Sie pfeifen auf die Auslandsmeinung

Die Gesellschaft reagiert auf Pussy Riot so, wie sie seit jeher auf systemkritische Persönlichkeiten reagiert hatte (Illustration: Natalia Michailowa)

Die Gesellschaft reagiert auf Pussy Riot so, wie sie seit jeher auf systemkritische Persönlichkeiten reagiert hatte (Illustration: Natalia Michailowa)

Sind Pussy Riot nur ein Glied in der langen Kette der Dissidenten? Nein - aber ein Exempel der gesellschaftlichen Ignoranz.

Worin besteht das Vergehen der Gruppe Рussy Riot? Darin, dass Nadjeschda Tolokonnikowa, Jekaterina Samuzewitsch und Maria Aljochina in der Christ-Erlöser-Kirche ein „Punkgebet“ vorführten, in dem sie Russland dazu aufforderten, sich Wladimir Putins zu entledigen, was einem politischen Protest gleichkam. Es war, unverhohlen gesagt, ein unschöner Akt – nicht wegen der Handlung selbst, sondern wegen der Wahl des Schauplatzes und der Methode.

 

Vor Gericht sagten die Frauen aus, dass sie weder die Russisch-Orthodoxe Kirche noch die Gläubigen hatten beleidigen wollen. Meiner Meinung nach können nur hirnlose oder unaufrichtige Menschen so etwas behaupten, denn es gibt nicht den geringsten Zweifel daran, dass eine solche Aktion beleidigend für die Gläubigen ist. Das sage ich als Atheist und Gegner der Orthodoxen Kirche.

 

Die Richterin Marina Syrowa gab an, sie habe keinen politischen Kontext in dem Punkgebet erkennen können. Auch für diese Aussage muss man meiner Meinung nach entweder hirnlos oderunaufrichtig sein. 

 

Die Hauptsache ist jedoch ein starkes Gefühl des Déjà-vu. Man erinnere sich: Was war das Vergehen des genialen Dichters und Nobelpreisträgers Joseph Brodsky? Die Tatsache, dass er nicht die „richtigen“ Gedichte schrieb, wofür er des Schmarotzertums angeklagt, verurteilt und außer Landes verwiesen wurde. Die ganze demokratische Welt protestierte. Und dann? Nichts. Zumal das sowjetische Volk den antisowjetischen Menschen und Speichellecker des Westens Brodsky verdammte, obgleich niemand seine Gedichte, die ja nicht gedruckt wurden, gelesen hatte.

 

Was war das Vergehen des großen Wissenschaftlers, des dreifachen Helden der sozialistischen Arbeit und, wenn man will, des Vaters der Wasserstoffbombe Andrei Dmitrijewitsch Sacharow? Die Tatsache, dass er die Politik der KPdSU und des Sowjetstaats öffentlich verurteilte. Dafür wurde er zur Verbannung in die Stadt Gorki geschickt. Dagegen protestierte die ganze demokratische Welt. Und dann? Nichts. Man schickte ihn nach Gorki und damit basta. Zumal das sowjetische Volk ... na, und so weiter. Was war das Vergehen des großen russischen Dichters und Nobelpreisträgers Boris Pasternak? Was war das
Vergehen des genialen Musikers und großen Cellisten Mstislaw Rostropowitsch?

 

Wenn jemand den Eindruck hat, dass ich die Mitglieder von Pussy Riot mit den oben genannten Genies vergleiche, dann irrt er. In Wirklichkeit

geht es mir um die absolut geringschätzige Einstellung der russischen Behörden zur demokratischen öffentlichen Meinung im Ausland. Denn die ganze demokratische Welt protestiert gegen das, was mit den Mitgliedern von Pussy Riot geschah, geschieht und geschehen wird. Und dann? Nichts. Zumal das Außenministerium der Russischen Föderation Hinweise darauf für überzeugend erachtet, dass die Strafgesetzgebung Deutschlands und Österreichs Paragrafen enthalte, nach denen man für ähnliche Aktionen wie die von Pussy Riot zu einer Haft- oder Geldstrafe verurteilt werden könne. Und die Mehrheit der russischen Bürger vertritt den Standpunkt, dass man die Mädchen von Pussy Riot einsperren müsse.

 

Unlängst, als ich in London während der Olympischen Spiele einige Wettkämpfe besuchte, empfand ich es als äußerst unangenehm, dass das Publikum laut und manchmal leidenschaftlich Partei gegen das russische Team ergriff. Das fiel besonders in den Mannschaftssportarten wie Basketball und Volleyball auf. Allerdings wandte man sich nicht gegen bestimmte Sportler, sondern, meiner Meinung nach, gegen das Land. Ja, das heutige Russland ist in der demokratischen Welt nicht beliebt. Aber wir pfeifen darauf. Stimmt’s?

 

Wladimir Posner, geboren 1934 in Paris und aufgewachsen in New York, Berlin und Moskau, gehört zu den angesehensten russischen Fernsehjournalisten.

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