Zurück in die Schuluniform

Foto: RIAN

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Ob Kleinverdiener oder arbeitslos – für Millionen Eltern in Russland ist der Schulanfang am 1. September immer ein Grund, sehr viel Geld auszugeben.

Seit den Sowjetzeiten ist der 1. September – oder der „Tag des Wissens“ – der Tag, an dem die Schulen offiziell ihre Pforten öffnen, ein großes Fest. Seine soziale Bedeutung strapaziert häufig das Budget der Familien über alle Maßen. Das Geldausgeben fängt am 1. Schultag aber erst richtig an, denn viele Eltern glauben immer noch, die schulischen Erfolge ihrer Sprösslinge mit entsprechendem Bakschisch erkaufen zu müssen – ein altes Sowjetlaster.

Ein junger, gut gekleideter Bauingenieur aus Twer, der nicht namentlich genannt werden möchte, lässt gerade seine Tochter einschulen. „Ich bin seit einigen Monaten arbeitslos, aber was soll ich tun? Der erste Schultag ist für das Kind ungeheuer bedeutend”, sagt er und fingert an einem hellrosa Rucksack in einer Moskauer Ladenpassage herum. „In Moskau bekommt man noch wenigstens gute Warenqualität.”

Markenterror Schulkleidung


Laut offizieller Statistik verdient ein durchschnittlicher Russe außerhalb der beiden Metropolen Moskau und St. Petersburg rund 20 000 Rubel (500 Euro). Laut MSN Money geben russische Eltern bei der Einschulung ihres Kindes mindestens 9 000 Rubel (220 Euro) aus. So viel kostet es, das eigene Kind mit Schulbüchern, Rucksack und Schreibzeug auszustatten – die Schulkleidung nicht zu vergessen: Eine Schuluniform, wie es sie zu Sowjetzeiten gab, existiert heute nicht mehr, dennoch gibt es an den Schulen strikte Kleiderordnungen, die eingehalten werden müssen.

Die Moskauerin Irina Matwejewa, Mutter zweier Schulkinder, lacht über diese Summe. „Vielleicht bekommt man in der Provinz für 9000 Rubel etwas anständiges, aber nie und nimmer Markenklamotten“, sagt sie. „Die Kinder von heute wollen zur Schule Mode tragen – anderenfalls riskieren sie, von ihren Mitschülern schikaniert zu werden“. Die Moskauerin berichtet von Kreditanzeigen in der Metro: Diese versprechen günstige Darlehen für den Schulanfang. „Ich bin mir sicher, viele Eltern werden diese Angebote einfach wahrnehmen müssen“.

An vielen russischen Schulen gibt es strikte Kleiderordnungen, die eingehalten werden müssen. Foto: RIAN

Die Sonderangebote des Einzelhandels tun der Not keinen Abbruch, da die Warenqualität zu wünschen übrig lässt. Selbst das Ladenpersonal zweifelt oft daran. „Ich bin nur noch bis Ende der Woche da, also kann ich sagen, was ich denke“, gestikuliert Fatima, Verkäuferin in einer kleinen Abteilung für Schulzubehör. Sie zeigt auf einen Rucksack mit Cartoon-Figuren: „Dieses Teil da wird keinen Monat halten. Aber der Ramsch ist eben billig genug, damit ihn sich durchschnittliche Eltern leisten können.“

Bestechungsgelder weiterhin ein Problem


Matwejewa sieht in den Ausgaben zum 1. September kein Übel. Vielmehr ist sie um die Schmiergelder besorgt, dass das Personal öffentlicher Schulen oft unter Hand von den Eltern fordert. „Zwar ist die Schulbildung offiziell kostenlos, doch die Schulleitungen beklagen dauernd ihr knappes Budget und drängen die Eltern dazu, für die Instandhaltung der Schulen zu zahlen“. Manche Schulen würden sogar „Aufnahmegebühren“ verlangen. Das Problem sei besonders in der Provinz sehr hart, wo die Auswahl der Schule eingeschränkt ist und die Eltern keine Alternative haben.

Iwan Ninjenko, stellvertretender Leiter der Antikorruptionsbehörde

Transparency International Russia, rät eine Zahlung ab. „Sie müssen ein offenes Gespräch mit der Schulleitung führen. Wenn sie das nicht tun, laufen sie Gefahr, selbst einmal hinter Gittern zu landen“, erläutert er. „Wer einen Beamten schmiert, macht sich laut Gesetz genauso strafbar.“ „Die meisten Eltern befürchten jedoch, dass die Lehrer und die Schulleitung ihren Unmut an den Kindern auslassen könnten und zahlen daher bereitwillig“. Die intelligentere Lösung wäre laut Ninjenko ein offfizieller Fonds, der vom Elternbeirat betreut wird.

Korruption auch beim Staatsexamen


Auch das einheitliche Staatsexamen, das derzeit alle Schüler vor der Immatrikulation an einer Hochschule ablegen müssen, hatte sich zunächst zu einer lukrativen Einnahmequelle entwickelt. Reformen haben das Prüfungsprozedere jedoch transparenter gemacht. Ninjenko sieht der Perspektive vergleichbarer Reformen in den öffentlichen Schulen selbst indessen pessimistisch entgegen.

„Im Falle des Staatsexamens gab es den guten Willen, die Korruption einzudämmen. Die Universitäten haben überhaupt kein Interesse daran, Studenten zuzulassen, deren Eltern ihnen den Schulabschluss erkauft haben”, sagt er. „Aber in den öffentlichen Schulen sind die Verhältnisse anders. Viele Beamte dort haben sich schon zu sehr daran gewöhnt, den Eltern Geld aus der Tasche zu ziehen, während Eltern sich zu sehr daran gewöhnt haben, dieses Spiel einfach mitzumachen.“

Dieser Beitrag erschien in der Zeitung The Moscow News.

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