, dass die russischen Figuren nicht so einen überzeichneten Akzent  und Charakter hatten. Doch Jijikine konnte sich nicht durchsetzten. Er ist zur Überzeugung gekommen, das für jene, die die Filme drehen, solche Ungereimtheiten völlig unwichtig sind. Er gesteht ihnen sogar zu, dass sie ohne böse Absicht falsch handeln.

Der russische Kinoproduzent Wiktor Alissow hingegen ist sicher, dass die Verhunzung der russischen Sprache in amerikanischen Filmen schlicht auf Inkompetenz beruht: „Man hat das Gefühl, dass an Beratern gespart wird. Es erscheint überflüssig, für Fact-Checking Geld und Zeit aufzuwenden. Schließlich schluckt das wenig anspruchsvolle Publikum auch so alles. Hauptsache, die Schauspieler sind attraktiv und bei den Spezialeffekten knallt es ordentlich.“

Die amerikanische Kinoindustrie vergeht sich vor allem bei der Darstellung russischer Charaktere. Erik Sarkisian, einer der früheren Kuratoren des Kinoarchivs im Kulturministerium, fürchtet, dass die Russlandstereotypen Hollywoods einen politischen Hintergrund haben. „Hollywood macht das ganz bewusst, wenn es unseren Kosmonauten in Armageddon als Trunkenbold mit Pelzmütze darstellt. Da fehlt nur noch eine Matrjoschka!“ Sarkisian ist der Meinung, dass die amerikanische Filmindustrie mit dieser Ironie und diesen Sticheleien ihre Position als Platzhirsch im Filmgeschäft markiert. Hollywood könne sich offenbar alles erlauben.

Viele Russen haben inzwischen die Nase voll von den Nullachtfünfzehn-Rollen ihrer Landsleute in Hollywood-Produktionen, nämlich Antagonisten, Kommunisten, Mafia oder Feind Nr. 1 der amerikanischen Helden. In The Saint – Der Mann ohne Namen destabilisiert ein russischer Nationalist, der gleichzeitig oberster Mafiaboss ist, die Lage in Russland, um an die Macht zu kommen. In Air Force One sind es russische Kommunisten, die den Präsidentenflieger mit Harrison Ford an Bord entführen, um einen neuen Weltkrieg anzuzetteln.

Wiktor Alissow hingegen nimmt wieder einmal die Hollywood-Regisseure in Schutz: „Die Filme widerspiegeln nur den Einfluss der News-Medien auf das Weltbild der Amerikaner. Sie inszenieren das, was ihnen richtig und gut erscheint und was die Leute erwarten. In den Köpfen der Filmemacher von Hollywood gilt das, was wir zu sehen bekommen, als Wahrheit, wenn auch aus westlicher Brille“, so Alissow.

Doch Wiktor Alissow glaubt, dass diese Tendenzen immer noch aus der Zeit des Kalten Krieges stammten, sich aber glücklicherweise nach und nach abschwächten. „Wenn Russland, dann Mafia oder KGB, das ist nach wie vor das gängige Stereotyp. Ich denke, in der Filmindustrie wird sich der Informationskrieg noch eine Weile halten.“

Erik Sarkisian räumt ein: „Früher haben auch unsere Filmemacher so gearbeitet, beispielsweise die Deutschen ganz ähnlich ironisiert und sie typischerweise als verquere Militärs dargestellt.“ Selbst von Amerikanern gibt es im russischen Kinouniversum ironische Darstellungen, sogar heute noch. So zum Beispiel in der Serie Interny, in der der naive, gerechte und nette Amerikaner Phil nach Russland kommt. Seine Eltern sind schwul, in Russland wird er ständig ausgelacht und angegriffen. Von Folge zu Folge wird das arme „Amerikanerlein“, wie er genannt wird, hin- und her geschubst. „Ein ganzes Paket an Stereotypen ist das“, befindet Wiktor Alissow und fügt hinzu: „Die Sticheleien hier sind nicht bös gemeint, aber es kann durchaus sein, dass die Serie einmal nach hinten losgeht.“

