Putin gegen NATO-Abzug aus Afghanistan

"NATO hat eine schwierige Aufgabe übernommen und sollte diese Verantwortung bis zum Schluss tragen," so Putin. Foto: ITAR-TASS

"NATO hat eine schwierige Aufgabe übernommen und sollte diese Verantwortung bis zum Schluss tragen," so Putin. Foto: ITAR-TASS

Der 1. August sollte in diesem Jahr zu einem denkwürdigen Datum für Russland und die NATO werden. Nicht nur die Ehrung einer Brigade der Luftlandetruppe in Uljanowsk durch den Besuch des russischen Präsidenten Wladimir Putin machte den Tag zu einem besonderen. Vor allem die Freigabe des russischen Luftraums für den Gütertransit der NATO nach Afghanistan kam überraschend. Bei seinem Besuch auf dem Hauptumschlagplatz der nordamerikanischen Allianz griff der russische Präsident das politisch umstrittene Thema auf und äußerte sich zu den Zielen Russlands bei der Unterstützung der NATO.

Die Öffnung des Bodenverkehrs und des Luftraums über Uljanowsk für den Güter-Transit aus Afghanistan und zurück wurde von harscher Kritik aus dem kommunistischen Lager begleitet. In Russland entstehe ein Militärstützpunkt der Allianz, kritisierten die Kommunisten und kündigten einen Hungerstreik an. Bislang wurden jedoch nicht ein einziger Soldat und auch kein militärisches Gerät am Flughafen Uljanowsk-Wostotschnij gesichtet.

Die Entscheidung wirft dennoch viele Fragen auf, insbesondere vonseiten politischer Beobachter vom alten Schlag, die das nordamerikanische Bündnis als außenpolitischen Erzfeind betrachten. Ein Veteran der Luftlandetruppe erbat vom Präsidenten Auskunft darüber, welchen Nutzen Russland die Öffnung seines Luftraums für den Transitverkehr der NATO bringen soll. „Die NATO war stets unser Feind“, empörte sich der Reserveoffizier, ein Veteran des sowjetischen Afghanistankriegs.

Putin entgegnete darauf, dass Russland an geordneten Verhältnissen in Afghanistan interessiert sei. Und für eben diese Ordnung setzten sich die NATO-Mitgliedsstaaten ein. „Man muss ihnen helfen“, erläuterte Putin mit einem Lächeln, „sollen sie dort festsitzen und sich bekriegen.“

Der Präsident räumte ein, dass die Einschätzungen und Herangehensweisen der NATO und Russlands hinsichtlich vieler anderer Fragen auseinandergingen. Das Verteidigungsbündnis sei in der historischen Phase der Blockkonfrontation gegründet worden. „Damals sah man die Sowjetunion und den Warschauer Vertrag als reale Bedrohungen an. Heute ist das Vergangenheit, aber die NATO existiert noch immer - ein Relikt aus der Vergangenheit“, so Putin.

Nach den Worten des Präsidenten unterstützt Russland die NATO bei der Abwicklung des Transits, um seine eigenen Soldaten nicht nach Afghanistan schicken zu müssen. Das Logistikzentrum für den Verkehr westlicher Güter in das Land sei auch im Interesse Russlands.

NATO soll Verantwortung bis zum Schluss tragen

 

„Es ist allerdings bedauerlich, dass die Akteure der Afghanistan-Operationen praktisch alle darüber nachdenken, wie sie ihren Rückzug einleiten können“, ergänzte Putin sichtlich verständnislos. „Dabei schaffen wir Güter nicht nur dorthin, sondern nehmen auch Sendungen entgegen.“ Offensichtlich möchte Putin den NATO-Einsatz in Afghanistan nicht unvollendet sehen. „Sie haben eine schwierige Aufgabe übernommen und sollten diese Verantwortung bis zum Schluss tragen“, so seine Position.

Der Umschlagplatz in Uljanowsk, über den die NATO entsprechend der Vereinbarung mit Russland ihre Lieferungen nach Afghanistan abfertigen wird, sollte russischen Diplomaten zufolge am 1. August freigegeben werden.

Der Flughafen Uljanowsk-Wostotschnij, an dem die Militärtechnik auch verzollt werden wird, bietet zahlreiche Vorteile. So verfügt er über eine verhältnismäßig lange, für große Transportflugzeuge geeignete Landebahn und das Eisenbahnnetz bietet gute Zufahrtsmöglichkeiten. Für sich spricht auch die bislang nur geringe Auslastung des Flughafens.  

An den Afghanistan-Operationen beteiligt sich ein internationales

Kontingent der sogenannten Anti-Terror-Koalition. Militärischer Hauptakteur sind die Streitkräfte der Vereinigten Staaten, aber auch unter dem Kommando der NATO stehende ISAF-Truppen sind im Land stationiert. Die wichtigsten Aufgaben beider Kontingente sind das Aufspüren und die Eliminierung von Kämpfern der afghanischen Taliban-Bewegung und der internationalen Terrororganisation al-Qaida.

Der endgültige Abzug eines Großteils der ausländischen Truppen aus Afghanistan ist für Ende 2014 geplant. Nach dem Abzug der NATO-Truppen und der Partner der Allianz sollen über 300 000 afghanische Soldaten und Einsatzkräfte der Polizei für Sicherheit im Land sorgen. Für die Aufrechterhaltung und Ausrüstung dieser Strukturen plant die NATO ein Budget von jährlich 4,1 Milliarden US-Dollar ein.

Der Artikel wurde anhand von Materialien der Zeitungen Iswestija, Wsgljad und der Nachrichtenagentur RIA-Novosti verfasst. 

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