Lecks an russischen Erdölleitungen

Erdölförderung im Kaspischen Meer. Foto: Michail Mordassow

Erdölförderung im Kaspischen Meer. Foto: Michail Mordassow

Nach Einschätzung des Ministeriums für wirtschaftliche Entwicklung gehen in Russland pro Jahr zwischen 17 und 20 Millionen Tonnen Erdöl durch undichte Rohre verloren. Das sind etwa vier Prozent des in Russland geförderten Öls.

Die Explosion der Bohrinsel Deepwater Horizon im Jahr 2010 wurde zum größten ökologischen Desaster in der Geschichte der USA. Wochenlang war die Katastrophe aufgrund ihres Ausmaßes und ihrer verheerenden Auswirkungen in den Schlagzeilen. Doch während Ereignisse wie diese weltweite Aufmerksamkeit erregen, schlüpfen zahlreiche kleinere Pannen häufig durch die Maschen der internationalen Presseagenturen.

Mindestens fünf Millionen Tonnen Rohöl lassen die Mineralölunternehmen jährlich in den Erdölfördergebieten Russlands entweichen, berichtete Greenpeace Anfang August. Fast sechsmal so viel wie 2010 in den Golf von Mexiko floss. Nach Einschätzung des Ministeriums für wirtschaftliche Entwicklung gehen pro Jahr sogar zwischen 17 und 20 Millionen Tonnen verloren. Das sind etwa vier Prozent des in Russland geförderten Öls.  Verlässliche Angaben sind schwer zu bekommen. Das Beratungsunternehmen Expert Group schätzt die Verluste zum Beispiel auf lediglich vier Millionen Tonnen.

„Niemand kann Auskunft zu den realen Zahlen geben, seitdem wir nur noch eingeschränkt Zugang zu den Information haben“, beschwert sich Alexej Knischnikow, Umweltkoordinator für Erdöl und Erdgas beim World Wildlife Fund for Nature (WWF) in einem Interview mit der Zeitschrift Moscow News. „Aber es hat bei der Überwachung auch Fortschritte gegeben, seitdem wir vor mehreren Jahren mit der Verwendung von Satteliten begonnen haben.“

Im Sommer dieses Jahres besuchten Umweltexperten die Republik Komi im Norden des europäischen Russlands, ein wichtiges Gebiet für die Erdölförderung. Hier wollten sie das Ausmaß des Schadens feststellen, der durch das Versickern von Erdöl verursacht worden ist. Nachdem im Jahr 1994 über 100 000 Tonnen Rohöl in die Tundra ausgelaufen waren und die Flüsse Kolwa und Petschora verschmutzt hatten, wurden in der Republik Komi bessere Überwachungsmechanismen etabliert.

„Für gewöhnlich veröffentlichen die Unternehmen die Zahl der

Ölkatastrophen. Aber sie geben zu niedrige Werte dafür an, wie viel Erdöl dabei entwichen ist“, kritisiert Knischnikow. Die Rosneft AG förderte 122,5 Millionen Tonnen Erdöl im Jahr 2011 und ist damit Russlands größter Erdölproduzent. Im Bericht des letzten Jahres findet sich zwar die Zahl der Pipeline-Brüche der letzten drei Jahre, doch statistische Angaben zur Menge des entwichenen Öls und der Größe des verseuchten Gebietes fehlen.

Wladimir Semakow ist Pressesprecher bei der Lukoil AG, die im letzten Jahr 85 Millionen Tonnen Öl gefördert hat. Gegenüber den The Moscow News gab er zu, dass die Gesellschaft  22,6 Tonnen Erdöl im Jahre 2011 und 13,5 Tonnen im Jahre 2010 versickern ließ. Dafür war ein Strafgeld in Höhe von 12,5 Millionen Rubel (ca. 310 000 Euro) beziehungsweise 34 Millionen Rubel (ca. 800 000 Euro) zu zahlen. Rosneft berichtete von 1 066 Tonnen Erdöl, die im Jahre 2011 ausliefen.

Niemand fühlt sich verantwortlich

Zwanzig Jahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion machen die Ölfirmen vor allem die marode Infrastruktur aus damaligen Zeiten für die Probleme verantwortlich. Im Jahr 2010 berichtete das Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung, dass Ölkatastrophen meist infolge von Zwischenfällen an den Feldleitungen und an den Magistralen aufträten.

Letzteres bestätigt Wladimir Semakow von Lukoil. Probleme gäbe es vor allem während des Transports, der außerhalb der Kontrolle der Erdölförderer liege. Dagegen meint Igor Djomin, Pressesprecher des russischen Pipeline-Monopolisten Transneft, dass sich Ölkatastrophen in erster Linie an den Feldrohrleitungen ereigneten. Und für die wiederum sind die Fördergesellschaften verantwortlich.

