Russlands und Polens Kirchen: Versöhnung in Warschau

Der russisch-orthodoxe Patriarch Kirill bei seiner Ankunft am Warschauer Flughafen. Foto: ITAR-TASS

Der russisch-orthodoxe Patriarch Kirill bei seiner Ankunft am Warschauer Flughafen. Foto: ITAR-TASS

Freitag unterzeichnen die Häupter der russisch-orthodoxen und der polnischen Kirche in Warschau eine Versöhnungserklärung, um das historisch bedingt schwierige Verhältnis zwischen den Völkern zu bessern.

Als erster russischer Patriarch in der Geschichte reist Kyrill I. ins katholische Polen. Im Warschauer Königsschloss soll am 17. August ein „Aufruf an die polnischen und russischen Gläubigen“ verkündet werden, dessen genauer Inhalt erst kurz vor der Unterzeichnung bekanntgegeben wird. Die Ausarbeitung des Papiers nahm zwei Jahre in Anspruch, obwohl die Verabschiedung eigentlich bereits für den Herbst 2010 anvisiert worden war.

Hochrangige Vertreter beider Kirchen betonen immer wieder, Politik habe keinen Platz in dem Dokument. Es ginge vielmehr um „Versöhnung zwischen den Völkern und Kirchen beider Länder“ und um „Vergebung des sich gegenseitig zugefügten Leides in der Geschichte“ sowie um die Besinnung auf christliche Werte in Europa, hatte der Lubliner Erzbischof Stanislaw Budzik unlängst in einem Interview für die Katholische Presseagentur Österreichs „Kathpress“ erklärt. 

Aber die Politik ist aus dieser „Gemeinsamen Botschaft“ nicht herauszuhalten, zu schwer wiegt die historische Last, und das nicht erst seit dem Zweiten Weltkrieg. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts, in der moskowitischen „Zeit der Wirren“, hatten polnisch-litauische Interventen den „falschen Dmitri“ zeitweise auf den Moskauer Thron gesetzt. 

Die drei „Polnischen Teilungen“ im 18. Jahrhundert zwischen Russland, Österreich und Preußen sind ein weiteres schlimmes Kapitel in der gemeinsamen Geschichte. In die Folgezeit fielen zwei von den Zaren grausam niedergeschlagene polnische Aufstände 1831 und 1862.

Die Russen können Polen bis heute nicht den Tod von tausenden Kriegsgefangenen im polnisch-sowjetischen Krieg Anfang der 1920er Jahre verzeihen. Gläubige stellen der katholischen Kirche die Schließung und Konfiszierung von orthodoxen Kirchen in Polen zwischen den Weltkriegen in Rechnung. 

In neuester Zeit fühlt sich die russisch-orthodoxe Kirche durch den ihrer Meinung nach „zu aggressiven Missionseifer“ der katholischen Kirche in Russland angegriffen. Mission im Russland empfindet sie als ureigenes Monopol. Viele Polen erinnern sich bis heute mit Zorn an das nach dem Zweiten Weltkrieg von der Sowjetunion aufgezwungene kommunistische System.

Der größte Stein des Anstoßes ist und bleibt aber die Hinrichtung tausender polnischer Kriegsgefangener 1940 in Katyn durch sowjetische NKWD-Truppen (NKWD - das Volkskommissariat für innere Angelegenheiten). Die Sowjetunion hatte sich jahrzehntelang verweigert, die Schuld dafür anzuerkennen, und die Hitlertruppen dafür verantwortlich gemacht. Erst Michail Gorbatschow hatte 1990 im Zuge der Perestroika ein Geständnis im Namen des russischen Staates abgelegt.

Annäherung durch Flugzeugkatastrophe unterbrochen

Mit Katyn hatte 2009 dann aber auch eine Wiederannäherung der beiden Länder begonnen, als der damalige russische Ministerpräsident Wladimir Putin anlässlich eines Besuches zum 60. Jahrestag des Weltkriegsbeginns in Gdansk seinem polnischen Amtskollegen Donald Tusk eine Einladung zu einer Gedenkfeier im April 2010 in Katyn ausgesprochen hatte.
 

Auf dem Weg dorthin passierte eine unfassbare Katastrophe – das Flugzeug mit dem polnischen Präsidenten Lech Kaczynski und hochrangigen öffentlichen Persönlichkeiten an Bord stürzte bei Smolensk ab; alle Insassen kamen ums Leben. 
 

Konservative Politiker in Polen vermuten bis heute eine „russische Verschwörung“ hinter dem Unglück. Sie stellen sich denn auch gegen die Versöhnungserklärung der beiden Kirchen.

Katyn als „furchtbares Symbol“

Das wird den jetzt angestrengten Versuch der Aussöhnung aber nicht zum Scheitern bringen. Patriarch Kyrill hatte im Vorfeld seiner historischen Visite bereits am 15. Juli am Gedenkfeld von Katyn eine orthodoxe Kirche geweiht. 
 

Dabei hatte er den Ort des Massakers von 1940 als ein „furchtbares Symbol einer gemeinsamen Tragödie“ bezeichnet. Man solle „sich gegenseitig die Hände reichen wie Brüdern und Schwestern“ und „eine neue Epoche in den Beziehungen beider Länder beginnen“, so Kyrill.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei Russland Aktuell.

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