So fremd in der Heimat

Was unterscheidet russlanddeutsche Aussiedler von den Vertriebenen, die nach dem Krieg in die Bundesrepublik kamen? Anders als Schlesier oder Sudetendeutsche haben Russlanddeutsche zwei Identitäten.

Sie sind Russen und Deutsche, je nachdem, von welchem Standpunkt aus betrachtet. Die Vertriebenen der Nachkriegszeit hingegen wurden in der Bundesrepublik als Deutsche zumindest akzeptiert, auch wenn sie seltsame Dialekte sprachen und nicht selten slawische Familiennamen hatten.

Wie die Türken dagegen haben sich Emigranten aus Russland ihre eigene Infrastruktur geschaffen, mit Zeitungen, Geschäften und Kneipen. „Wozu brauchen die das?“, fragen die Alteingesessenen. „Die wollten doch zu uns, weil sie angeblich als Deutsche unter Deutschen leben wollten.“ Die Meinungen über die Aussiedler gehen auseinander: Nette Leute und fleißige Arbeiter, die sich leicht in unsere Gesellschaft einfügen, meinen einige. Nicht integrationsfähig, kriminell und gewalttätig, sagt die Mehrheit. Besonders missfällt, dass so mancher erst sein Deutschtum unterstreicht, um ins gelobte Land zu gelangen, dort angekommen aber den Russen raushängen lässt und der neuen Heimat mit Ablehnung begegnet.

Das kommt nicht von ungefähr. Die Identität der Russlanddeutschen hat eine Achterbahnfahrt hinter sich. In der Sowjetunion mit dem Makel des Verräters behaftet, standen sie unter dem Druck, besonders gute Sowjetbürger zu sein. Wer emigrieren wollte, musste sich dann aber wieder als „richtiger“ Deutscher beweisen. Endlich angekommen, gelten sie nun wieder als Russen, die sich mit zweifelhaften Abstammungsnachweisen einschleichen. Manche treibt dieser Schock dazu an, sich zu assimilieren, hart zu arbeiten. Andere besinnen sich auf ihre russischen Wurzeln. Sie kapseln sich ab, ergehen sich in Selbstmitleid.

Deutschland braucht heute gute Fachkräfte. Wir sollten darum Zuwanderern die Chance geben, sich zu beweisen, anstatt sie mit bürokratischen Schikanen und bohrenden Fragen nach ihrer Identität in die Isolation zu treiben. Zu einer gelungenen Integration gehören zwei, die sich bemühen. Auch die Deutschen sind in diesem Prozess gefragt.

Der Autor ist Experte für russisch-deutsche Spiegelungen.

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