„Eine sehr große Gefahr“

Jewgeni Primakow ist der ehemalige russische Diplomat, Orientalist und Experte in arabischen Ländern. Foto: RG

Jewgeni Primakow ist der ehemalige russische Diplomat, Orientalist und Experte in arabischen Ländern. Foto: RG

Der Ausgang der Konfrontationen zwischen gemäßigten und den radikalen Islamisten wird nicht nur entscheidend sein für die Zukunft des Nahen Ostens, sondern sich auf die ganze Welt auswirken. So äußerte sich der Ex-Ministerpräsident der Russischen Föderation und Kenner der arabischen Welt Jewgeni Primakow in einem Interview zur Lage im Nahen Osten.

Allem Anschein nach spitzt sich die Lage sich in Syrien immer weiter zu. In der Hauptstadt Damaskus gibt es erste Anzeichen von Panik, vor drei oder vier Monaten war das noch nicht der Fall. Wie schätzen Sie die Situation ein?

Primakow: In Syrien ist ein regelrechter Bürgerkrieg im Gange, und zwar unter Beteiligung äußerer Kräfte. Zusammen mit den Syrern kämpfen Söldner und Freiwillige aus anderen Ländern gegen das Regime. Und nun hat sogar Präsident Obama der CIA den direkten Befehl gegeben, die syrische Opposition zu unterstützen.

Das ist eine grobe Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines souveränen Staates, von dem in keiner Weise eine Bedrohung ausgeht – weder für die USA, noch für ein anderes Land. Dennoch finanzieren Saudi-Arabien und Katar die Widerstandskämpfer und auch die Türkei leistet aktive Unterstützung.

Momentan gehen die Meinungen darüber auseinander, was nach einem Sturz des Regimes von Bashar al-Assad passieren könnte. Würde das Land zerfallen? Würden die Anhänger des jetzigen Präsidenten terrorisiert werden?

Wenn der bewaffneten Opposition der Sturz Assads gelänge, dann würde man in Damaskus versuchen, das sunnitische Regime zu manifestieren. Dies würde automatisch eine Hexenjagd auf die Aleviten auslösen, die einen nicht geringen Teil der Bevölkerung stellen. Es käme nicht nur zu Repressionen gegenüber den Aktivisten der regierenden Baath-Partei, wie einige meinen. Stattdessen würden auch all jene unterdrückt, die die religiösen Überzeugungen der Oppositionellen nicht teilen.

Der Krieg in Syrien wird als Fortsetzung des Arabischen Frühlings angesehen. Kamen die Revolutionen für Sie als Kenner der Arabischen Welt unerwartet?

Ja, das war eine absolute Überraschung. Und zwar nicht nur für mich, sondern für alle. Für die Amerikaner, für die Europäer, sogar für die Araber selbst... In diesen Ländern waren Proteste gegen das autoritäre Regime bisher undenkbar. Eine Umwälzung in einem einzelnen Land wäre vielleicht noch zu erwarten gewesen. Aber dass eine Welle die gesamte Region überrollt, das hat niemand vorausgesehen.

Viele hätten es nicht für möglich gehalten, dass die radikalen Islamisten so erfolgreich sein würden. Sie übernahmen die Kommandohöhen in Tunesien und Ägypten, offensichtlich auf demokratischem Wege. Ist die Radikalisierung einer so großen und strategisch wichtigen Region kein Grund zur Beunruhigung?

Es wäre aus meiner Sicht nicht ganz richtig zu behaupten, dass das entscheidende Ergebnis dieser Revolutionen die Festigung der radikal islamistischen Position ist. Die ägyptische Muslimbruderschaft ist eine eher gemäßigte Organisation. Ihre syrischen Brüder sind jedoch um einiges radikaler.

In Ägypten sollte jetzt das Augenmerk darauf gerichtet werden, wie sich die Beziehung zwischen der Muslimbruderschaft und den radikalen Salafisten gestaltet. Die Freiheits- und Gerechtigkeitspartei hätte im

Parlament fünfzig Sitze, wäre dieses nicht auf Beschluss des Verfassungsgerichts über die Annullierung des Wahlergebnisses aufgelöst worden. Die Partei des Lichts hatte fast dreißig Prozent erreicht. Der neue ägyptische Präsident Mohammed Mursi hat seinen Austritt aus der Muslimbruderschaft erklärt und versprochen, ein „Vater für alle Ägypter“ zu sein. Seine bisherigen Erklärungen und sein Vorgehen in der Außen- und Innenpolitik lassen darauf hoffen, dass Ägypten ein säkularer Staat bleibt. Die Salafisten setzen sich dagegen vehement für eine staatliche Ordnung ein, die sich auf den Gesetzen der Scharia gründen soll.

Die Taliban in Afghanistan, die Salafisten in Ägypten, die Wahhabiten im Nordkaukasus – worin sehen Sie die Ursachen für die wachsende Popularität extrem islamischer Strömungen?

Die islamische Welt ist nicht homogen. Da gibt es diejenigen, die einen gemäßigten Islam vertreten, und es gibt die Radikalen. Vieles wird natürlich davon abhängen, wie sich die Konfrontation zwischen den Vertretern dieser Strömungen gestaltet. Und das Ergebnis wird sich nicht nur auf die Zukunft des Nahen und Mittleren Ostens auswirken, sondern auf die ganze Welt.

Wie stehen Sie zu dem Vorwurf eines amerikanischen Einflusses bei den Revolutionen des Arabischen Frühlings?

Das ist vollkommen lächerlich. Die Amerikaner waren für Mubarak – und

wir übrigens auch. Man sollte die Amerikaner nicht dämonisieren. Wenn man ihnen etwas vorwerfen kann, so ist es ihr Unvermögen, die Situation richtig einzuschätzen. Als es zu den Umwälzungen in Ägypten kam, trafen sich alle US-Botschafter aus den arabischen Ländern in Washington und wurden von Hillary Clinton aufs Schärfste kritisiert: „Ihr habt eure Berichte aus dem Botschaftsgebäude heraus verfasst, ohne auch nur einmal auf die Straße zu gehen. Eure Reporte sind das Eine, die Wirklichkeit dagegen etwas ganz Anderes.“

Welche weiteren Perspektiven sehen Sie für die Revolutionen in der Region?

Ich denke nicht, dass es in der nächsten Zeit weitere Revolutionswellen geben wird.

Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass Israel mit oder auch ohne Unterstützung der USA einen Schlag gegen das Atomprogramm des Irans führen wird?

Die USA haben kein Interesse daran, dass so etwas vor den Präsidentschaftswahlen passiert und halten Israel zurück. Dabei muss aber berücksichtigt werden, dass sowohl in der israelischen Führung als auch in der Regierung der USA verschiedene Kräfte und Positionen existieren. Zurzeit lässt sich nur schwer sagen, wer die Oberhand gewinnen wird.

Die Möglichkeit eines solchen Schlags existiert also? Und somit auch eine Gefahr für die gesamte Region?

Eine sehr große Gefahr. Die Auswirkungen eines Luftschlags – von einem Einsatz der Bodentruppen ist nicht die Rede – könnten sich dabei aber als minimal erweisen. Nach zwei Jahren würde sich der Iran vollständig von einem solchen Schlag erholt haben, demonstrativ aus dem Atomwaffensperrvertrag aussteigen und seine eigenen Atomwaffen herstellen.

Gekürzte Fassung. Das vollständige Interview ist nachzulesen auf: http://www.rg.ru/2012/08/08/vostok.html

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