Auf neuen Pfaden auf den Spuren der Vergangenheit

Ich hatte früher vermutlich die gleichen Vorurteile wie die meisten Westler, die noch nie in Russland gewesen sind. Foto: Pressebild

Ich hatte früher vermutlich die gleichen Vorurteile wie die meisten Westler, die noch nie in Russland gewesen sind. Foto: Pressebild

Für sein neues Projekt folgt der Autor und Blogger Marcel Krüger dem Schicksal seiner Großmutter durch Polen und Russland. Ilaria Parogni von Russland HEUTE sprach mit ihm über sein Vorhaben.

Marcel Krüger ist leicht als aktiver Typ zu erkennen. Der Autor und Blogger, der zurzeit in Berlin lebt, verbrachte zuvor fünf Jahre in Irland. Dort entstand auch die Idee, ein Web-Tagebuch über die isländische Musikszene zu schreiben. Auch ein Buch hat der 34-Jährige bereits veröffentlicht: eine Sammlung von Kurzgeschichten und Artikeln mit dem Titel Stop Coming to My House. Jetzt hat Marcel Krüger ein neues Abenteuer in Angriff genommen: In der dunklen Nacht lautet der Name des Projektes, das ihn nach Polen und Russland führen soll.

Marcel Krüger begibt sich auf den gleichen Weg, den vor 67 Jahren schon seine Großmutter Cäcilie (oder Cilly, wie er sie liebevoll nennt) auf sich nehmen musste, als sie während des Zweiten Weltkrieges zur Umsiedlung von Ostpreußen in die Uralregion gezwungen wurde. Damals marschierte die Rote Armee in das Gebiet ein und verschleppte Teile der deutschen Bevölkerung. Krüger unternimmt die Reise im Gedenken an seine Großmutter, die im Jahre 2009 verstarb.

Russland HEUTE: Woher kam die Idee zu Ihrem neuen Projekt?

 

Marcel Krüger: Ich trug diese Idee schön längere Zeit mit mir herum, mindestens seit zehn Jahren. Als ich ein Kind war sprach meine Großmutter viel über ihre Heimat Ostpreußen und über Russland und ich fühlte immer eine Art Verbindung zu diesen beiden Orten. Leider hatte ich nie die Zeit, sie selbst zu besuchen. Aber in diesem Jahr sieht die Sache anders aus und so beschloss ich, schließlich doch nach Polen und Russland zu reisen. Die Entscheidung, meine Reise online zu dokumentieren, fiel mir leicht: Vor zwei Jahren habe ich bereits ein ähnliches Projekt zusammen mit dem Fotografen Kai Müller verwirklicht. Das war eine Reise nach Island zur Erforschung der Musikszene, die wir in unserem Blog Sonic Icelanddokumentierten. Dieses Mal liegt mein Fokus allerdings mehr auf der Geschichte und der Kultur.

Sie wiederholen die Reise, die Ihre Großmutter vor 67 Jahren unternommen hat. Welche Regionen werden Sie besuchen?

Zuerst reise ich zum Geburtsort meiner Großmutter, einem kleinen Dorf 

mit dem Namen Łęgajny. Es liegt in der Nähe von Olsztyn, in der polnischen Woiwodschaft Ermland-Masuren. Meine Großmutter wurde 1945 von der Roten Armee in den Ural verschleppt, wo sie dann in zwei Arbeitslagern war. Das eine war in der Nähe von Jekaterinburg, das andere bei Nischni Tagil – da werde ich auch hinreisen. Aber ich werde auch dem Touristendasein frönen: Da ich zum ersten Mal in Polen und auch in Russland sein werde, plane ich einen Umweg über Warschau und Moskau, um den Wodka dort zu probieren…

Lassen Sie uns noch etwas mehr über Ihre Reiseplanung  sprechen. Wie lange soll die Reise dauern? Wie werden Sie zu den von Ihnen ausgewählten Orten kommen?

Marcel Krüger: Ich plane insgesamt vier Wochen für die ganze Reise ein, zwei Wochen in Polen und zwei Wochen in Russland. Und um den Reisebedingungen meiner Großmutter treu zu bleiben, will ich eigentlich so wenig wie möglich mit dem Flugzeug reisen. Ich nehme den Bus von Berlin nach Gdansk und von dort aus den Zug nach Olsztyn. Von Warschau nach Moskau und von dort nach Jekaterinburg geht es ebenfalls mit dem Zug weiter. So sollte genügend Zeit für Besichtigungen und die Feldforschung vor Ort bleiben. Ich verbringe ungefähr je eine Woche in Olsztyn und in Jekaterinburg. Nur die Rückreise von Jekaterinburg nach Berlin werde ich dann im Flugzeug antreten.