Aber es geht auch anders. Vor einigen Jahren zeichnete das Magazin „Russia!“ den Schauspieler Viggo Mortensen mit einem Preis für seine Rolle in Tödliche Versprechen – Eastern Promises aus. Mortensen erhielt den Preis für die beste Darstellung einer russischen Figur in einem ausländischen Film. Die Redaktion befand Mortensens Darstellung des reuigen Banditen Nikolai als „berührend und wahrheitsgetreu“. Derart gut dargestellte russische Charaktere in ausländischen Filmen sind leider die Ausnahme. Kommt ein ausländischer Film, in dem russische Wesenheiten einmal mit der nötigen Realität, Glaubhaftigkeit und Tiefe dargestellt werden, in die russischen Kinos, nimmt ihn  das russische Publikum dann umso dankbarer an. 

Über welche Actionhelden in Russland gelacht wird

1) Arnold Schwarzenegger in der Rolle des Hauptmanns Iwan Danko in Red Heat (USA, 1988)

Foto: Legion Media

Die Handlung von Red Heat ist im sowjetischen Moskau angesiedelt. Die Dreharbeiten fanden zum Teil tatsächlich in Moskau statt: Zum ersten Mal durfte ein  amerikanisches Team überhaupt auf dem Roten Platz filmen. Red Heat ("Rote Hitze") ist eine Anspielung auf die kommunistische, die „rote“ Gefahr. In Russland erlangte der Streifen aufgrund seiner parodistischen Darstellung einfacher Milizionäre einen Kultstatus. Eigentlich besteht der Alltag der russischen Ordnungshüter - glaubt man der Darstellung - nur aus Verfolgungsjagden mit dem Autobus und russischem Dampfbad Banja. Der bekannte Terminator als sowjetischer Offizier auf dem Roten Platz wirkt bis heute komisch und wird im Internet verspottet.

2) Peter Stormare in der Rolle des Kosmonauten Lew Andropow  in Armageddon (USA, 1998)

Foto: Legion Media

Die amerikanischen Astronauten werden gleich darauf aufmerksam gemacht, dass ihr russischer Kollege anderthalb Jahre mutterseelenallein auf der sowjetischen  Raumstation "Mir" verbracht hat. Das gesamte Raumschiff ist in einem desolaten Zustand und mit Schwarzweiß-Fotos von Verwandten des kosmischen Einsiedlers geschmückt. Antropow begrüßt die Amerikaner in Pelzmütze, T-Shirt mit Sowjetstern sowie der Aufschrift СССР und ist – natürlich – betrunken. Die Amerikaner sind geschockt. Und genauso logisch explodiert die marode Mir beim Auftanken.

Der ukrainische Kosmonaut Leonid Kadenjuk, der an den Dreharbeiten beteiligt war, kommentiert das dargestellte Image: „Die Amerikaner präsentieren eine russische Orbitalstation mit einem Armeeoffizier in Kosakenmütze! Mir hat das ganz und gar nicht gefallen. Zum Glück haben die echten amerikanischen Astronauten ein sehr freundschaftliches und respektvolles Verhältnis zu ihren russischen Kosmonauten-Kollegen.“

3) Rade Šerbedžija in der Rolle des Boris „The Blade“ Yurinov in Snatch - Schweine und Diamanten (Großbritannien, 2000)

Foto: Legion Media

Russen in den neunziger Jahren sehen in den Augen westlicher Ausländer immer noch wie Kommunisten aus. Allerdings müssen die sich nun irgendwie mit der sich im Lande ausbreitenden Demokratie arrangieren. Deshalb horten sie Lederjacken (als Symbol des Wohlstandes), kaufen teure Autos und - wie im Falle von Boris „The Blade“ Yurinov - Waffen. Finstere Intrigen, fiese Täuschungsmanöver und harte Mafia-Methoden – so stellt man sich in Hollywood oder in der englischen Komödie das typische Vorgehen des ehemaligen KGB-Mitarbeiters Boris vor.