„Die Lecks in unseren Pipelines kommen meist durch illegales Anzapfen der Rohrleitungen zustande“, so Djomin. „Das kommt jedoch nur selten vor und wird auch sofort bemerkt. Bei einem Leck wird der Durchfluss unterbrochen, was natürlich die Erdöl-Termingeschäfte beeinflusst.“

Jahr für Jahr führt das austretende Öl zu einer immer stärkeren Verschmutzung der Landschaft. Davon sind mehr als 250 000 Angehörige indigener Völker des russischen Nordens, Sibiriens und des Fernen Ostens betroffen. Sie leben traditionell von der Jagd und der Fischerei, doch die Rentiere müssen mit jedem Jahr weiter in den Süden auf unverseuchte Weiden getrieben werden. Massenweise treiben Fische nun leblos und mit dem Bauch nach oben die Flüsse hinab. Am schlimmsten ist die Verschmutzung jedoch im Frühjahr, wenn das Erdöl zusammen mit dem schmelzenden Schnee in die Gewässer gespült wird.

„Das Öl ist überall: im Wasser, in der Luft und sogar im Essen“, berichten Ortsansässige gegenüber Greenpeace. „Es stinkt nach Öl!“

 

Epizentrum Sibieren

 

Knapp 70 Prozent der Ölkatastrophen werden in den autonomen

Bezirken Chanty-Mansijsk und Jamal-Nenzen in Sibirien verzeichnet, wo ungefähr 60 Prozent des russischen Erdöls gefördert werden. Nach Einschätzung von Greenpeace fließen allein über den Ob, den größten Fluss des Gebietes, jährlich mehr als 125 000 Tonnen Rohöl in das Nordpolarmeer.

„Die meisten Umweltprobleme, die sich seit der Sowjetzeit angehäuft haben, gab es in Westsibirien“, berichtet Wladimir Bujanow, Pressesprecher von TNK BP, gegenüber den The Moscow News. „Die Infrastruktur ist dort so alt wie sonst nirgendwo.“

Insgesamt hat sich die Situation in Westsibirien durch die rückläufige Zahl der Ölkatastrophen und die Zunahme rekultivierter Bodenflächen verbessert. Doch im Bezirk Chanty-Mansijsk wurde unlängst ein Gebiet im Ausmaß von 6 600 Fußballfeldern durch Erdöl verseucht, wofür die Gesellschaften eine Geldstrafe von schlappen 1,8 Millionen Euro zahlten. Der Reinerlös von Rosneft, die für 60 Prozent der lokalen Ölkatastrophen verantwortlich ist, belief sich dagegen im letzten Jahr auf 10 Milliarden Euro.

WWF-Umweltkoordinator Knischnikow räumt ein, dass die Bewertung des Katastrophenschutzes der Ölfirmen und der Rekultivierungsmaßnahmen schwierig sei. „Die können berichten, dass das Land rekultiviert worden ist, während sie lediglich den verseuchten Bodens mit Sand zugeschüttet haben“, kritisiert er.

Offshore-Förderung birgt zusätzliche Risiken

 

Ein zusätzliches Risiko birgt die Erdölförderung im Arktischen Schelf.

Gazprom Neft Schelf beabsichtigt, als erste Gesellschaft in der Arktis auf seiner Priraslomnaja-Plattform im Petschora-Meer kommerziell Erdöl zu fördern. Der fünfjährige Ölhavarie-Notfallplan wurde jedoch seit März nicht mehr aktualisiert.

Wie Untersuchungen des WWF zeigen, herrschen in dem Gebiet häufig Bedingungen „unter denen die Betriebsgesellschaft nicht im Stande ist, ein Leck zu beseitigen, zum Beispiel wenn das Öl nachts oder unter widrigen meteorologischen Bedingungen auszutreten beginnt.“

Am letzten Freitag erklommen sechs Greenpeace-Aktivisten, darunter auch Geschäftsführer Kumi Naidoo, den Priraslomnaja-Bohrturm und ketteten ein Schlauchboot an ein Versorgungsschiff der Plattform. Dieses konnte deshalb keine Arbeiter auf die Ölplattform bringen.

„Jedes Jahr tritt in Russland durch Lecks etwa so viel Erdöl aus, wie auf der Priraslomnaja-Plattform gefördert werden soll. Es wäre für die Ölfirmen, die Regierung, die Bevölkerung Russlands und für die Einheimischen viel kostengünstiger, das Erdöl aus den Lecks aufzubereiten, anstatt das unberührte Arktische Schelf zu erschließen,“ schrieb Naidoo in einem offenen Brief an die Bevölkerung Russlands.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der Zeitung The Moscow News.

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