Deutsche Autobauer drängen nach Russland

Die Daimler AG will künftig mehr in Russland investieren. Foto: AFP_Eastnews

Die Daimler AG will künftig mehr in Russland investieren. Foto: AFP_Eastnews

Ab 2013 will Daimler mehr als 100 Millionen Euro in den russischen Automobilmarkt investieren. In Nischnij Nowgorod will das Stuttgarter Unternehmen in Kooperation mit dem Unternehmen GAZ Transporter der Marke "Sprinter" produzieren. GAZ ist der größte russische Nutzfahrzeughersteller. Er kooperiert nicht nur mit Daimler und Volkswagen, sondern ist auch offen für weitere internationale Partner.

Auf dem Internationalen Wirtschaftsforum in St. Petersburg Ende Juni 2012 verkündeten die schwäbische Daimler AG und die russische GAZ Group, dass sie künftig einen Mercedes „Made in Russia“ produzieren wollen. Es ist geplant, dass in Russland ab 2013 Transporter vom Typ "Mercedes-Benz Sprinter" vom Band laufen. Jedes Jahr sollen es bis zu 25.000 Stück sein. Das Investitionsvolumen der Deutschen umfasst mehr als 100 Millionen Euro. Bernd Weber, Daimlers Pressesprecher, erklärt: „Russland hat einen großen Bedarf an Transportern, der weiter wachsen wird. Mit unserem schnellen Sprinter sind wir gut positioniert, und wir werden damit Erfolg haben.“ Daimler rechnet mit Wachstumsraten von acht bis zehn Prozent pro Jahr. Der Absatz, so rechnet sich der Konzern aus, könnte sich in Russland bis 2020 verdoppeln.

Die Ausgangslage könnte besser nicht sein: Im Rahmen der weltweiten Finanzkrise hat der russische Automobilmarkt 2009 knapp 50 Prozent seines Absatzes eingebüßt und stand kurz vor dem Zusammenbruch. Inzwischen hat sich der Markt wieder erholt und wird von Experten als einer der aussichtsreichsten der Welt beschrieben. Analysten der Boston Consulting Group gehen von einem jährlichen Wachstum zwischen acht und 14 Prozent aus, was der Erwartung von Daimler sehr nahe kommt. Dieses Potential lockt vor allem deutsche Autobauer, die schon lange in Russland Fuß fassen wollen.

 

Offen für internationale Kooperationen

 

Internationale Autokonzerne rennen bei den russischen Automobilherstellern wie dem Lada-Hersteller AvtoVAZ, bei UAZ mit

seiner Vertriebsorganisation Sollers, SIL oder GAZ offene Türen ein. Schließlich suchen die händeringend Geld für die notwendige Modernisierung ihrer Betriebe, für neue Anlagen sowie für die Technologieentwicklung. Vor allem das ist bitter nötig, denn derzeit fehlen den russischen Autobauern vor allem Know-how und effiziente Betriebsabläufe. Trotz ihres hohen Marktanteils in Russland und den GUS-Staaten sind die Fahrzeuge weder technisch noch wirtschaftlich konkurrenzfähig. Damit der Anschluss an den globalen Wettbewerb gelingt, ist die Suche nach internationalen Partnern unerlässlich. Der russische Lkw-Hersteller Kamaz konnte sich 2008 bereits Daimler angeln. In diesem Jahr hat der deutsche Konzern angekündigt, im Kamaz-Produktionswerk in Tschelny im Südwesten des Landes Fahrerhäuser zu montieren. Daimler ist inzwischen sogar mit 15 Prozent am russischen Unternehmen Kamaz beteiligt.

Soweit geht der deutsche Autobauer bei GAZ nicht. GAZ gilt als der größte russische Automobilkonzern und gehört dem Oligarchen Oleg Deripaska. Deripaska dürfte sich derzeit zufrieden in seinem Chefsessel zurücklehnen. Schließlich will nicht nur Daimler kooperieren. Auch Volkswagen klopft bei ihm an. Die Wolfsburger wollen Produktionskapazitäten in Nischnij Nowgorod nutzen. VW hat bereits ein Fertigungswerk in Kaluga, 190 Kilometer von Moskau entfernt. Aber das platzt offenbar aus allen Nähten. Im Autowerk von GAZ könnten, wenn es nach VW ginge, jährlich mehr als 100.000 Fahrzeuge der Marken Skoda und VW produziert werden. Auf dieser Grundlage könnte sich allein die Zahl der Skoda-Händler in Russland in den nächsten Jahren mehr als verdoppeln.

