Wer bleibt noch in Russland?

Kopf hoch, russische Wissenschaft, heißt es auf dem Plakat einer demonstrierenden Wissenschaftlerin. Die Forschung ist in Russland unterfinanziert. Foto: RIAN

Kopf hoch, russische Wissenschaft, heißt es auf dem Plakat einer demonstrierenden Wissenschaftlerin. Die Forschung ist in Russland unterfinanziert. Foto: RIAN

Es scheint, als habe sich die Situation in Russland entspannt: Größere Proteste bleiben aus und international ziehen andere Themen Aufmerksamkeit auf sich. Doch Korruption und vergleichsweise niedrige Lebensstandards sorgen dafür, dass die Abwanderung von Fachkräften auch in wirtschaftlich relativ stabilen Zeiten anhält.

Nach Meinung von Wladislaw Surkow, dem früheren Chefideologen des Kremls und einem der führenden Köpfe des Innovationszentrums Skolkowo, ist die Fachkräfteabwanderung in Russland eher eine temporäre Erscheinung. „Eine Abwanderung von Fachkräften ist nur in einem geschlossenen System möglich“, erklärte er kürzlich gegenüber The Moscow News. „Aus diesem Grund glaube ich, dass das Problem bald von selbst verschwinden wird.“

Doch Fakt ist: Zahlreiche junge Russen denken darüber nach, das Land zu verlassen oder haben dies bereits getan. Besonders qualifizierte Fachkräfte aus den Bereichen Wissenschaft und IT sind im Ausland gefragt. Einem Bericht der Zeitung Kommersant zufolge leiden russische Wissenschaftler unter den Anti-Korruptionsgesetzen, die zu Engpässen und einem Mangel an finanziellen Mitteln führen. Derzeit arbeiten nach Angaben des Ministeriums für Bildung und Wissenschaft rund 25 000 russische Wissenschaftler im Ausland.

Diese Zahl ist jedoch nur eine vorsichtige Schätzung. Der russischsprachige Akademische Wissenschaftsverband rechnet mit annähernd 100 000 und Sergej Stepaschin, der Leiter der russischen Rechnungskammer, erklärte im vergangen Jahr, dass insgesamt 1,25 Millionen russische Fachkräfte im Ausland arbeiteten.

Im Frühling dieses Jahres bestätigte Konstantin Romodanowsky, der Leiter des Föderalen Migrationsdienstes, dass 2011 weitere 70 000 Russen das Land verlassen hätten. Allerdings sei schwer einzuschätzen, wie viele für immer auswanderten, denn nur wenige von ihnen geben ihre Staatsbürgerschaft auf.

Ineffizient und korrupt

Viele junge Menschen haben gehofft, dass Russland sich unter der Regierung des ehemaligen Präsidenten Dimitri Medwedew verändern würde. Doch nun, da Wladimir Putin für eine dritte Amtszeit wieder in den Kreml gezogen ist, packen viele ihre Koffer.

Ähnlich ging es auch Pavel. Anfang der 80er Jahre wurde er in der

verschmutzten Bergarbeiterstadt Norilsk geboren, die er als „grässlichsten Ort auf Erden“ bezeichnet. Nach dem Schulabschluss zog er nach Sankt Petersburg und bekam dort später eine Stelle bei Microsoft. Doch im März dieses Jahres packten Pavel und seine Frau Mascha ihre Koffer um Russland zu verlassen.

Pavel arbeitet nun als Senior-Softwareentwickler bei Microsoft in Vancouver und plant, im Oktober in die Niederlassung in Seattle zu wechseln. Er hofft, auch seine Eltern in die Vereinigten Staaten holen zu können, wenn er und seine Ehefrau sich eingelebt haben. In Pavels Büro in Vancouver warten mehrere Dutzend Angestellte auf Arbeitsvisa für die USA, die Hälfte von ihnen kommt aus Russland und der Ukraine.

„Ich glaube einfach nicht, dass mein Leben in Russland gut sein könnte“, schrieb Pavel in seinem Blog, den er vor drei Jahren begann, um die Öffentlichkeit auf Beispiele von Korruption aufmerksam zu machen. Er hofft, dass seine Entscheidung „vielleicht irgendjemandem die Augen öffnen und so in 20 Jahren zu einem positiven Wandel führen“ kann.

„Du kannst es dir in Russland als Programmierer eigentlich recht gut gehen lassen, man verdient überall ziemlich gut. Doch es gibt Dinge, die du nicht ändern kannst“, erklärte Pavel gegenüber The Moscow News. „Du kannst dir zu Hause eine perfekte Welt erschaffen. Aber es gibt nichts, was du für gute Straßen oder eine kürzere Wartezeit auf einen Kindergartenplatz tun kannst.“

Pavel ist der Ansicht, Russlands größte Probleme seien die Ineffizienz des Gesundheitssystems und der öffentlichen Dienstleistungen, sowie die zügellose Korruption.

„In Vancouver braucht ein Notarzt drei Minuten bis zum Einsatzort“, schätzt Pavel. „In Russland kannst du auch mal 40 Minuten warten. Wenn dein Zustand ernst ist, stirbst du in der Zwischenzeit.“

In seinem Blog berichtet Pavel über Korruption an einer Medizinischen Akademie, deren Studenten häufig bevorzugt Stellen in einem bestimmten Sankt Petersburger Krankenhaus bekommen. Das Krankenhaus, in dem seine Großmutter starb. „Ich habe gelesen, was die Studenten in sozialen Netzwerken schreiben“, erzählte er. „Welche Professoren Schmiergelder annehmen und was ein bestandenes Examen kostet.“

Enttäuschte Hoffnungen

Mit den Protesten für faire Wahlen schien es im Dezember einen Hoffnungsschimmer zu geben. Doch die Wahlbeteiligung sank und mit ihr schwand auch die Hoffnung.

„Ich dachte, Millionen Menschen wie ich könnten die Situation zum Besseren ändern. Doch wir sind zu wenige.“ Pavel ist überzeugt, dass die Regierung die Schrauben weiter anziehen wird und dass Oppositionsführer ins Gefängnis kommen werden – insbesondere der Blogger Alexej Nawalny, der Kreuzritter im Kampf gegen die Korruption.

Auf einem Kongress der Partei Einiges Russland kündigte Medwedew im vergangenen Jahr an, er werde sich nicht mehr um das Präsidentenamt bewerben. Dies war der Tropfen, der das Fass für Pavel zum Überlaufen brachte. Und er begann, nach einer Arbeitsstelle im Ausland zu suchen.

„Ich kann mir nichts vorstellen, das mich zur Rückkehr bewegen könnte“, meint Pavel. „In Russland kommen für mich sowieso nur zwei Orte infrage: Moskau und Sankt Petersburg. Doch aufgrund des Verkehrs, der Wohnverhältnisse und der Umweltprobleme möchte ich dort nicht leben, wenn ich die Wahl habe.“

Dieser Beitrag erschien zuerst in der Zeitung The Moscow News.

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