4) Olga Kurylenko in der Rolle der Nika Boronina in Hitman - Jeder stirbt alleine (Frankreich/USA, 2007)

Foto: Legion Media

Zeugin eines Anschlages auf den russischen Präsidenten wird die russische Prostituierte Nika (sls was kann man als Frau in Russland sonst noch arbeiten?). Sie wird in der Story die heißblütige Geliebte des Helden, eines kaltblütigen Killers mit dem Decknamen Hitman. Es sollte nicht das letzte Mal sein, dass die französisch-ukrainische Schauspielerin Kurylenko mit dem Gesicht einer slawischen Schönheit die Geliebte des Machos spielt (Max Payne (Kanada/USA, 2008) und James Bond 007: Ein Quantum Trost (Großbritannien/USA, 2008)).

5) Mickey Rourke in der Rolle des Ivan Vanko (Whiplash) in Iron man 2 (USA, 2010)

Foto: Legion Media

Der neue Gegner Tony Starks in der Verfilmung des bekannten Comics ist der russische Ingenieur Ivan Vanko, mit Spitznamen Whiplash ("Peitschenhieb"). Der Spitzname in Marvels Comic-Original – Crimson Dynamo ("Purpurdynamo") – erinnert noch mehr an die kommunistischen, "purpur-roten" Wurzeln des Bösewichtes. Um Mickey Rourke einem Russen noch ähnlicher zu machen, setzten ihm die Maskenbildner Zahnkronen aus Stahl ein und verzierten seine Haut mit Knast-Tätowierungen.

6) Brian  Cox in der Rolle des Ivan Simanov in R.E.D. – Älter, Härter, Besser (USA, 2010)

Foto: AFP 

Retired, Extremely Dangerous ("in Rente, aber extrem gefährlich") bezieht sich auf den Helden des Films, einen Ex-CIA-Topagenten, gespielt von Bruce Willis. Darüber hinaus ist RED ("rot") die Bezeichnung für russische Agenten. Der ehemalige KGB-Agent Ivan Simanov, der auf rührende Weise seiner alten Liebe, einer ehemaligen FBI-Scharfschützin, verbunden ist, sitzt in Pelzmantel und Fellmütze irgendwo in einem dunklen Keller, auf dem Tisch steht (wie sollte es anders sein?) eine Flasche Wodka. Was nach einer Parodie aussieht, ist leider klischeehafte Requisite. Auf dem Landsitz, wo sich Spezialagenten erholen, steht "natürlich" auf dem Tisch ein Samowar und an der Wand hängt ein Bärenfell. Dieser ganze Abklatsch über die russische Art macht aus dem Actionfilm eine Komödie.

7) Bryan Cranston als Sibirischer Tiger Vitaly in Madagascar 3: Flucht durch Europa (USA, 2012)

Foto: Legion Media

Die computeranimierte Komödie wurde in den USA am 8. Juni 2012 in die Kinos gebracht und ist in Deutschland erst ab 2. Oktober 2012 zu sehen. Doch die Filmpremiere fand bereits beim Filmfestival in Cannes im Mai 2012 statt: Die Tiere stranden auf der Flucht von Afrika nach den USA plötzlich in Monte Carlo. Dort treffen sie im verarmten (was sonst?) russischen Wanderzirkus auf den SibirischenTiger Vitaly - einen flegelhaften, ungehobelten Grobian. Typisch! Bei einem missglückten Sprung durch den brennenden Reifen während einer Zirkusvorstellung versengte er sich das Fell. Da die Haarpracht nicht wieder nachwächst, verfällt der Tiger in eine tiefe Depression. Seine durch den vergangenen Ruhm entstandene Schwermut ertränkt er – nein, nicht im Wodka (schließlich handelt es sich um einen Zeichentrickfilm für die ganze Familie) – sondern in Borschtsch. Als wahrhafter russischer Melancholiker sucht er die Einsamkeit und hat kein Vertrauen zum leichtsinnigen amerikanischen Löwen Alex, der mit einer jahrhundertealten Tradition brechen will. Doch zu guter Letzt gelingt es dem Löwen Alex, Vitaly von seiner Depression zu heilen, indem er ihm großzügig eine Pflegespülung für dessen Fell schenkt. Trotz Computer und Komödie steckt die ganze Story voller Stereotypen über Russland.

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