Auch der deutsche Lkw-Hersteller MAN ist in Russland aktiv: 2011 hat der Konzern mehr als 7.600 Lkw und 220 Busse verkauft. Außerdem

lieferte MAN rund 2.000 Motoren für Stadtbusse in Moskau und St. Petersburg. Auch Wladiwostok orderte vier Dutzend Busse. Denn in der Stadt im Fernen Osten findet in diesem Jahr das asiatisch-pazifische Wirtschaftsforum (APEC) statt. Und auch sonst mangelt es nicht an Großereignissen, die einen erhöhten Busbedarf mit sich bringen. So sei nur auf die Leichtathletik-WM 2013 in Moskau, die Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi und die Fußball-WM 2018 verwiesen.

Italiener investieren 850, die Amerikaner 800 Millionen Euro

 

Außer den Deutschen entdecken immer mehr ausländische Autobauern den russischen Automobilmarkt für sich. Fiat will künftig mit der russischen Staatsbank „Sberbank“ zusammenarbeiten und plant auf Grundlage der Verflechtung mit dem amerikanischen Chrysler-Konzern den Bau von Jeeps. Das Investitionsvolumen soll sich auf 850 Millionen Euro belaufen. Für Nissan ist Russland bereits der größte europäische Markt. Im vergangenen Jahr verkaufte der japanische Autokonzern mehr als 60.000 Fahrzeuge. Das ist ein Absatzplus von beeindruckenden 70 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Die Bedingungen für Investoren sind derzeit sehr günstig: Mit 4,3 Prozent erreicht die Inflation den niedrigsten Stand seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Der Staat lockt zudem mit Investitionszulagen und erhebt ordentliche Einfuhrzölle auf neue und gebrauchte Autos. So ist es vielfach günstiger, direkt vor Ort zu produzieren. Die ersten ausländischen Unternehmen, die diesen Schritt gegangen sind, waren Ford, General Motors, Hyundai und Renault. Nach Einschätzung von GM-Konzernchef Dan Akerson sei Russland einer der am schnellsten wachsenden Automärkte der Welt. In den nächsten fünf Jahren will der US-Konzern insgesamt 800 Millionen Euro in Russland investieren und damit rund 1.500 Arbeitsplätze schaffen.

Das Engagement von Daimler bleibt da überschaubar. Das ist Absicht. Man wolle sich die Entwicklung anschauen und dann weiter entscheiden. Zuviel stünde auf dem Spiel, so die Daimler-Manager. Schließlich habe man bei Mercedes-Benz einen hohen Qualitätsanspruch, den es zu bewahren gälte, auch und vor allem in Russland. Deshalb werden die GAZ-Mitarbeiter in den nächsten Monaten in den deutschen Mercedes-Werken in Stuttgart, Düsseldorf und Ludwigsfelde geschult. Die Sprinter, die in Nischnij Nowgorod produziert werden, sind allein für den russischen Binnenmarkt vorgesehen, denn sie können in Russland noch mit dem preislich günstigen Motor mit Abgaswerten der Euro-4-Norm ausgerüstet werden. 2014 tritt in Westeuropa nämlich Euro-6 in Kraft, was mit höheren Produktionskosten verbunden ist, die letztendlich auch der Endkunde bezahlen muss.

Spritverbrauch und Umweltschutz sind in Russland noch nicht die heißen Themen, an denen sich Verbraucherschützer und Industrie im Westen reiben. Aufgrund seines Ressourcenreichtums und der Weite des Landes kann Russland auf diese Diskussion verzichten. Das ist wahrscheinlich auch einer der Gründe, warum der gute alte "Lada" immer noch die mit Abstand am meisten verkaufte Marke in Russland ist.

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