Sie haben Ihre Reise vor ein paar Tagen begonnen. Welche Orte haben Sie bisher besichtigt, und wie waren Ihre ersten Eindrücke?

 

Bis jetzt bin ich in Gdansk und Olsztyn gewesen. Gdansk ist eine sehr schöne Stadt – besonders wenn man berücksichtigt, dass die Stadt nach der vollständigen Zerstörung im Zweiten Weltkrieg wieder aufgebaut wurde! Gdansk ist voll positiver Energie. Alle Menschen waren sehr höflich und freundlich zu mir. Es ist aber auch eine sehr touristische Stadt.

Auch in Olsztyn trifft man Touristen aus der ganzen Welt. Aber sobald man die Altstadt verlässt, merkt man, dass es doch mehr eine Arbeiterstadt ist. Die rege Hauptstadt einer Woiwodschaft mit den typischen Verwaltungsgebäuden und einer Universität. Wenn man weiter landeinwärts fährt und die Stadt und ihren Trubel zurücklässt, ist die Gegend auch in der Hauptsaison ziemlich ruhig. Die Region ist wirklich malerisch mit ihren wogenden Weizenfeldern, dunklen Wäldern und klaren Seen.

Sie werden Russland zum ersten Mal besuchen. Worauf sind Sie am meisten gespannt?

 

Oh je, da gibt es so vieles, dass meine Antwort ein paar Stunden dauern könnte! Ich habe vermutlich die gleichen Vorurteile wie die meisten Westler, die noch nie in Russland gewesen sind. Da wären die Moskauer Metro oder die endlosen Zugreisen, auf denen einem die Prowodniza [die Zugbegleiterin] Tee serviert. Und natürlich die alten Babuschkas, die auf dem Bahnsteig stehen und Essen verkaufen.

Ich möchte diese Vorurteile aber überprüfen. Dabei habe ich einen entscheidenden Vorteil: Ich habe bereits Treffen mit Einheimischen vereinbart, die mich herumführen werden. So zum Beispiel mit Ljuba Susljakowa, die den Blog AskUral.com betreibt und mit den Jungs des Internetmagazins Tesnota.

Ein großer Teil Ihres Projektes wird den Menschen gewidmet sein, die Sie bei Ihrer Reise kennenlernen werden. Welche Treffen haben bisher den größten Eindruck bei Ihnen hinterlassen?

Das war wahrscheinlich der Nachmittag, den ich hier in Olsztyn mit der

87-jährigen Gertrud Moritz verbracht habe. Sie war auch ein Opfer des Einmarsches der Roten Armee und verbrachte einige Zeit im gleichen Lager wie meine Großmutter. Mein erster Eindruck von ihr war der einer netten alten Oma. Aber in Wirklichkeit ist sie jemand, der sich nicht unterkriegen lässt. Mit fast 90 Jahren kocht sie immer noch für die gesamte Familie, sie hatte sogar extra anlässlich meines Besuchs Kuchen gebacken! Und sie hat mich dafür getadelt, dass ich zu spät kam… Aber am eindrucksvollsten war, dass sie offensichtlich keinen Hass aufgrund dessen verspürt, was sie durchmachen musste. Sie empfindet nur Dankbarkeit dafür, dass sie es aus den Lagern nach Hause geschafft hat.

Während Ihrer Reise schreiben Sie weiter an ihrem Blog, außerdem haben Sie eine Facebook-Seite und einen Twitter-Feed Ihrem Unterfangen gewidmet. Was für ein Feedback haben Sie auf diesem Wege bisher erhalten?

Nur positive Reaktionen, besonders von Leuten meines Alters. Ich war wirklich überrascht zu sehen, wie viele Menschen eine ähnliche Familiengeschichte haben und wie viele dieser Menschen ihre eigenen Forschungen aufgenommen haben. Das Gleiche trifft auch auf meine Reise zu: Ich habe nicht vor, die komplette Geschichte jener Zeit noch mal aufzuschreiben. Ich möchte lediglich mehr über meine Großmutter herausfinden und ihre Geschichte erzählen. Und wenn ich auf diesem Wege neue Länder entdecke, umso besser. 

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